Endlösung am BernsteinstrandSeite 6/6

Die zweihundert Palmnicker Frauen mussten sich nun hinter die Reihe der Leichen stellen. Russische Soldaten bezogen Stellung und richteten Maschinengewehre auf sie. Ein Major, selber Jude, hielt auf Deutsch eine Rede und sagte, man könne jetzt mit den Palmnickern so verfahren wie die Deutschen mit den Juden. "Er brachte zum Ausdruck, dass sie das tun könnten - aber davon absehen", wie der von den Sowjets eingesetzte Palmnicker Bürgermeister Rudolf Folger später nüchtern zu Protokoll gegeben hat. "Nachdem der Major seine Rede beendet hatte, mussten wir die Toten in einem neuen Massengrab anständig einbetten." Dann gab es eine russische Feierstunde. Die Ansprache des Oberst Kabrowitski ist dokumentiert, auch sein feierlicher Schwur, der Ermordeten ständig zu gedenken, damit auch Enkel und Urenkel von ihrem Schicksal erfahren.

Erst 1994 wird eines der Massengräber wiederentdeckt

Tatsächlich war aber schon nach einem Jahrzehnt alles vergessen. 1947/48 mussten die Deutschen aus dem Land. Die Militäreinheiten wechselten.

Zivilisten aus den Weiten der Sowjetunion wurden hier angesiedelt, Palmnicken in Jantarnij umbenannt. Die Gräberfelder der Deutschen wie ihrer Opfer ebnete man ein.

Das Massengrab neben der Grube Anna verschwand unter dem Küstensand. Doch es blieb als einziges erhalten: In den sechziger Jahren stießen Bagger bei der Suche nach neuen Bernsteinvorkommen auf die Gebeine. Nun meinte man, eine Ruhestätte von in deutscher Gefangenschaft ermordeten Sowjet-Soldaten vor sich zu haben, und errichtete einen Gedenkstein mit der Inschrift Ewiger Ruhm den Helden. Als später ein Militärflugzeug abstürzte, setzte man auch die beiden umgekommenen Piloten hier bei. Jahr für Jahr legten nun Komsomolzen Kränze nieder, fanden Aufmärsche zum Heldengedenken statt, bis die Sowjetunion zusammenbrach und sich die Grenzen des mehr als vierzig Jahre hermetisch abgeschlossenen Kaliningrader Gebietes für die Außenwelt öffneten.

Bei einem Besuch in seinem Heimatort verglich Martin Bergau 1994 das inzwischen sehr vernachlässigte Gedenkgrab mit den Angaben der über Israel beschafften, doch in Jantarnij gänzlich unbekannten sowjetischen Dokumente von 1945. Dann ging er aufs Amt und erläuterte dem Bürgermeister, was sich vor fünf Jahrzehnten hier zugetragen hatte. Die überraschte Kommunalbehörde erlaubte Bergau, sich um die Restaurierung der Grabstätte zu kümmern. Es dauerte seine Zeit, aber dann erhielt er die Unterstützung des deutschen Außenministeriums, des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der russischen Organisation Memorial. 1999 haben junge Russen und junge Deutsche aus Brandenburg dann gemeinsam das Grab restauriert und befestigt.

Auch die von zugewanderten russischen Juden neu gegründete Synagogengemeinde Königsbergs gedachte hier inzwischen der Ermordeten. Am 31. Januar dieses Jahres setzte sie in Gegenwart von Gouverneur Gorbenko und Kaliningrader Honoratioren einen Gedenkstein mit hebräischem und russischem Text. Und vielleicht, vielleicht wird eines Tages sogar das Ostpreußenblatt den Mut finden, seinen Lesern zu berichten, was in der Nacht des 31. Januars am Palmnicker Bernsteinstrand geschah.

 
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