Kabarett im KZ

von Rolf Michaelis

Lachen und Weinen: Wie anders könnte man sich des Ansturms erwehren von Witzen, Songs, Conférencen, Liedern, frivolen Plaudereien, die am Grabesrand, an der Schwelle zur Todeszelle improvisiert - nein, viel öfter, weil von Profis der darstellenden Kunst rasch noch geprobt - und erst dann, tipptopp - den Mit-Todes-Kandidaten dargeboten wurden.

Ein solches Dokument heulender Heiterkeit hat es bisher nicht gegeben. Hier erstirbt jeder Anflug von Rezension. Künstler gehen in den Tod - und singen, scherzen, machen Szene-Späßchen, als ob nichts wäre. All dies in der Gewissheit für Sänger, Schauspieler, Plauderer, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Große Künstler einst. Jetzt geduldete oder zynisch "eingesetzte" Künstler zur Besänftigung intelligenter Mit-Menschen.

Anzeige

Totentanz ist ein zu freundlicher Titel für dieses Dokument, das uns erst jetzt, fast zu spät, erreicht. Jetzt, da eine junge Generation schon wieder Synagogen abfackelt. Jetzt, da ein Altkanzler, der seine kriminellen Handlungen, ohne dass sich jemand erregt, "Fehler" nennt und den in dem von ihm verwalteten Land zu seiner Amtszeit ermordeten Ausländern die Trauer-Geste verweigert, die sein Regierungssprecher Dieter Vogel als "Beileidstourismus" lächerlich macht.

Jetzt, da Unternehmer in Hamburg und Bremen im Nadelstreifenanzug sich erheben, um einem Rechtsbrecher wie Kohl Ovationen darzubringen (haben sie alle ähnlich Gesetze gebrochen?), kommt diese Edition zur rechten Zeit.

Und es haut einem das Herz ab. Wie hat sich unser Land von seinen besten, witzigen Künstlern der "leichten Muse" getrennt! Harald Schmidt, Stefan Raab - die können sich noch so abrackern: Sie bleiben Nullen gegenüber dem politischen Witz, der verzweifelten Angriffslust, mit der vor einem halben Jahrhundert todgeweihte Künstler ihr Lebensrecht behauptet haben - mit bis heute gültigen Texten.

Fritz Grünbaum, Max Ehrlich, Franz Engel, Ralph Erwin, Lisl Frank, Hermann Feiner, Kurt Gerron, Dora Gerson, Willy Rosen, Camilla Spira: ein paar Namen seien genannt, um das Reich der großen leichten Kunst zu beschwören, das - auch - Deutschland einmal groß gemacht hat, ehe es blutig unterging.

Die Edition Mnemosyne von Wolfgang M. Schwiedrzik hat mit diesem Hörbuch Erstaunliches geleistet. Der Berliner Kabarett-Künstler und Publizist Volker Kühn hat 26 Aufnahmen aufgetrieben und mit neuer Technik überhaupt wieder hörbar gemacht. Das kreischt und jault - und geht zu Herzen, wie all die alten Aufnahmen, die wir heute wieder hören können.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Kabarett | Harald Schmidt | Ausbeutung | DVD | Dieter Vogel | Hörbuch
Service