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Eine Stadt im Kulissenwahn: Wie sich Dresden die eigene Vergangenheit zurechtlügen möchte von Andreas Ruby

Doch diesmal kommt es anders. Etwas Unerhörtes bringt den gewohnten Anblick durcheinander. Ein imposanter Kubus schwebt über der Brühlschen Terrasse und lässt für den Bruchteil einer Sekunde die Fata Morgana eines Neubaus an der Dresdner Elbfront aufscheinen. Tausende Gerüststangen formen miteinander verbunden ein Volumen, das entfernt an eine Architektur zwischen Pop und Minimal erinnert. Doch die Ungewissheit hält nicht lange an: Einem Schlangenei gleich zeichnen sich hinter der diaphanen Hülle die Umrisse eines Körpers im Entstehen ab. Eines Tages wird die Schale abfallen, und dann wird sie wieder da sein, wie frisch aus dem Ei gepellt: die Dresdner Frauenkirche.

Der Wiederaufbau der Frauenkirche steht symbolisch für die Sehnsucht eines großen Teils der Öffentlichkeit, "ihr" altes Dresden wieder aufgebaut zu sehen. Die Frauenkirche wird für Dresden in etwa das sein, was Frank Gehrys Guggenheim-Museum für Bilbao geworden ist: gebaute Garantie einer Identität, die man in der ehemaligen sächsischen Residenz im Gegensatz zu der nordspanischen Industriestadt gleichwohl nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit sucht. Wie erfolgreich die Frauenkirche als Sinnbild für Dresdens Stadtentwicklung gewesen ist, zeigen Folgeprojekte wie das Taschenbergpalais oder das Coselpalais. Jahrzehntelang nur in Ruinenresten vorhanden, sind beide Gebäude mittlerweile wieder aufgebaut, als wären sie nie zerstört gewesen. Im makellosen Anstrich ihrer sächsisch-gelben Fassaden verliert sich keine Spur der Erinnerung an jene verheerende Bombennacht im Februar 1945.

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Im Moment gibt es nur ein einziges konsensfähiges Leitbild für die Entwicklung der Dresdner Innenstadt: die Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses zur Wiederherstellung der "stadträumlichen Identität". "Historisch" ist der Stadtgrundriss Dresdens selbstredend nur bis zu dessen Bombardierung. Die "stadträumliche Identität" beschränkt sich somit auf das Vorkriegs-Dresden, die 40 Jahre DDR-Zeit bleiben davon ausgeschlossen.

Rückkehr durch Rückbau heißt folglich die Devise. So wird der Altmarkt wieder auf seine mittelalterlichen Maße zurückgestutzt. Der Neumarkt, in DDR-Zeiten nur provisorisch von Trümmern geräumt, soll komplett rekonstruiert werden. Ebenfalls in seinen historischen Maßen wieder auferstehen lassen möchte man die einst wichtigste Einkaufspromenade der Stadt, die Prager Straße. Dem im Wege steht allerdings das heroische Ensemble gleichen Namens aus den sechziger Jahren, das vielen Freunden des alten Dresden schon lange ein Dorn im Auge ist - zu hoch seien seine Bauten, zu weit der von ihnen gefasste Stadtraum. Dabei wirkt der Maßstab seiner Hochhausscheiben keineswegs ungebremst auf die Menschen ein, die sich zu ihren Füßen bewegen, vielmehr wird er durch kleinere Verbindungsbauten, Pavillons und Laubengänge schrittweise auf den menschlichen Maßstab "heruntertransformiert". So hält man sich gern hier auf, gerade an Sommertagen sieht man viele Menschen stundenlang an den Wasserspielen sitzen.

Selbst kühnste DDR-Bauten sollen abgeräumt werden

Die Erkenntnis, dass es sich bei der Prager Straße in Wirklichkeit um einen der erfolgreichsten öffentlichen Räume des modernen Städtebaus handelt, muss schließlich auch die Stadtpolitiker dazu gebracht haben, alle klandestinen Abrisspläne zu begraben. Stattdessen soll sie nun in die nördlich und südlich von ihr wieder auferstehende "historische" Prager Straße integriert werden. Zum "Prager Platz" konvertiert, wird sich der großzügige Raum der Moderne dereinst in der Schraubzwinge hoch verdichteter Stadtblöcke wiederfinden, die sich an spekulativen Gründerzeitquartieren orientieren. Die konkurrierenden Stadtmodelle - offener und geschlossener Städtebau - prallen unbarmherzig aufeinander (ein Lichtblick einzig die Freiraumplanung durch Siegbert Langner von Hatzfeld, zusammen mit Heinle, Wischer und Partner).

Im Zuge dieser Stadtbilderneuerung, deren Motto "Unser Dresden soll schöner werden" heißen könnte, steht ein großer Teil der DDR-Architektur diskussionslos zur Disposition. Betrachtet man die einzelnen Gebäude, fragt man sich allerdings wieso. Denn stünden sie in Köln oder Rotterdam, sähe man sie wahrscheinlich einfach als das, was sie sind: charakteristische und nicht selten qualitätvolle Beispiele für die europäische Architektur der Nachkriegsjahrzehnte. Ein Bau wie der vom Volksmund so getaufte "Fresswürfel" (Müller und Gruner, 1967) am Postplatz lässt sich architektonisch ohne weiteres mit den kühnen Bauten des Düsseldorfer Büros Hentrich, Petschnig und Partner aus derselben Zeit vergleichen. Doch in Dresden ließ man das Gebäude erst systematisch verrotten, um ihm später ein Drittel seines Körpers buchstäblich abzusägen - ein Investorenriegel banalster Sorte brauchte den Platz. Genauso würde das Centrum Warenhaus (Simon und Fokvari, 1978) mit seiner silbrig-schimmernden Aluminium-Waben-Fassade in der Optik einer Zeitschrift wie Wallpaper wahrscheinlich als Teil des aktuellen minimal revival gesehen werden. Doch in der sächsischen Landeshauptstadt wird es früher oder später wohl einem Rückbauprojekt weichen müssen.

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