Mama, da ist Ei auf dem Teppich ...
Vater und Mutter verreisen, der Sohn, 14 Jahre alt, gibt eine Party. Als die Eltern zurückkehren, finden sie ihr Haus nahezu zerstört vor - von ganz normalen Jugendlichen aus einem Hamburger Vorort
Tatjana und Ilka * , 13 Jahre alt, treffen sich bei Ilka in Agathenburg. Wahrscheinlich werden sie, wie fast jeden Tag, mit dem Zug nach Stade fahren und dort ins Check in gehen, eine Erlebniswelt mit Bowlingbahn, Spielautomaten, Kneipen, Kinos. Aufregend ist die Aussicht nicht, schon wieder in Stade rumzuhängen. Aber immer noch besser, als zu Hause zu bleiben. Um 16 Uhr dringt dasPiepen eines Handys durch die Stille des zähflüssigen Nachmittags. Es ist Annika. "Party in D.", sagt sie. "Ihr könnt kommen."
Ein bedeutungsvoller Anruf. Er fällt in die letzten Stunden vor dem Bürgerkrieg. Im Lauf des Abends wird sich im Haus der Familie Meiners in dem Hamburger Vorort ein Massaker an Dingen abspielen, das seinesgleichen sucht. "Horror-Party" schreiben zwei Tage später die überregionalen Boulevardblätter. Da weiß man, dass 50 bis 70 Teenager Einrichtungsgegenstände im Wert von über 100 000 Mark zerfeiert haben.
In den Zeitungen werden rasch exotische Erklärungen für den Exzess angeboten. Von "Partyterroristen" ist die Rede, die immer häufiger private Feste überfielen. Die Polizei wird mit Warnungen zitiert: Lassen Sie Ihre Kinder nicht allein feiern! Die Bild- Zeitung weist auf die Anwesenheit "Halbstarker mit russischem Akzent" hin. Doch niemand geht ernsthaft der Frage nach, ob das, was in dem Hamburger Vorort sichtbar wurde, nicht gerade das Gegenteil einer Ausnahme ist: ein Fall von Anomie, der so oder ähnlich an jedem Wochenende auch in Hamburg passieren könnte, in Sindelfingen oder in Goslar.
Erst ein bisschen Playstation, dann der Rest
Als Ilka und Tatjana kurz vor 17 Uhr von ihrer Freundin Annika am Bahnhof abgeholt und den kurzen Weg zum Bungalow der Meiners geführt werden, sieht alles noch harmlos aus. Neun oder zehn Gäste sind schon anwesend. Die beiden Mädchen kennen manche, darunter den 14-jährigen Gastgeber Michael Meiners, noch aus der Grundschulzeit - die Jugendszene in der Samtgemeinde Horneburg ist überschaubar. Realschule und Hauptschule befinden sich im selben Gebäudekomplex. Nur wer nach Stade aufs Gymnasium geht, verliert den Kontakt zu seinen Grundschulfreunden. Michaels Eltern sind mit den beiden jüngeren Söhnen übers Wochenende ins Euro-Disneyland nach Paris gefahren. Die Party haben sie genehmigt: allerdings mit nur sieben Gästen, Cola und Kartoffelchips - und nur in Michaels Kinderzimmer.
Diese Verabredung darf um 17 Uhr als gebrochen gelten. Eine Stunde später spricht ein Nachbar Jugendliche in Hängebodenhosen an, die bierselig auf dem Dach des Bungalows grölen. Aus dem Haus dröhnt Musik. Schon vorher hat die Pastorin, bei der etliche Partygäste den Konfirmandenunterricht besuchen, über den Gartenzaun gefragt, ob eine Dachparty gefeiert werde. Sie hat eine freche Antwort bekommen und sich zurückgezogen - dass kein Erwachsener zu Hause gewesen sei, habe sie nicht wissen können, sagt die Pastorin. Am frühen Abend sitzen die meisten Jugendlichen noch in Michaels Zimmer. Sie spielen mit der Playstation und unterhalten sich: "Der und der hat Ärger gehabt in Buxtehude. Der und der ist von der Schule geflogen. Und so." Immer wieder zückt jemand das obligatorische Handy, um weitere Schwestern, Freunde, Freundinnen oder Cousins einzuladen. Der Gastgeber hindert sie nicht.
Allmählich verbreiten sich die Besucher über alle drei Etagen des Hauses. Türen seien eingetreten worden, sagen Michaels Eltern. Michael habe ihnen aufgeschlossen, sagen zahlreiche Gäste. Einbruch oder Einladung? Die Versicherung zahlt nur im ersten Fall.
Michaels Zuhause jedenfalls muss die Gäste beeindruckt haben: Bis heute hält sich unter den Jugendlichen der Umgebung die Legende, das Haus habe 58 Zimmer. Legende zwei: Michaels Eltern hätten ihm für das Wochenende 15 000 Mark Verpflegungsgeld dagelassen. Legende drei: Michael habe sich mit der Verwüstung an seinen Eltern rächen wollen, weil sie ihn eine Woche zuvor zum Wechsel auf eine "Hochbegabtenschule" gezwungen hätten.
Hauptsache, ihr habt Spaß, sagt Michael
Am Entstehen von Legende drei sind die Eltern nicht unbeteiligt. Sie haben Polizei und Presse in der Nachbereitung der Katastrophenfete ausgiebig über Michaels außergewöhnliche Begabung informiert; sein IQ liege bei 140. Richtig ist, dass sie Michael von der Realschule in Horneburg abgemeldet haben. Richtig ist, dass sie ihn auf einer privaten Hamburger Realschule angemeldet haben. Richtig ist, dass die Feier ein Abschiedsfest sein sollte.
An Michaels früherer Schule bezeichnet man die Leistungen des Jungen als durchschnittlich. Es sei aber in der Tat so, dass Hochbegabung nicht immer an den Noten zu erkennen sei, sagt der Rektor vorsichtig. Die Klassenlehrerin murmelt auf die Frage, ob Michaels Fähigkeiten mehr im musischen, im sprachlichen oder im mathematischen Bereich lägen, etwas von "ganzheitlichem Tun".
Nach 20 Uhr wird es im Hause der Familie Meiners voll. Laut Polizeibericht halten sich mindestens 25 Personen dort auf, immer mehr kommen dazu. Michael hat eingekauft: Salzgebäck, Dosenbier, eine Flasche Korn. Drei bis vier weitere Flaschen höherprozentigen Alkohols hätten sich außerdem im Hause befunden, sagt Esther Meiners. Am Montag nach ihrer Rückkehr aus Paris entsorgt sie 59 leere Schnapsflaschen in den Glascontainer.
Ilka und Tatjana merken etwa um 20 Uhr, dass die Küche "unordentlich" ist. Unordentlich beschreibt den Zustand, in dem sich beispielsweise der Küchenfußboden zu diesem Zeitpunkt befindet, zurückhaltend: Eisteepulver, Cola, Ketchup, ausgepresste Zitronen, gekochte Nudeln, Pizzareste und rohe Eier überziehen ihn als schleimige Morastschicht. Dazwischen sitzen Mädchen und verspeisen Pizza und Lasagne, die sie sich aus der Tiefkühltruhe geholt haben. Was ihnen nicht schmeckt, wird an die Wand geworfen oder fällt zu Boden.
Noch ist der Swimmingpool benutzbar. Einige Mädchen, darunter Annika, gehen schwimmen. Dann folgt eine Phase der Party, in der die Jugendlichen einander mit Kleidern ins Wasser stoßen. Klamotten zum Wechseln finden sie im Trockenkeller. Einige Stunden später treiben im Pool: Farbeimer, Zementsäcke (der Inhalt ist auf den Grund gesunken), ein Wäscheständer, Geschirr, Saftpackungen, Fischfilets, Kot.
Eine Urinspur zieht sich durch alle drei Etagen des Hauses mit Elbblick. Uriniert wird in den Swimmingpool, in Gummistiefel, Küchenschubladen, Gläser mit Sand von verschiedenen Urlaubsstränden, Betten: Reviermarkierung. Mit zunehmendem Alkoholisierungsgrad steigt die Zahl der Gäste, die sich auf den neuen Teppich erbrechen. In den Schlafzimmern werden Kleider, Hosen und Hemden aus den Schränken gerissen. Eindeutige Spuren sprechen dafür, dass sich in den Betten der Eltern Meiners Orgien abspielen.
"So ab 24 Uhr" seien die ersten Leute aufgebrochen, "weil zuviel kaputt ging", sagt Andre, 16, der ein paar Tage später vor der Polizeistation Horneburg auf seine Anhörung wartet. Die Polizei schätzt, dass die Verwüstungen gegen Mitternacht ihren Höhepunkt erreichen. Michael hat schon länger versucht, die marodierende Gästeschar zur Ordnung zu rufen. Warum ist er nicht zu Nachbarn gegangen, warum hat er keine Verwandten angerufen? Der Alkohol. Vielen habe Michael Leid getan, weil er nichts im Griff gehabt habe, sagen Ilka und Tatjana. "Aber es war auch blöd von ihm, dass er alles aufgeschlossen hat. 'Hauptsache, ihr habt Spaß', hat er gesagt. Irgendwie ist er selbst schuld." Die Selbst-schuld-Interpretation wird sich in den kommenden Wochen in der öffentlichen Deutung der "Horror-Party" durchsetzen. Sie ist eine gute Immunisierung gegen ein schlechtes Gewissen.
Mehrere Partygäste berichten, Michael habe schließlich oben in seinem Zimmer gesessen und geweint. Filmriss I: Irgendwann schläft der 14-Jährige nach dem Dauergenuss von Cola/Korn ein. Filmriss II ist kollektiv: Von den jungen Menschen, deren Anwesenheit auf der Fete außer Frage steht, erinnert sich kaum jemand, andere bei Zerstörungen beobachtet zu haben. Und niemand hat selbst auch nur einen Erdnussflip auf die Auslegeware fallen lassen.
Zwischen zwei und fünf Uhr morgens gibt es immer noch ein Kommen und Gehen zwischen der Bahnstation und dem offenen Haus. Um 5.22 Uhr erreicht die Polizei in Buxtehude der Anruf eines Nachbarn: Jugendliche rasen mit der Corvette der Meiners durch die Wohnstraße. Unter ihnen ist, als Beifahrerin, die 13-jährige Jacqueline. Was sie gedacht hat, als sie in das Auto einstieg? "Ich weiß nicht. Nichts." Und über das Chaos auf der Party? "Nichts." Reue, sagt die Leiterin des Horneburger Jugendzentrums, zu dessen regelmäßigen Besuchern auch Jacqueline gehört, zeigten die Jugendlichen kaum jemals aus Mitgefühl mit anderen. Sondern nur dann, wenn sie selbst Konsequenzen zu befürchten hätten.
Da die Corvette zum Zeitpunkt ihres Eintreffens wieder geparkt ist, sehen die Polizeibeamten aus Buxtehude keinen Grund, ihren Streifenwagen zu verlassen.
Am Sonntag vormittag, beim Anstehen an der Kasse des Euro-Disneylands, erreicht die Meiners ein Anruf ihres Sohnes: Das Haus sehe nicht gut aus: Überall sei Ei auf dem Teppich. Die Meiners machen sich sofort auf den Heimweg. Michaels ältere Schwester wird telefonisch alarmiert und bringt den Jungen zu den Großeltern nach Horneburg. Er habe die ganze Zeit gehofft, man könne die Unordnung morgens aufräumen, sagt Michael. Dabei grinst er ein bisschen und webt seine Finger ineinander. Am meisten Angst (außer natürlich um den Jungen) habe sie um ihr Hochzeitskleid gehabt, sagt Esther Meiners. Ihren Mann Kai hat sie erst vor zweieinhalb Jahren geheiratet, in Weiß. Es ist für beide der zweite Versuch. Fünf Kinder hat die Grundschullehrerin mit in die Ehe gebracht. Michael ist der Mittlere.
Das Hochzeitskleid ist von der Zerstörungswut der Jugendlichen verschont geblieben. Am Dienstag abend besucht Esther Meiners ihren Sohn bei den Eltern ihres Exmannes.
Noch am Montag liegt Alkoholdunst über dem Grundstück in dem Vorort. Die Meiners ziehen in ihr Wohnmobil und beginnen mit den Aufräumarbeiten: verletzt und empört darüber, wie man mit ihrem Eigentum umgegangen ist. Freunde kommen zum Saubermachen. Ilkas Mutter ist die einzige Mutter eines Partygastes, die sich zum Helfen verpflichtet fühlt. Sie sagt aber auch: "Ich habe meine Tochter erzogen. Jetzt bin ich doch für das, was sie tut, nicht mehr verantwortlich." Vor eineinhalb Jahren sei es mit Ilka ohnehin schlimmer gewesen als heute: Sie habe viel getrunken, geraucht, gekifft. Da war das Mädchen elfeinhalb.
Die Meiners tragen ihren Fall in die Öffentlichkeit. Sie benachrichtigen eine Mitarbeiterin des örtlichen Wochenblatts, die erste Fotos von der Verwüstung macht. Die freie Journalistin gibt die Berichterstattung allerdings an eine Kollegin ab, als klar wird, dass ihr Sohn unter den Partygästen war. RTL darf im Haus filmen, Szenen des Abends nachstellen, ein paar Tage später auch ein Interview mit Michael aufnehmen. Das Hamburger Abendblatt, die Hamburger Morgenpost und die Bild- Zeitung steigen groß ein, Tenor der Berichterstattung: Wie können Nachbarn wegsehen, wenn ihren Mitmenschen Derartiges angetan wird? Es ist dieser Zungenschlag der Meiners-Zitate, der die Familie bei ihren Nachbarn Sympathien kostet. "Wir wussten nicht einmal, dass sie verreist waren", sagt eine junge Frau in einem Haus zur Linken empört: "Natürlich helfen sich hier alle gegenseitig. Selbstverständlich hätten wir nach dem Jungen gesehen, wenn wir gewusst hätten, dass er unbeaufsichtigt feiert." Es sei unverschämt von Kai Meiners, der sonst kaum grüße, nun die Verantwortung auf andere abzuschieben. Ähnlich redet man im Gasthof: Die Bestürzung über das Unheil, das die Jugendlichen angerichtet haben, weicht der Frage, ob man einen 14-Jährigen über das Wochenende allein zu Hause lassen könne, ohne seine Aufsichtspflicht zu verletzen.
Falls sich auch die Meiners im Stillen diese Frage stellen, zeigen sie es nicht. Alle anderen sind schuld: die Nachbarn, die nicht eingegriffen haben, die Pastorin, die ihre Jalousien heruntergezogen hat, die Polizei, die vorbeigefahren ist, die Eltern, die ihre Kinder nicht anständig erzogen haben. Und sie selbst? Als Eltern? Esther Meiners, als Grundschullehrerin am Ort? Sie sind der Meinung, dass ein 14-Jähriger bei gefülltem Kühlschrank schon ein paar Tage lang allein zurechtkommen könne. "Ich habe ja versucht, vielen von denen, die unser Haus zerlegt haben, Werte und Normen beizubringen", sagt Esther Meiners. "Heute frage ich mich: Warum mache ich das eigentlich?" Und was ist mit Michael? Finden die Meiners nicht, dass er ihr Vertrauen missbraucht hat, vor allem jetzt, da die polizeilichen Ermittlungen eindeutig ergeben, dass von "Partyterroristen" ebenso wenig die Rede sein kann wie von aus dem Nichts aufgetauchten russischen Einwandererbanden? Dass Michael vielmehr nahezu jeden eingeladen hat, der ihm über den Weg gelaufen ist - und stets dazusagte, es könnten noch Leute mitgebracht werden? "Inzwischen sieht er wohl ein, dass er sich falsch verhalten hat", sagt Esther Meiners. Und wie denkt ihr Mann über die Sache? Schweigen. "Ich bin mit Michael im Reinen", sagt die Mutter. "Den Rest müssen die Männer unter sich ausmachen."
Michael sei das "schlaueste" ihrer Kinder, sagt Esther Meiners; seine Hochbegabung habe zur Schulverweigerung geführt. - "Der kann stundenlang mit Ihnen diskutieren", sagt Kai Meiners. "Stundenlang. Der erzählt Ihnen, dass Ihr blaues Jackett grün ist. Weil er es vielleicht auch grün sieht." Mit ständigen Auseinandersetzungen kompensierten Hochbegabte ihre Unterforderung, sagt Esther Meiners. Während die Eltern sich mit den beiden kleinen Söhnen gerne draußen aufhalten, Sport treiben und wandern, bleibt Michael lieber für sich. Was tut er dann am liebsten? "Laut Musik hören und in Ruhe gelassen werden und dabei lesen." Sein Lieblingsbuch? Stark von Stephen King.
Wie es dazu kam? Die Lehrer sind ratlos
"Der Junge hätte es vielleicht eher nötig gehabt, einmal in den Arm genommen zu werden, als alleine eine Party feiern zu dürfen", sagt ein Lehrer von der Realschule, der mit dieser Äußerung lieber nicht zitiert werden möchte. In der Schule herrscht Ratlosigkeit: Wie kam es zu der kollektiven Ausflipperei? Und wie soll man mit einem Ereignis wie der "Horror-Party" pädagogisch umgehen? Die Rahmenbedingungen sind nicht ungünstig: Die Realschule ist mit 250 Schülern klein und beschaulich; wenn ein Grafitto auf den Kacheln der Toiletten auftaucht, können die Deutschlehrer den Täter an der Handschrift überführen. Wie also erklären sich die Lehrer einen Gewaltausbruch wie in dem Hamburger Vorort? "Eine symptomatische Einstellung mancher Eltern gegenüber der Schule lautet: 'Mein Sohn raucht, tun Sie was dagegen'", sagt der Schulleiter. "Über die Hälfte unserer Elternhäuser sind kaputt: Trennungen oder Alkoholismus. Viele Leute, die hierher gezogen sind, weil man die Einfamilienhäuser in dieser Gegend noch bezahlen kann, pendeln zur Arbeit nach Hamburg - da sind die Kinder nachmittags zwangsläufig allein. Und es kommt auch immer öfter vor, dass Eltern mitten im Schuljahr eine Woche nach Kenia fliegen - ohne die Kinder." Vieles, was heute pseudopädagogisch als "Vertrauen" verpackt werde, sei in Wahrheit eine Überforderung: Zwölf-, Dreizehnjährige müssten Dinge entscheiden, die weit über ihren Horizont gingen.
Die Lehrer der Realschule muss man drängen, überhaupt eine Theorie über den inneren Zustand der Jugendlichen zu formulieren, die den Party-Horror angerichtet haben. Eine Strategie, wie das Ereignis aufzuarbeiten sei, damit es wenigstens einer nachträglichen Normenbildung dienen könnte, haben sie nicht. Jürgen Bönninghausen, 60, Leiter der Polizeidienststelle in Horneburg, ist nicht für die moralische Nachbereitung der Ereignisse zuständig: Er hat alle Hände voll damit zu tun, eine Ermittlung zu organisieren, in der bis zu 70 Zeugen zu hören sind - viele noch nicht strafmündig, was bedeutet, dass sie nur in Gegenwart ihrer Eltern befragt werden dürfen. Die aber sind an solchen Terminen wenig interessiert - oder weit weg, bei der Arbeit. Typisch für die Gegend seien harmlosere Delikte: Fahrraddiebstahl, Ladendiebstahl, Autoaufbruch, Drogenkonsum, sagt Bönninghausen. Auch zeigt die örtliche Jugend offenbar eine Tendenz, mangels interessanterer Alternativen trinkend auf öffentlichen Plätzen zusammenzukommen. All dies habe man aber im Griff, sagt Bönninghausen; eine Verwüstung, wie er sie im Hause der Meiners gesehen habe, sei ihm in seinem ganzen Polizistenleben nicht untergekommen.
Die Polizei? Total überfordert, sagen die Eltern
Das Verhältnis des Ermittlungsleiters zu den Tatopfern ist leicht gespannt: Bönninghausen hat es irritiert, dass er Michael wegen angeblicher Suizidgefahr nicht befragen durfte - während der Junge, anscheinend ohne dass seine Eltern seelische Schäden befürchteten, auf die Fragen von RTL-Reportern antwortete. Auch sitzen ihm die Meiners, die die Polizei für "total überfordert" halten, ständig im Nacken; eine Liste mit 30 Namen von Partygästen werde laufend, auch samstags, ergänzt. Mehr als arbeiten könnten aber auch er und seine vier Kollegen nicht, sagt Bönninghausen, und das täten sie: zehn bis zwölf Stunden am Tag. Gelegentlich gebe es auch einen Verkehrsunfall oder einen Autodiebstahl, um die sie sich kümmern müssten. Gerüchte über die geheimnisvolle Namensliste haben, ermittlungstechnisch, immerhin den Vorteil, dass einige Jugendliche sich vorsichtshalber freiwillig melden, um ihre Version des Abends zu erzählen. Von diesen Lichtblicken abgesehen aber gewähren die Anhörungen einen eher deprimierenden Einblick in die moralische Verfassung der Horneburger Jugendlichen: "80 Prozent sagen: 'Ich habe nicht gesehen, wer es war, da standen drei oder vier Leute zusammen, und plötzlich klirrte es'", berichtet Bönninghausen. Von selbst zugegeben hat noch niemand etwas; nur einige wenige konkrete Akte von Vandalismus (Pizza, Vasen, Bilder) lassen sich inzwischen namentlich zuordnen. Die Hoffnung, mit den Ermittlungen noch vor seinem Herbsturlaub fertig zu werden, hat der Polizist aufgegeben.
Eine ganze Reihe jener Jugendlichen, mit denen sich Bönninghausen abmüht, frequentieren die Jugendfreizeitstätte in Horneburg - eine Baracke, einst Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. Heute sieht sie aus wie ein Trainingscamp für Vandalismus: blätternde Farbe, zerfetzte Sperrmüllmöbel, vor dem Haus ein kürzlich abgefackeltes Sofa. Die Sozialpädagogin, die diese Einrichtung im Einzelkampf führt, macht aus dem Jugendtreff gleichwohl einen letzten Außenposten der Zivilisation. Sie hat ihre Schützlinge gedrängt, freiwillig mit der Polizei zu reden. Sie duldet im Gespräch mit den Jugendlichen nicht den beliebten "Ich weiß nichts, ich war gar nicht da"-Gestus. "Hierher kommen natürlich keine Mittelschichtkinder", sagt sie, "und wenn man nur mit Randgruppen arbeitet, gibt es keine Lernprozesse." Die Kinder seien heute immer häufiger und immer länger sich selbst überlassen. Mädchen hätten oft schon mit 12 Jahren Sex. Nach den Wochenenden sei es das größte Thema, wer wann wo wie besoffen gewesen sei. Es gebe eine gefährliche, alkoholinduzierte Gruppendynamik: "Ich trau mich noch viel mehr." Materielle Güter hätten gerade bei den Benachteiligten eine ungeheure Bedeutung, der Handy-Kult kenne keine Grenzen. Freiwillig melde sich kaum jemand, wenn in der Jugendfreizeitstätte eine Regel verletzt worden sei. Noch die Hausverbote, die sie gelegentlich aussprechen müsse, empfänden einige Jugendliche als Zuwendung.
"Niemand sieht diese Kinder", sagt sie, "und doch könnten Sie jedes einzelne von ihnen retten. Wenn Sie eine Lebensaufgabe suchten." Die Horror-Party im Vorort? "Ein Schrei nach Grenzen." So, wie es aussieht, gilt dieser Satz in der Samtgemeinde Horneburg nicht nur für die Randgruppen.
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