D E B A T T E Ingeborg Bachmann (2)

Man sollte die Gedichte unabhängig von der Biografie lesen

Reinhard Baumgart und Peter Hamm versuchen, die Frage, ob man nicht autorisierte Gedichte publizieren soll, an der literarischen Qualität festzumachen. Das Kriterium ist fragwürdig. Die Diskussion müsste sich um die Frage drehen, ob das öffentliche Interesse an der Lyrikerin Bachmann höher zu schätzen ist als ihr persönliches Votum. Fragwürdiger noch ist die Selbstsicherheit, mit der Baumgart und Hamm über die Qualität der Bachmann-Texte urteilen. Hamm: Was nicht echte lyrische Qualität aufweist, soll nicht veröffentlicht werden; wer es dennoch publiziert, verrät seine Geldgier. Auch Baumgart ist sicher, dass Bachmanns Texte keine Gedichte sind. "Darüber ist nicht zu streiten", befindet er. Er zieht die entgegengesetzte Folgerung: Eine Veröffentlichung sei wünschenswert, weil sie endlich einmal die nicht literarische, die private, die ungereinigte Bachmann zeige.

Unbeirrt vom Stempel "Keine Lyrik - Lebensschlamm", den sowohl Baumgart als auch Hamm den Gedichten aufdrücken, lese ich die ebenfalls abgedruckte Textprobe Julikinder: Auch wenn diese Verse auf eine Abtreibung anspielen, kann ich sie völlig losgelöst von Ingeborg Bachmanns Lebenskrise am Beginn der sechziger Jahre lesen. Ich kann mich in ihre Wiederholungsstrukturen vertiefen und stelle fest, dass hier durchaus ästhetisierend mit Sprache umgegangen wird. So weit kommen Baumgart und Hamm aber nicht, weil sie Bachmanns Gedichtentwürfe von vornherein auf den biografischen Kontext verengen.

Die Kriterien für ihre selbstgewisse Bewertung lyrischer Qualität nennen Baumgart und Hamm nicht oder zaubern sie en passant aus dem Ärmel. Von "dichter Fügung", vom "zwingenden So-und-nicht-anders" ist die Rede. Doch nachdem Baumgart Bachmanns Notate kategorisch als Nichtgedichte bezeichnet hat, kommt er zu der überraschenden Wendung: "Bachmann-Texte sind es natürlich trotz alledem, unverwechselbar im Tonfall ..."

Gerade weil die moderne Lyrik für die Literaturkritik ein schwieriges Feld ist, helfen hier bestimmt keine Urteilsetiketten weiter, sondern nur die Bereitschaft, Gedichte gründlich und vorurteilsfrei zu lesen. Auch der Leser von Lyrikrezensionen ist besser bedient, wenn er auf sprachliche Eigenheiten von Texten aufmerksam gemacht wird, als wenn ihm massive Rhetorik serviert wird.

Nun liegen die Texte vor und gehen in Umlauf. Es ist ihnen eine differenzierte und eingehende Lektüre zu wünschen, die sie nicht nur als Seismograph von Ingeborg Bachmanns Biografie versteht.

Der Autor ist Germanistikstudent und promoviert über die Lyrik des 18. Jahrhunderts

 
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