Und täglich grüßt der Cyberspace

Seit dieser Woche erscheint die "Netzeitung" - Deutschlands erste Tageszeitung, die es nur im Internet gibt

Jetzt ist alles eine Nummer kleiner. Die Redaktionsräume: eine halbe Etage in einem mittelgroßen Bürohaus. Der Konferenztisch für die Redaktionssitzungen: Da hätten beim stern schon die Ressortleiter über Platzmangel geklagt. Abonnenten: gibt es nicht, Leserschaft: noch unter der Nachweisgrenze.

Seit gut einem Monat ist Michael Maier Chefredakteur der Berliner Netzeitung, der "ersten Tageszeitung Deutschlands, die ausschließlich im Internet erscheint". In dieser Woche wurde die Site (www.netzeitung.de) offiziell gestartet.

Es ist keine zwei Jahre her, da spielte der 42Jährige noch in einer ganz anderen Liga. Da war er Chefredakteur des stern, Herr über 170 Redakteure und 16 Außenbüros und bediente nahezu sieben Millionen Leser. Mit einem zweistelligen Millionenetat hatte er zuvor die DDR-Postille Berliner Zeitung zu einer modernen Hauptstadtzeitung umgekrempelt. In seinem Heimatland Österreich war er als Chef des Traditionsblatts Die Presse bekannt geworden.

Das norwegische Vorbild wirft bereits fette Gewinne ab

Jetzt also die Netzeitung. Herausgeber ist der zu Lycos Europe gehörende Internet-Dienst spray.net. Der hat Maier geholt, um aus dem ganz neuen Blatt möglichst bald ein etabliertes zu machen. Damals bei der Berliner Zeitung war es noch umgekehrt: Da sollte er aus einem etablierten Blatt ein ganz neues machen.

Ein Abstieg? "Das Schöne am Internet ist sein egalitärer Charakter", sagt Maier, lehnt sich zurück und bläst Rauchringe. "Da gibt es solche Kategorisierungen nicht." Dass Internet-Journalismus oft nicht ernst genommen wird, beeindruckt ihn nicht: "Das ging dem Fernsehen in seiner Frühzeit nicht anders." Sollen sie doch spotten. Sie werden schon sehen.

Im Juli 1999 hatte Gruner + Jahr Maier nach einem halben Jahr beim stern rausgeworfen. Danach war er erst einmal abgetaucht. Anfang des Jahres meldete er sich aus Israel wieder zu Wort, von wo aus er eine Hand voll Kolumnen für die FAZ schrieb. Jetzt ist Maier wieder Chef.

"Wir wollen uns mit Qualitätsjournalismus profilieren", sagt er. Eigenrecherchen und Hintergrundinformationen sollen Leser mit gehobenen Ansprüchen anlocken. Zu diesem Zweck hat er Leute von der taz, der Neuen Zürcher Zeitung, von der ARD und vom Deutschlandradio geholt. Zwanzig Redakteure sind es insgesamt, sechs davon sitzen im Frankfurter Außenbüro. Keiner von ihnen ist älter als 35.

"Das Internet ist ein ideales Medium für aufklärerischen Journalismus", sagt Maier. Doch ist davon bislang kaum etwas zu spüren. Guter Journalismus ist teuer. Geld verdienen kann man im Netz nur mit Bannerwerbung, und deren Preis hängt ab von der Klickrate. Folglich buhlen die meisten Sites mit greller Aufmachung und Ultraseichtmeldungen um die Surfer, und nur wenige setzen auf Qualität. Trotzdem machen machen die meisten Anbieter Verlust.

Eine der wenigen Ausnahmen ist Nettavisen. Die ebenfalls zu spray.net gehörende norwegische Online-Zeitung ist das Vorbild für die Netzeitung. Seit vier Jahren existiert sie ausschließlich im Internet, gehört zu Norwegens beliebtesten Medien-Sites und wirft nach eigenen Angaben fette Gewinne ab. Vor einem Jahr beschloss spray.net den Aufbau eines deutschen Pendants und schickte zwei Gründungsredakteure nach Berlin. "Wir wollten uns zunächst in Skandinavien ausbreiten", sagt Olav Øvrebø, einer der beiden. "Doch dann haben wir gemerkt, dass es für eine Internet-Redaktion kaum mehr Aufwand ist, 80 Millionen Deutsche anstatt 8 Millionen Schweden zu erreichen."

Gleichwohl hatten die Norweger beim Aufbau der Netzeitung mit massiven Startschwierigkeiten zu kämpfen. Die ähnlich klingenden Domains netzzeitung.de und netz-zeitung.de waren schon vergeben, Verhandlungen über eine Übernahme scheiterten. Andere Online-Publikationen mokierten sich über den Anspruch der Netzeitung, die erste reine Internet-Zeitung zu sein. Ein Aachener Verlag reichte - bisher erfolglos - Klage ein, um verbieten zu lassen, dass sich eine Online-Publikation überhaupt Zeitung nennen darf. Im September, zu den Olympischen Spielen, ging die Netzeitung mit einer Probeversion an den Start, zunächst ausschließlich mit Nachrichten aus dem In- und Ausland, Wirtschaft und Sport. Dazu Wetter und Börsenkurse.

"Im Gegensatz zur Konkurrenz haben wir keine Mutterredaktion, auf die wir Rücksicht nehmen müssen", sagt Øvrebø. "Wir können unsere Kräfte voll auf das Internet konzentrieren. Außerdem sind wir schneller." Schon in den letzten Wochen habe die Netzeitung einen Vorsprung vor der Konkurrenz herausgearbeitet. "Den Flugzeugabsturz in Taiwan hatten wir vor allen anderen, bei den Olympischen Spielen hatten wir den einzigen deutschsprachigen Online-Korrespondenten vor Ort. Da waren wir sogar schneller als dpa."

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Noch fehlen die Elemente, die eine Zeitung lebendig machen

Das schlichte Design hält sich gegenüber der bannerblinkenden Konkurrenz angenehm zurück. Doch mangelt es der Netzeitung bislang allzu sehr an der Vielfalt. Weder gibt es Leitartikel noch eine Rubrik Vermischtes, geschweige denn die vielen Kleinigkeiten, die die Lebendigkeit einer gedruckten Zeitung ausmachen: Glossen, Kolumnen, Kleinanzeigen, die Schachspalte.

"Abwarten", sagt Øvrebø. "Das Angebot wird Schritt für Schritt ausgebaut." Eine Hochschulseite, eine Medienseite und ein Kulturteil (Voice of Germany) wurden gerade erst gestartet.

"Wir bemühen uns um prominente Autoren aus aller Welt", sagt Perikles Monioudis, der das Feuilleton konzipiert hat. Der Schweizer, Typ Kaffeehaus-Intellektueller, ist eigentlich Romanautor. In der Redaktion ist er der Visionär vom Dienst. In einem Redaktionsleitfaden hat er die Sprache entworfen, die die Netzeitung künftig sprechen soll: "Digital Storytelling" nennt er die Verknüpfung von Texten mit multimedialen Elementen. "Vielleicht kommt die Titelseite der Netzeitung in ein paar Jahren sogar ohne jeden Text aus", sagt Monioudis. Anklickbare Fotocollagen, "elektronische Tableaus" genannt, könnten auf den Inhalt verweisen, den Leser auf einen Blick informieren und intuitiv navigieren lassen.

Noch aber seien die Leser nicht für alles, was möglich ist, auch bereit, sagt Monioudis: "Das muss organisch wachsen." Jetzt soll erst einmal eine große Online-Werbekampagne Leser heranholen. Davon hängt ab, ob und wie es weitergeht mit der Netzeitung.

 
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