An Orten wie diesem graute es mir, auch wenn nichts Schreckliches passiert wäre. Um von der Ackerstraße auf den Bahnsteig der S-Bahn, Haltestelle Am Wehrhahn, zu gelangen, muss ich durch ein in schmutzigem Gelb und fadem Grau gekacheltes Häuschen, das bloß als Durchgang dient. An der Seite zur Straße hängen ein Zigarettenautomat und eine Normaluhr, drinnen, wo es nach Urin stinkt, ist der Fahrkartenautomat, zwei Neonlampen beleuchten nachts die ganze Trostlosigkeit. Das kleine Gebäude ist mit Graffiti beschmiert. In einem leichten Winkel nach rechts geht hinter dem Durchgang eine Brücke ab.

Sie ist gut zwei Meter breit und vielleicht 70 Meter lang, knickt dann im 90-Grad-Winkel nach links ab, führt 20 Meter über die Bahngleise in einen noch viel schäbigeren Verschlag: eine überdachte und mit Wellblech eingefasste Treppe. Rost hat das Treppenhaus an vielen Stellen zerfressen, ebenso das Geländer der Brücke. Der Boden unter der Brücke ist übersät mit Blechdosen, Zigarettenschachteln, Müllsäcken, Einwegspritzen und anderem Fixerbesteck. Am 27. Juli dieses Jahres, es war ein Donnerstag, explodierte ein Sprengsatz an dem linken Brückengeländer ein paar Meter hinter dem Eingangshäuschen. Die Detonation ereignete sich um 15.04 Uhr. Auf der Brücke lief in diesem Augenblick eine Gruppe von Sprachschülern, die täglich zwischen 8.00 Uhr und 15.00 Uhr an einer Privatschule nahe der S-Bahn-Haltestelle Deutsch lernen. Manche der Schüler, die meisten Erwachsene, unterhielten sich, manche trabten schweigend nebeneinanderher, eben so, wie es nach Unterrichtsende zugeht. Sie hatten keine allzu große Eile. Ihre nächste S-Bahn fährt erst gegen 15.30 Uhr vom Wehrhahn, Zeit genug, um vom Schulraum zur Haltestelle zu schlendern.

Die Sanitäter und Notärzte, die in kürzester Zeit an den Explosionsort eilten - gottlob war gerade zufällig ein Krankenwagen vorbeigefahren und hatte Großalarm ausgelöst -, waren überwältigt vom Anblick der Blutüberschwemmung, der sich in Schmerzen krümmenden oder ohnmächtigen Opfer, die eng beieinander auf der schmalen Brücke lagen. Trotzdem gelang es einem Sprecher der Feuerwehr festzustellen: "Nach den ersten Eindrücken war es ein Sprengsatz mit hoher Splitterwirkung. Die Schäden durch die Druckwirkung sind dagegen gering." Zehn Menschen waren bei dem Anschlag verletzt worden. Wie sich herausstellen sollte, stammen sie aus Russland und der Ukraine. Sieben sind Frauen. Eine von ihnen, aus der Ukraine, war im fünften Monat schwanger. Die Splitter durchdrangen ihren Uterus und töteten das Ungeborene. Zunächst glaubten die Helfer, der Frau müsse auch das linke Bein amputiert werden.

Doch es konnte in einer langwierigen Operation gerettet werden. Auch drei Männer wurden getroffen. Ein 50-Jähriger erlitt schwere innere Verletzungen.

Ein 28-Jähriger, der Ehemann der Schwangeren, musste zeitweilig in ein künstliches Koma versetzt werden.

Bald nach der Explosion stellte sich heraus, dass die meisten der Verletzten so genannte Kontingentflüchtlinge sind und einige wegen ihrer "deutschen Abstammung" in der Bundesrepublik aufgenommen wurden. Bei Kontingentflüchtlingen handelt es sich um Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Im Januar 1991 hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland Heinz Galinski ein Abkommen geschlossen, das jüdischen Zuwanderern eine "unbürokratische" Übersiedlung ermöglichen sollte. Ihr Ziel war, die stark dezimierten jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder zu stärken. Das Abkommen führte zum Erfolg - seither haben sich die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden verdoppelt und verdreifacht.

Otto Schily kannte noch nicht alle diese Details am Tag nach der Explosion.