Kleine Denunzianten

Wenn Kinder die falschen Vorbilder haben

Wer erzieht in dieser Gesellschaft eigentlich wen? Mit Triumphgeschrei, berichtet eine Kölner Zeitung, stürzten sich die Schüler der Klasse 5e des dortigen Liebfrauengymnasiums auf Fußgänger, die eine Straße bei roter Ampel überquert hatten. Zur Ermahnung bekamen die Verkehrssünder eine rote Karte verpasst. Wer aber brav bei Grün gegangen war, erhielt als Lob eine grüne Karte. Die Aktion war, so erklärt die Zeitung, eine Gemeinschaftsinitiative der Kölner Verkehrsbetriebe, des Straßenverkehrsamts, der Polizei und des Amts für Kinderinteressen (Letztere sind in Deutschland nämlich Behördenangelegenheit).

Unsere Kinder erziehen uns. Es mehren sich die Anzeichen, dass die Erziehungsaufgaben hierzulande immer häufiger von denen übernommen werden, denen sie eigentlich gelten. Kindertadel riskiert, wer raucht und trinkt, seinen Müll nicht trennt, noch nie eine Resolution gegen das Waldsterben unterzeichnet oder für amnesty international gespendet hat und sich weigert, zur Greenpeace-Demo zu gehen. Und die lieben Kleinen genießen ihre Erzieherrolle, denn die Erwachsenen gehorchen aufs Wort, drücken zähneknirschend die Zigarette aus, lassen das Glas Wein stehen und werfen sich in wetterfeste Demo-Kleidung. Hilflos zappeln sie in ihrer selbst gebastelten Erziehungsfalle, die da heißt: Vorbildfunktion.

"Wir wollen den erwachsenen Fußgängern klarmachen, dass sie für Kinder im Straßenverkehr ein Vorbild sein müssen", wird eine Mitarbeiterin des Kölner Verkehrsamts zitiert, die sich der Doppelmoral ihrer Worte schwerlich bewusst ist. Zuerst lassen Erwachsene den Straßenverkehr zur tödlichen Bedrohung anwachsen, dann behaupten sie, dank ausgefeilter Verkehrsregeln seien nur Gesetzesbrecher wirklich gefährdet, was wiederum suggeriert: Wer im Verkehr zu Schaden kommt, ist nicht nur selber schuld

er ist obendrein schuld daran, wenn unschuldige Kinder in Nachahmung des vermeintlichen Vorbilds in Gefahr geraten. Mit anderen Worten: Er ist ein (Verkehrs-, Drogen-, Umwelt-)Sünder und als solcher zur Bekehrung (modern: Erziehung) für alle freigegeben.

Kinder stürzen sich mit Wonne auf diese Aufgabe, können sie so doch ganz legal Macht ausüben. Rauchverbot und rote Karten sind ja vergleichsweise harmlos

man denke nur an die Kinderbanden des Savonarola oder Maos Rote Garden. Wer in Frieden seinen Wein und seinen Tabak genießen möchte, sollte den Kindern endlich das Wesentliche beibringen: Erwachsene sind unter keinen Umständen ein Vorbild.

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    • Von Sabine Etzold
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 46/2000
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