L E I T K U L T U R Einwanderung ja, Ghettos nein

Warum Friedrich Merz sich zu Unrecht auf mich beruft von Theo Sommer

Friedrich Merz hat Recht: Im Juli 1998 habe ich in einem Artikel über Ausländer in Deutschland den Begriff Leitkultur verwendet. Es ging mir um die bis dahin sträflich vernachlässigte Integration der fast zehn Prozent unserer Bevölkerung, die mit fremdem Pass unter uns leben. Wer Integration nicht wolle, war meine Überzeugung, bewirke ungute Absonderung. Ich setzte hinzu: "Integration bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilation an die deutsche Leitkultur und deren Kernwerte."

Ich weiß nicht mehr, woher ich den Begriff damals hatte. Vielleicht ja von Bassam Tibi, der ihn 1998 in seinem Buch Europa ohne Identität formulierte und mit dem ich zu jener Zeit gelegentlich bei öffentlichen Diskussionen auf einem Podium saß.

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Anders als der CDU-Fraktionsvorsitzende, als er den Begriff von der Leine ließ, hatte ich freilich sehr präzise Vorstellungen davon, wie "Leitkultur" zu definieren sei. Ich lehnte mich dabei an den Kommunitaristen Amitai Etzioni an, der dem amerikanischen "Schmelztiegel"-Konzept das Idealbild vom gesellschaftlichen "Mosaik" entgegensetzte: "eine Komposition aus Steinchen verschiedener Farbe und Form, zusammengehalten durch einen Zementuntergrund und einen Rahmen. Den Zement müssen die Grundwerte bilden, die für alle verbindlich sind: das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung und zum Verfassungsstaat; praktizierte Toleranz; eine gemeinsame Sprache, die das Funktionieren und die Kohäsion der Gesellschaft fördert." Den Rahmen aber müsse eine einheitliche Rechts- und Verfassungskultur geben: "Die islamische Scharia neben dem Bürgerlichen Gesetzbuch - das geht nicht. Je bunter der ethnische Flickenteppich unserer Gesellschaft wird, desto fester muss er durch das gegengenähte Gewebe einer gemeinsamen Werteordnung zusammengehalten werden."

Meine Überzeugung zur Einwanderungs- und Integrationsfrage war in langen Jahren allmählich gewachsen. Sie bildete sich zumal in der Reaktion auf zwei Erscheinungen. Auf der einen Seite war dies die Deichgrafen-Metaphorik jener Konservativen, die um "den deutschen Charakter Deutschlands" (FAZ) bangten: Flüchtlings-Springflut, Asylanten-Schwemme, Ausländer-Strom, Einwanderer-Welle; die Vokabeln "Durchrassung" und "Umvolkung" brachten mich in Rage. Auf der anderen Seite aber hatte ich nicht das Geringste übrig für die unbedarfte Forderung der Grünen nach "offenen Grenzen" und ihre welt- und wirklichkeitsfremden Multikulti-Illusionen.

"Wir sind ein Einwanderungsland, und wir sollten uns dazu bekennen", schrieb ich 1986. "Schaffen wir also ein Einbürgerungsverfahren. Führen wir das jus soli ein, das Heimatsgeburtsrecht." Fünf Jahre später, 1991, verlieh eine Reihe feiger Anschläge auf Ausländerunterkünfte dem Thema - buchstäblich - brennende Aktualität. Mein Appell damals: "Das weitherzige Deutschland muss sich gegen das engstirnige mobilisieren." Und ich gab zu erwägen: "Das deutsche Boot ist nicht voll. [...] In zwanzig Jahren [werden wir] Zuzügler zum Lenzen und Pützen brauchen - Leute, die das Wasser aus dem Boot schöpfen." Ich schlug eine Quotenregelung für Einwanderer nach kanadischem oder US-amerikanischem Modell vor. In Einwanderern sah ich weniger die Belastung als vielmehr die Bereicherung.

Natürlich ist Deutschland nicht im gleichen Sinne ein Einwanderungsland wie die Vereinigten Staaten, Kanada oder Australien. Die hier zuziehen, können nicht einfach eine neue Nation schaffen, nachdem sie die Ureinwohner ausgerottet oder in Reservate verbannt haben. Die Deutschen sind da, und sie werden dableiben. Es gibt eine aufnehmende Gesellschaft, der sich die Zuwanderer wohl oder übel anpassen müssen. Diese aufnehmende Gesellschaft ist die Mehrheitsgesellschaft. Sie soll auch die Mehrheitsgesellschaft bleiben.

Gegenüber dem Begriff multikulturell habe ich immer starke Vorbehalte gehabt. Es haftet ihm zu viel Fragwürdiges an. "Sollen die einen ruhig Schuhplattler tanzen, die anderen Sirtaki", schrieb ich 1998. "Aber ein Deutschland, das aus lauter Ghettos besteht, ein paar für Türken, ein paar für Griechen, ein Dutzend für die Deutschen - das kann nicht das Ziel sein." Deswegen redete ich lieber von "multiethnisch". Gewöhnen wir uns an Bindestrich-Deutsche, war meine Meinung: an Turko-Deutsche und Graeco-Deutsche und Italo-Deutsche.

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