S A C H B U C H Alles ganz elastisch
Jung, wild und versponnen - drei Bücher über die Architektur von übermorgen
Kein anderes Haus der Republik ist beliebter, keines wird mehr beachtet. Doch was tun die Architekten? Sie schauen daran vorbei. Nicht eine Zeile war in den Bauzeitungen zu lesen, kein Kritiker hat den zusammengeschraubten Blechkasten namens Big-Brother-Haus bislang gewürdigt. Zu sehr verstößt dieses Zwangsapartment gegen die architektonischen Sitten und Gebräuche, zu wenig hat es mit dem zu tun, was man für gewöhnlich das schöne und gute Bauen nennt. Dabei könnte man das Containerheim durchaus als ein Zukunftszeichen begreifen, denn völlig unkaschiert zeigt sich hier eine Architektur, die keine Form und keine Schönheit mehr braucht, kein Satteldach und kein fest gefügtes Mauerwerk; die nicht mehr dazu dient, zwischen privat und öffentlich eine Trennwand zu errichten; die sich der Globalisierung verschreibt, dem Einheitsleben in der transportablen Einheitskiste.
Ist das die Zukunft? Zumindest wer die just erschienenen drei Architekturbücher über das junge, das morgige Bauen liest, wird nicht mehr ausschließen wollen, dass es sich bei dem Fernsehhaus in Köln-Hürth um einen Prototyp mit Prägekraft handeln könnte. Alle drei Bände, so unterschiedlich sie sind, entwerfen das Szenario einer Welt, in der die Digitalisierung unser Ortsgefühl und Schutzbedürfnis verändert, in der sich die Fundamente des Bauens auflösen und auf den elastischen Menschen eine elastische Architektur folgen wird.
In dem strammen Bildband, den der Taschen Verlag vorlegt, wird diese Prognose nur recht verhalten vorgetragen. Zwar verheißt der Titel lauthals das Kommende: 40 Jungspunde unter 40 Jahren hat man zusammengetragen und hofft damit, das Bahnbrechende und Weltstürzende eingefangen zu haben. Die Norman Fosters, Richard Meiers und Tadao Andos von morgen seien in diesem Buch versammelt, heißt es im Klappentext. Beim ersten Blättern sieht diese Zukunft gleichwohl welk aus. Villen aus Glas und Stahl gibt es da zu sehen, errichtet im Stil einer keimfreien Moderne, wie sie die Lifestyle- und Wohnmagazine so gerne vorstellen. "Wir wollen die Helmut-Lang-Jeans und Jil-Sander-Kostüme der Apartments bauen", erklärt etwa das Büro Engelen Moore aus Sydney, und so modisch-solide sind ihre Häuser denn auch. Telefonnummer und E-Mail-Adresse der 40 Architekten liefert uns der Taschen Verlag gleich dazu - als handele es sich um einen Bestellkatalog für Bauinteressierte.
Viele Namen in diesem Buch kann man also gleich wieder vergessen, andere allerdings sollte man sich einprägen. Den Japaner Shigeru Ban etwa, der Häuser aus Pappe baut, raffinierte Ausstellungsarchitekturen ebenso wie Notunterkünfte für Erdbebenopfer. Oder den Deutschen Andreas Hild, der seine Häuser mit neuen, ungewohnten Ornamenten verkleidet und damit das Nackte und Eindeutige der Moderne überwinden will. Und auch die futuristischen Schwellkörper des New Yorker Büros Asymptote sind in der Taschen-Sammlung vertreten.
Doch ist von den Absichten und Zielen der Architekten in dem dickleibigen Band nur sehr wenig die Rede. Offenbar will man den Käufer nicht durch längere Texte verschrecken, selbst Grundrisse sucht man meist vergeblich (obwohl der Klappentext "eine Fülle" davon verspricht). Nicht um erhellende Einsichten geht es, sondern um vage Eindrücke, nicht der Kopf ist gemeint, sondern das Auge. Deshalb zeigen viele der Fotos dramatisch angestrahlte Häuser bei Nacht - das sieht gut aus, auch wenn nichts zu erkennen ist.
Das Birkhäuser-Buch Junge deutsche Architekten von Angelika Schnell will mehr bieten als nur eine Aneinanderreihung schmucker Einzelstücke. Gefragt wird nach dem Selbstverständnis und den Glaubenssätzen einer Generation. Allerdings glauben die 12 vorgestellten Büros vor allem daran, dass es keine Glaubenssätze mehr gibt. Die Kinder der 68er, die nun ihre ersten Bauten in die Welt setzen, geben sich zumeist unpolitisch, und vom Mythos des allmächtigen Architekten, von den Generalplänen für eine idealere Wirklichkeit haben sie sich lang schon verabschiedet. Es ist eine pragmatische Generation, für die der postpostmoderne Pluralismus eine Selbstverständlichkeit ist und die sich deshalb für Stil- und Geschmacksfragen kaum noch interessiert. Lieber tüftelt sie an den Veränderungen im Kleinen, so wie das Büro Kalhöfer Korschildgen, das sich mit den üblichen Raumverordnungen von Wohn-, Ess- und Schlafzimmer nicht abfinden wollte und eine mobile Küche erfand. In dem Haus, das sie umgebaut haben, kann man nun überall im Erdgeschoss ihre fahrbaren Kochwagen an Strom, Wasser und Gas anschließen, und so brutzelt man einmal mit Blick auf den Garten, ein anderes Mal bäckt man mit Aussicht zur Straße.
Ähnlich arbeiten viele Büros daran, fixe Vorgaben in Bewegung zu bringen. Dabei geht es nicht mehr nur darum, für eine gestellte Bauaufgabe eine schöne, geeignete Form zu finden. Vielmehr soll die Architektur des Erfüllens einer Architektur des Handelns weichen. Zumindest war dies das erklärte Ziel von Wolfgang Popp, als er sich zu seinem eigenen Auftraggeber machte. Am Prenzlauer Berg in Berlin suchte der Architekt sich ein leeres Grundstück, dazu den Investor, gründete eine Bauträgerfirma und konnte so ein Wohnhaus bauen, das mit den gängigen Grundrissideen gründlich aufräumt. Seine Wohnung ist nicht in Zimmer zerteilt, stattdessen gibt es einen großen, weiten Raum, der sich je nach Bedarf durch verschiebbare Holzwände in Küche, Bad oder Schlafzimmer verwandeln lässt.
Viel ist in diesem Buch vom strategischen Denken die Rede, von Prozessen, Netzwerken und von einer Architektur, die das Andere im Gewohnten sucht. Nicht Baukünstler werden vorgestellt, sondern Ermöglicher. Besonders lebendig und anschaulich ist das Generationenbild, das die Kritikerin Schnell hier entwirft, allerdings nicht. Dafür sind ihre Texte zu formel- und floskelhaft, vieles bleibt theorieverknotete Behauptung, auch fehlt es ihr meist an kritischem Abstand. Vielleicht liegt es aber auch an der Verhaltenheit der hiesigen Jungarchitekten.
Völlig enthemmt zeigen sich hingegen die 30 Büros aus Frankreich, Holland und den USA, die jetzt im opulenten ArchiLab-Kompendium versammelt wurden. Schon der Umschlag schillert quecksilbrig, und schaut man dann hinein, entfaltet sich das erstaunliche Panorama einer Architektur der Beweglichkeit. Heftig beginnt die Netzhaut zu prickeln, denn computergenerierte Bildchen, Grafiken, Grundrisse und Querschnitte purzeln durcheinander, selbst die Textspalten biegen und krümmen sich, als sei alles Gerade und Abgezirkelte ein Zeichen von Rückschrittlichkeit.
Eine neue Avantgarde scheint sich in diesem Wimmelbuch zu formieren, auch wenn es keinen Leitanspruch gibt und kein Programm, unter dem sie sich versammelte. Tatsächlich ist ArchiLab mehr als nur ein weiteres Buch über die Jungen und Wilden, denn alle 30 Architekten waren in diesem Frühjahr (bereits zum zweiten Mal) zu einem großen Kongress nach Orléans geladen, wo sich zur Überraschung aller ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelte.
Ein Haus kann Ziehharmonika sein, ein Raum nur Strahlung
Die Vorstellung, ein Architekt müsse das Neue erfinden, um es anschließend der Wirklichkeit zu implantieren, ist ihnen fremd. Stattdessen treibt sie die Sehnsucht nach einer Architektur, die alles Regelhafte überwindet und offen ist für stete Veränderung. Schon immer war es das erklärte Ziel der Moderne, alles Immobile zu mobilisieren, doch nie war der Drang spürbarer als heute.
Die Franzosen Grégoire & Petetin etwa waren von den Berliner Rollheimern, einer Kolonie alternativer Wohnwägler, so beeindruckt, dass sie prompt ein eigenes maison portable entwarfen: ein kompaktes Alugebilde, das sich wie eine Ziehharmonika entfalten lässt und am Ende dasteht als ein Wohnschlauch mit vier passablen Zimmern. Das Schweizer Büro Décosterd & Rahm versucht sogar, ganz auf den Raum im herkömmlichen Sinne zu verzichten. So besteht etwa die "physiologische Architektur" ihres Melatonin-Raums allein aus elektromagnetischer Strahlung und spezieller Beleuchtung, dank deren die Hormonproduktion angeregt oder gedämpft werden soll. Häuser, so der innige Wunsch, sollen nicht länger nur dastehen, sie sollen sich einmischen, etwas auslösen. Der Amerikaner Karl S. Chu träumt sogar von einem autogenetischen, "proto-bionischen Bauen". Die verknäulten Netzwesen, die er durch seine Computer hervorzaubern lässt, sind mindestens so komplex wie die Welt, die sie umgibt.
Mit dem schlichten Bedürfnis nach Verschlossenheit haben diese Gespinste nichts im Sinn. Fürs geregelte Familienleben sind sie nicht gedacht - Tür zu und Ruhe kommt bei so viel Austausch, Umbruch und Durchdringung nicht vor. Sind die ArchiLaboranten also weltentrückte Fantasten? Manchmal vielleicht. Doch häufig gelingt es ihnen, eine andere Welt zu entwerfen, ohne dabei die Gegenwart ganz aus dem Blick zu verlieren. Viele ihrer Projekte spiegeln unsere Hoffnungen und Ängste, manche entwickeln gar eine prophetische Kraft. Der Franzose Didier Fiuza Faustino zum Beispiel plant, einem Einfamilienhaus eine Riesenleinwand aufzupflanzen, um dort Videobilder der Bewohner flimmern zu lassen. Die Grenze zwischen privat und öffentlich würde so verwischt, sagt der Architekt - und der exzentrische Fernsehcontainer in Köln-Hürth erscheint plötzlich wie eine Alltäglichkeit.
Anton Markus Pasin aus Münster ist da schon weiter: Am Strand von Rio würde er gerne einen Turm aufstellen, der ganz aus Monitoren besteht, die nichts anderes zeigen als das, was man sähe, wenn er nicht dort stünde.
Jessica Cargill Thompson:40 Architects under 40
Taschen Verlag, Köln 2000; 560 S., 49,95 DM
Angelika Schnell:Junge deutsche Architekten 2
Birkhäuser Verlag, Basel 2000; 151 S., 78,- DM
Frédéric Migayrou (Hrsg.):ArchiLab Orleáns 2000
Ville d'Orléans, Orléans 2000; 280 S., 300 Franc
Zu bestellen bei: Mairie d'Orléans, Place de l'Étape, F-45040 Orléans cedex 1; 0033-238 79 26 86; aperrot@ville-orleans.fr
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