S A C H B U C H Göttergewimmel

Friedrich Kittler hat dem Dilettantismus in den Kulturwissenschaften den Kampf angesagt

Ein Gespenst geht um in Europa, und dieses Gespenst heißt Kulturwissenschaft. Wo es auftaucht, schießen kulturwissenschaftliche Institute wie Pilze aus dem Boden und werden gestandene Germanisten, Romanisten und Anglisten, Philologen wie Philosophen, Historiker wie Soziologen zu ein und demselben, nämlich Kulturwissenschaftler. Im Namen der Kultur wird eine Kompetenz nicht nur in Sachen Text erfordert, sondern auch in Praktiken der Lebenswelt und der sozialen Verhältnisse, über das Wissen in Technik, Physik und Mathematik bis hin zu den schönen Künsten.

Angesichts dieses weiten Feldes birgt die neue Disziplin allerdings auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr, nämlich die des Dilettantismus. Der Berliner Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler hat ihr nun in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Kulturwissenschaft den Kampf angesagt, indem er nicht nur dem Vergessen der kanonischen Begründungstexte der neuen Disziplin entgegenarbeitet, sondern dies auch ausdrücklich in Form einer "Kulturgeschichte" tut. Kittler fühlt sich der Einsicht verpflichtet, dass das Spezifische kulturwissenschaftlicher Sichtweisen, nämlich die Sensibilität für den Kontext der anderen Wissensfelder von Natur, Technik und Gesellschaft, auch für deren geschichtliche Darstellung zu gelten hat. Also keine immanente Erfolgsgeschichte vom Aufstieg "kulturwissenschaftlicher Weisheit", sondern ein Erinnern auch an "außerwissenschaftliche Gründe", die sich in die Entwicklung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Kultur mischen.

Kittler beginnt seine Geschichte beim "Gründungsdokument aller Kulturwissenschaft", Giambattista Vicos 1725 erschienener Scienza nova, dem ersten Gegenangriff einer Kulturgeschichte gegen neuzeitliche Naturwissenschaften. Die "poetische Weisheit" entwickelt einen anderen Begriff der Natur, der aber nicht weniger imaginär und konstruiert ist als der mathematische von Descartes. Vico stellt sich das Weltbild der Urmenschen, die ebenso wie Kinder die mechanischen Naturkräfte durch dichterisch fantasievolle Metaphern darstellen, als ein buntes Gewimmel von allegorischen Götterfiguren vor.

Mit Vico beginnt also nicht nur die Kulturwissenschaft als Literarisierung von Natur und Geschichte, sondern auch die Gleichsetzung von individueller und menschheitlicher Kindheit, von Kindersprache und Dichtung als einer archaischen Naturpoesie. Dennoch geht es in dieser nicht um paradiesische Urzustände: Nach der Austreibung aus dem Paradies werden die erfundenen Götterfiguren auch gefürchtet, die Bindung an sie schafft die Religion sowie die weiteren ethischen Kulturinstanzen der Ehe und der Bestattung.

Dennoch versteht Vico diese drei Elementarinstanzen der Kultur noch nicht als Begründungen einer Anthropologie, wie sie erst Herder mit seiner These vom exklusiv menschlichen Sprachursprung ins Spiel bringt. Kultur versteht sich dann als Abgrenzung des Menschen gegenüber dem restlichen Naturreich, was nicht nur ein Mehr, sondern auch einen Mangel ausdrückt. Süffisant rekonstruiert Kittler Herders intensive Beschäftigung mit den muhenden Gefühlsäußerungen der Haustiere, denen beim Menschen ein Mangel an dem entspricht, was jene auszeichnet, nämlich an Instinkt.

Kraft dieses Mangels, dem sich allerdings die menschliche Sprachfähigkeit im Allgemeinen und die Volksdichtung im Besonderen verdankt, tritt ein weiteres kulturwissenschaftliches Konzept in den Vordergrund. Seit Herder wird alle Kulturgeschichte als Bildungsgeschichte lesbar, wobei der historische Rahmen durch die Genese vor allem einer Sozialform bestimmt ist, der neuzeitlichen Kernfamilie mit dem Vater als Lehrer. Damit ist schon ein entscheidendes Stichwort in Richtung der Vollendung dieser ersten Epoche der Kulturwissenschaft durch Hegels allgemeine Ontologie gegeben. Die Phänomenologie des Geistes schreibt Kulturgeschichte als Bildungs- und Familienroman einer Welt, die in ihrer Buchförmigkeit den Gegensatz zwischen Natur und Kultur überwindet.

Haustiere, Nutzpflanzen und Kolonialwaren

Kittler erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit seiner Rekonstruktion: Es geht ihm vielmehr um die Beleuchtung möglichst unterschiedlicher Aspekte aus Philosophie, Literatur, Kritik, aber auch aus Sozial- und Technikgeschichte. Kurz fällt daher auch die Darstellung der zweiten Epoche aus, die Kittler auf das Stichwort "empirische Kulturwissenschaft" bringt. Das Leitthema ist jetzt der Streit um das Erbe des hegelschen Systems, ein ideologischer Disput, der in der Erfindung des kulturgeschichtlichen Romans (à la Scott, Flaubert, Dahn, Freytag, Riehl) seine beste Lösung im Ausschlachten kulturgeschichtlicher Archive findet, wie sie seit der Sammelarbeit der Jesuiten existierten.

Mit Nietzsche beginnt dann die dritte Epoche als Wende der Kulturwissenschaft im Zeichen eines "Kulturrelativismus". Es gibt nicht mehr die authentischen Urschöpfungen, sondern alles unterliegt einem fortwährenden Prozess des "Umschaffens". Damit eröffnet Nietzsche als Erster die Perspektive einer Kulturarbeit beziehungsweise einer Kulturpolitik, die auch der ideologischen Überzeugungsarbeit von Interpretationen ihren Stellenwert auf dem Schauplatz der Macht zuweist: nicht nur als Kampf der zwei Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen, sondern auch als Gegensatz der im 19. Jahrhundert neu aufkommenden Psychophysik. Kittler erinnert so an den anderen Nietzsche, der nicht nur Bachofen und Burckhardt, sondern auch Helmholtz, Féré und Ribot las und auf der Basis dieser Lektüre Kunstpraktiken in physiologische Triebe übersetzte.

Freuds kulturtheoretischer Ansatz verdankt Nietzsche mehr, als eingestanden wird, aber er folgt der geschichtlichen Linie einer fortschreitenden Eindämmung der triebhaften Kräfte des Wahnsinns. Kittler verschreibt sich einer zugespitzt ichpsychologischen Lesart von Psychoanalyse, wenn er an der Psychologie des Unbewussten die regulativen Mechanismen des Übergangs von Natur zur Kultur in den Vordergrund stellt und Kulturarbeit auf Freuds berühmte Metapher von der "Trockenlegung der Zuydersee" bringt. Zugleich rückt er die spekulative Kulturgeschichte der Errichtung einer Ordnung des Begehrens durch Ödipuskomplex und vatermordende "Urhorden" als Mythenkontamination in die Nähe strukturaler Exogamieregeln, die gewissermaßen einen "Kulturbefehl" erteilen. Doch letztlich ist es nicht nur eine kommunikative Vernunft, die diesen Prozess steuert: Wie Kittler an den Apparat-Modellen bei Freud zeigt, spielt auch das instrumentelle Verhältnis zu den Dingen für die Kulturgeschichte eine Rolle, die immer auch Technikgeschichte der Apparate, Waffen und Medien ist.

Hier setzt das letzte Kapitel mit einer emphatischen Relektüre von Heideggers Sein und Zeit und der "Kehre" dieses Denkens in der Auseinandersetzung mit der Frage der Technik ein. Heidegger ist für Kittler eigentlich der Philosoph, der den geläufigen Ontologien der Natur eine elementare Kulturwissenschaft entgegensetzt. Man spürt die Begeisterung, mit der Kittler der Auslegung der Dingverhältnisse als Umgangsweisen mit Zeug in seiner alltäglichen "Zuhandenheit" bis hin zu Heideggers später Entdeckung der technischen Medien als "Weisen des Entbergens" von Wahrheit folgt.

Stilistisch hat Kittler auf der Beibehaltung des mündlichen Charakters der Vorlesung beharrt. Durch Wiederholungsschleifen zu Beginn jeder Vorlesung wird der Gedankengang immer wieder transparent. Nicht zu vergessen die Formulierungskunst Kittlers: Mit seinem herrlichen Lakonismus, der mühelos Sprachphilosophie, Haustier- und Nutzpflanzenhaltung, Kolonialwarenhandlungen, Computer und Weltkriege in Verbindung zu setzen vermag, dürfte er schwerlich unter den zeitgenössischen Kulturwissenschaftler seinesgleich finden.

Manchem mag dieser Lakonismus befremdlich vorkommen, aber auch in ihm steckt Methode: Für Kittler liegt die neue Orientierung dessen, was einmal Geistes- oder Humanwissenschaft geheißen hat, im Aufruf, die eigenen Grenzen zu erkennen und stärker noch als in den früheren interdisziplinären Ansätzen fürs Andere, Fremde offen zu werden. "Kulturwissenschaften heißt ja, gerade das Fremde zu mögen", wird so immer wieder an die Adresse all derer formuliert, die das neue Mäntelchen nur als Deckfigur fürs Weiterwurschteln nach alter Manier nutzen wollen. Und zu diesem Ethos des Offenseins gehört es auch, dass man das von Kittler in der Einleitung mitkonzipierte vierte Kapitel zur gegenwärtigen Phase der Kulturwissenschaft nicht im Buch ausgeführt findet. Sicherlich werden viele gerade zu den Fragen etwa des Verhältnisses von Diskursanalyse, Medientheorie, Gender Studies innerhalb der Kulturwissenschaften eine Stellungnahme des Autors erwartet haben, die er aber als Historiker aus guten Gründen verweigert. Der muss es der Nachwelt überlassen, darüber zu entscheiden, was gegenwärtig und künftig Kanon ist und was nicht.

Friedrich Kittler:Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft

Fink Verlag, München 2000; 260 S., 38,- DM

 
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  • Schlagworte Anthropologie | Philosophie | Geisteswissenschaft
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