G L A U B E N Der beste Fußballer der Welt ...

... könnte aus Martin Hauswald mal werden. Es gibt Leute, die fest daran glauben, dass der 18-jährige Dresdner es schafft

Hauswald ist jung genug, sein Land bei der Weltmeisterschaft 2006 ins Endspiel zu schießen, und vielleicht ist er sogar gut genug. Aber das wird nicht reichen: Die meisten seiner Vorgänger in der Juniorennationalmannschaft haben es nicht mal in die Zweite Bundesliga geschafft, Stürmer wie Klauß, Lenhart, Parotta, Jörres, Lühring kennt heute keiner mehr. Jungen, die jahrelang als die Besten ihres Jahrgangs galten, scheinen, wenn sie erwachsen werden, einfach ins Seitenaus zu fallen. Für Martin Hauswald beginnt jetzt diese kritische Phase: Wenn er Fußballprofi werden will (statt Bürokaufmann, sein Lehrberuf) wird er den Verein bald verlassen müssen.

An einem Freitagabend im August spielte seine Mannschaft in Halle. Das Flutlicht verlieh dem Spiel die feierliche Atmosphäre einer internationalen Begegnung, aber der Schein trog: Oberliga Nord-Ost, Staffel Süd, drei Klassen unter der Ersten Bundesliga. Kurz vor der Halbzeit - Dresden-Nord lag mit 0:1 zurück - bekam »Hausi« den Ball etwa an der Mittellinie zugespielt. Er hätte ihn stoppen und sichern können, aber er wählte die riskantere Variante, nahm ihn im Laufen an, sich dabei nach vorn drehend, beschleunigend, den Ball in seinen Lauf einfädelnd, ihn gleichzeitig vor dem Gegner abschirmend. Er war schon fast vorbei, aber dann stolperte er, und der Ball landete bei seinem Gegenspieler. Hauswald blieb stehen und sah zu, wie aus zwei langen Pässen ein Konter wurde. Als wenige Sekunden nach seinem Fehler das 0:2 fiel, schlug er die Hände vors Gesicht und schüttelte den Kopf, als sollten alle sehen, dass er sich seiner Schuld bewusst war.

Sein Trainer sagte später, dass die Szene symptomatisch war. Typisch, sich für die schnellere Variante zu entscheiden. Dass er dabei den Ball verloren hatte, »ist ein Hinweis darauf, dass der Martin im Moment sein Leistungsvermögen nicht hundertprozentig abrufen kann«. Warum hatte er nicht versucht, den Ball zurückzuholen? Der Trainer wollte nicht, dass es so rüberkam, als wäre der Junge nicht motiviert, vielleicht war er einfach so sehr daran gewöhnt, dass seine Tricks klappten, »der ist überrascht, dass ihm das passiert«.

Am Ende verlor Dresden mit 1:2. Hauswald hatte schlecht gespielt, und warum das so war, dafür gab es so viele Erklärungen, wie es Männer gab, die etwas von ihm wollten. Sein Spielerberater sagte: »Der Martin ist zu gut für das Team, der kriegt zu wenig Bälle. Dresden-Nord zu spielen heißt für jeden Gegner, Hauswald auszuschalten, und das ist ja eine brutale Liga. Ich mache mir Sorgen, dass der Martin hier verletzt wird, große Sorgen.«

Am Tag vor dem Spiel hatte ich den Spielerberater auf seiner Dachterrasse getroffen, auf einem dieser Stalin-Altbauten in der Berliner Karl-Marx-Allee. Das Penthouse haben sie ihnen nach der Wende obendrauf gesetzt, da, wo zuvor ein kollektiver Wäscheplatz war. Es muss schön gewesen sein, die Hemden in diesen Himmel zu hängen, »die Nachbarn kamen lange noch her, um hier ihre Wäsche abzulegen, aber dann habe ich ihnen sagen müssen, dass das nicht mehr geht. Aber sie können natürlich jederzeit auf einen Kaffee vorbeikommen.« Henry Hennig, 46, ehemaliger Drittligaspieler, dann Journalist, arbeitet seit einem Jahr als Spielerberater. Sein Name mag etwas halbseiden klingen, aber er hat in der Branche einen guten Ruf. Einer, der seine Spieler nicht nur verkaufen will, sondern sich »ganzheitlich« um sie kümmert. Das heißt, er hilft ihnen bei der Wohnungssuche, erklärt Provinztrainern, dass Berliner Jungs eben vorlauter sind, denkt an Geburtstage und nicht nur an seinen Profit (weshalb er bisher auch noch keinen Profit gemacht hat).

Er hatte für Martin ein Angebot aus der dritten Liga, von Tennis Borussia Berlin. Ein Wechsel würde ihm 10 000, 20 000 Mark Provision bringen und dem Jungen ein gutes Einkommen. Hennig schenkte Kaffee nach, drehte ein Blatt Papier auf seine leere Seite und notierte: »GH: 7000/8000. Wohn- Fahrtkostenzuschuß: 1000. Pro Spiel 750/1000. Pro Punkt: 600 bis 1000.« Ein guter Start, sagte er, und eine echte Chance: Sein Klient würde in einer sehr jungen Mannschaft spielen, die von einem ehemaligen Jugendkoordinator trainiert wurde. Aber die Zeit drängte, TeBe kämpfte gegen den Abstieg und brauchte dringend Verstärkung, der Junge sollte noch vor der Winterpause wechseln. Und Martin hatte seinem Dresdner Trainer bei einem gemeinsamen Abendessen im Sommer versprochen, dass er noch für eine Saison für Nord spielen würde.

Das sei natürlich zu respektieren, sagte Hennig am Donnerstagnachmittag.

Am Freitagabend stand er dann in Halle vor der Kabine und wartete darauf, dass der Junge mit dem Duschen fertig würde.

Es ist schwierig, in Deutschland Fußballprofi zu werden. Warum das so ist, dafür nennt jeder Fußballmann zuerst denselben Grund (dass jetzt in jedem Team eine unbegrenzte Anzahl von Ausländern spielen darf) und danach dieselbe Entschuldigung (»Ich habe nichts gegen Ausländer«). Die besten Jungen spielen deshalb drittklassig, verdienen fünfstellig und hoffen auf einen kinderlieben Bundesligatrainer. Henry Hennig hat einen roten Ordner, in dem jeder seiner Klienten auf einer Seite beschrieben wird. Man kann an diesen Lebensläufen ablesen, welche Fallen das System stellt: »Mit 68 Tore Festival in 34 Liga Spielen vor neuem Bundesliga-Anlauf« steht im Fußballer-Deutsch bei einem 23-Jährigen namens Michael Fuß. Der Junge aus Kreuzberg hatte mit 19 einen Profivertrag beim HSV, aber bevor er dort anfangen konnte, wurde Trainer Magath gefeuert, sein Nachfolger wollte den Jungen nicht. Michael Fuß, der schüchterne Hauptschüler, verlor seinen Kopf und kickte ein paar Jahre mit seinen alten Kumpels in der fünften Liga. Bevor er wiederentdeckt wurde, musste er den Torrekord seiner Liga nicht nur brechen, sondern verdoppeln.

Andy Biermann, 20, Hertha BSC Amateure: Schulterfraktur, bevor er bei einem interessierten Zweitligaverein unterschreiben konnte.

Ein anderer Juniorennationalspieler, der bei Hennig unter Vertrag ist, spielte in der vierten Liga bei den Amateuren eines Profivereins. Sein Vertrag lief aus, also unterschrieb er ablösefrei bei einem Zweitligisten. Der Vereinsmanager hatte nichts Besseres zu tun, als dem Vater zu drohen, ihn als Jugendtrainer zu feuern, falls der Sohn wechseln würde. Jetzt hat der Junge einen Profivertrag, was vielleicht die größte Falle für einen jungen Spieler ist, weil er niemals zum Einsatz kommen wird und ins Amateurteam nicht mehr integriert ist. Der Verein hat sein Talent gesichert, und wenn er daran nicht kaputtgeht, kann er es irgendwann weiterverkaufen.

Bei Hauswald steht: »Seit er laufen und denken kann, kennt er ein großes Ziel, irgendwann einmal für den FC Bayern zu spielen.«

Als er klein war, haben seine Eltern ihm einen Bürostuhl mit dem Bayern-Logo geschenkt, aber es hat ihn nicht lange darauf gehalten. Mit 13 verließ er sein Heimatdorf an der tschechischen Grenze und zog ins Fußballinternat von Dresden-Nord, wo er seither sechsmal die Woche trainiert. Jetzt hat er die muskulösen Oberschenkel eines Fußballprofis, und manchmal redet er auch wie einer: »Ich muss noch viel lernen«, oder: »Fußball ist im Endeffekt fast 80 Prozent Einstellungssache.« Er hat auf den Dörfern der Sächsischen Schweiz einige Jungen gesehen, die so gut waren wie er. Doch denen fehlte der Ehrgeiz oder vielleicht auch ein Vater, der zu DDR-Zeiten mal bei Dynamo »im Gespräch« war und der für die Dorfjungs eine Jugendmannschaft gegründet hat. Außerdem will Martin unendlich lieber Fußballer werden als Bürokaufmann. »Weil das fast wie 'ne Sucht ist« (das Fußballspielen). »Also, es ist mit Spaß verbunden.« Anders gesagt: »Nicht mehr Fußballspielen zu können wär der Horror, so in der Art. Das ist wie 'ne innere Erfüllung. Wenn die Tricks klappen, wenn das klappt, was man sich gedacht hat. Oder wenn man in der 90. Minute das 1:0 gemacht hat, dann könntest du fast heulen, so in der Art.« Seine Kumpel vom Dorf fragen ihn jetzt manchmal schon nach Karten für die WM 2006 in Deutschland (»Mensch, 2006 will ich von dir 'ne VIP-Tribüne«).

Und?

Er lacht sein Jungenlachen, ein glückliches kleines Glucksen, und wird sofort wieder professionell. »Ich bin eigentlich nicht der Typ, der alte Freunde vergisst.« Aber: »Bis dahin ist es noch ein harter und langer Weg.«

Das Fussballinternat von Dresden-Nord liegt am Ende eines Pflasterwegs hinter einer Datschen-Kolonie. Der Cheftrainer heißt Thomas Baron, ein »Fußballverrückter«, den man nur über das Vereinsheim anrufen kann. Seine Stimme klingt am Telefon immer heiser, deshalb hatte ich ihn mir als kettenrauchenden Stammtischfußballer Mitte 50 vorgestellt. In Wirklichkeit ist er Anfang 40, und seine Stimme kommt vom Trainieren: Es regnete, und er stand am Rande eines kleinen Kunstrasenplatzes und brüllte. »Heyheyheyhey!« ... »mitdenken!« ... »komm, komm, komm. Komm!«. Abendtraining der ersten Mannschaft, es wurde auf vier Tore gespielt. Baron hatte die Füße in den Matsch gestemmt, die Arme vorm Körper verschränkt, seine Augen folgten dem Spiel.

»Die haben leider einen mehr. Habt ihr das schon mitgekriegt!?«

»Drück die Dinger!«

»Des kannste in der Disco machen!«

Hauswald war der Kleinste. Er trug eine weite Jogginghose und ein Kapuzenshirt. Wenn der Ball auf eine besonders pfiffige Weise zwischen seinem und einem anderen Fuß hin- und hergesprungen war, dann lächelte er. Es war ein Jungenlächeln, mit Grübchen, als wäre Fußball tatsächlich nur ein Spiel, ein Spiel für Kinder.

»Am Mann! Am Mann! Am Mann!«

»Der muss rein!«

»Weiter, weiterweiterweiterweiter. Weiter!«

Mit der Zeit ließ sich in dem Geschrei ein System erkennen. Er kritisierte die Spieler, wenn sie unaufmerksam waren oder den Ball aufgaben. Die verunglückten Tricks, die mutigen Schüsse ließ er durchgehen.

Im Haus seiner Eltern in einem Dorf an der tschechischen Grenze bewahrt Martin eine Medaille auf, eine einfache weiße Porzellanscheibe, in die »1. Platz/misto« eingraviert ist. Sie markiert einen Sieg, den er als den entscheidenden in seinem Leben bezeichnet, weil dadurch eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wurde, an deren Ende Thomas Baron stand. Der gute Junge war damals 13, und es war schon ein Wunder, dass er mit seinem Dorfverein überhaupt bis ins Endspiel des tschechischen Jugendturniers gekommen war. Kurz vor Schluss war immer noch kein Tor gefallen. Dann bekam seine Mannschaft einen Freistoß, und Martin lief an, »ohne groß an was zu denken«, es mögen 20, 25 Meter gewesen sein. Der Ball passte genau ins Eck, und ein paar Momente später war das Spiel zu Ende, und seine Karriere hatte begonnen. Nach dem Turnier holte ihn der Trainer eines Kleinstadtvereins, und ein halbes Jahr später spielten sie bei Dresden-Nord. Dort sah ihn Thomas Baron: »Ein Ausnahmetalent, das ich in der Art fußballerisch noch nicht gesehen habe. Diese Unbekümmertheit, diese Frechheit, diese Direktheit! Im richtigen Moment eigentlich immer das Richtige zu machen. Alles war da.«

Die meisten lizensierten Nachwuchstrainer wollen selbst entdeckt werden, das heißt, sie versuchen zum Beispiel durch einen Erfolg mit einer Nachwuchsmannschaft auf sich aufmerksam zu machen, wie zum Beispiel Michael Skibbe und Ralf Rangnick, die A-Jugend-Meister wurden, bevor sie Bundesligamannschaften trainierten. Dazu kauft man sich am besten ein paar gute Fußballer zusammen, die anderswo das Fußballspielen gelernt haben. Baron will das nicht, nicht weil er was gegen Ausländer hätte, aber er hat was gegen die »Einkaufsmentalität«: Neun der elf Spieler, die an dem Freitagabend in Halle spielten, kommen aus der eigenen Jugend. Das ist ungewöhnlich (und eigentlich unmöglich) in der Oberliga, aber Baron macht sich seine Fußballer eben am liebsten selbst. Er hat seine Diplomarbeit über die Trainigsmethode eines holländischen Fußballlehrers geschrieben, mit der die verspielten und kindergerechten Methoden des Straßenfußballs für das Vereinstraining adaptiert werden sollen.

Baron war schon zu DDR-Zeiten mit der Jugendausbildung unzufrieden. Bis Dynamo Dresden von einem Europapokalspiel in Holland die Videokassette dieses Wiel Coerver mitbrachte. Was er sah, kam ihm vor »wie eine Offenbarung«. Für 7000 Mark (Ost) kaufte er sich einen Videorekorder, um die Kassette seinen Spielern zeigen zu können, und er glaubt daran, bis heute.

An diesem Freitagabend wollte der Spielerberater eigentlich nach Westdeutschland, »Familienangelegenheit«, die Taufe einer Nichte. Stattdessen stand er dann in dem zugigen Gang vor den Kabinen und wartete auf Martin. Doch anstelle des Jungen kam der Manager von Dresden-Nord, machte einen Schritt auf Henry Hennig zu und brüllte ihn an. Es war Sächsisch, es war laut, Hennig verstand kein Wort, aber das Problem war klar: Der Manager war nervös.

Ein kleiner Verein verhält sich zu einem großen Talent wie ein alter Liebhaber zu seiner jungen Model-Freundin. Erst sind alle eifersüchtig, aber irgendwann beginnen die Verlustängste. Natürlich weiß jeder bei Nord, dass Hauswald sie eines Tages verlassen wird. Das war schon immer die Tragik der kleinen Vereine, aber bislang konnten sie davon leben: Es gab eine Ausbildungspauschale, bis zu 75 000 Mark, wenn ein Spieler nach oben wechselte. Im April war diese durch ein Urteil des BGH weggefallen, Stichwort »freie Berufswahl«. Für Dresden-Nord bedeutet das, dass jetzt »innerhalb von einer Woche ganze Mannschaften aufgelöst werden können« (Baron). Jeder »mittelmäßige Verein »kann in die A-Jugend reingreifen, wie er will«, ohne zu bezahlen. Um zumindest eine Ablösesumme zu bekommen, würde der Verein in Zukunft schon 16-Jährige unter Vertrag nehmen müssen. Dresden-Nord, das mit einem Jahresbudget von einer halben Million auskommt, würden auf diese Weise jedes Jahr zwischen 100 000 und 200 000 Mark verloren gehen. Doch mittelfristig werden nicht nur die kleinen Vereine mit guter Nachwuchsarbeit darunter leiden, sondern auch der Nachwuchs selbst. Rhetorische Frage von Thomas Baron: »Was hat ein kleiner Verein noch für ein Interesse, Spieler zu entwickeln?«

In der Nacht nach der Niederlage fuhr Baron mit seinem Manager zurück nach Dresden. Die Klimaanlage füllte den Mercedes mit trockener Wärme, der Trainer rätselte über das Formtief seiner Nummer elf.

»Das Problem sind die Spielerberater, die den Jungs den Kopf verdrehen. Das beginnt an dem Tag, an dem denen eingeredet wird, das sind super Spieler. Dann haben die die Konzentration nicht mehr, und das ist ja das, worauf es ankommt.«

»Wir haben ihm einen Vertrag angeboten, und der Martin hat uns mündlich zugesichert, dass er dieses Jahr noch bei uns spielen wird. Ich habe ihm erklärt, warum das für seine Entwicklung notwendig ist, einen Stammplatz zu haben, Verantwortung zu tragen.«

Der Manager hielt an einer Tankstelle, um eine Runde Winner-Tacos auszugeben. Es gab ein Problem mit der Kreditkarte, »finsterster Osten«, sagte er, als er sich wieder auf den Fahrersitz schob. Im Radio liefen jetzt Lokalnachrichten. Costa Cordalis war in der Gegend, ein Sturm hatte mehrere Bäume gefällt, Cottbus verlor gegen Dortmund mit 1:4.

»Der steckt ein paar Dinge weg. Aber vielleicht ist ihm was übern Kopf gewachsen, vielleicht gibt es Widersprüche. Das weiß ich nicht. Ich vermute es halt bloß. Aber vielleicht können Sie's mir am Ende sagen.«

Er wusste noch nichts von dem Angebot, aber er wusste, was die Anwesenheit eines Spielerberaters vor seiner Kabinentür zu bedeuten hatte. »Da spielt, denk ich, mit, dass ständig um die geworben wird, die man erst dorthin geführt hat.«

Martin wollte das Wochenende bei seinen Eltern in der Sächsischen Schweiz verbringen. Die Sonne stach durch die Gewitterwolken, das Wetter stand auf der Kippe. Auf der Terrasse der Familie Hauswald wurde die Wachstuchtischdecke immer heißer, durch die Büsche konnte man die Wiese sehen, wo er sich als Junge in den Ball verliebt hatte. Bienen kreisten, Nachbarn klackerten mit dem Geschirr, es war ein prototypischer deutscher Samstagnachmittag, nur dass zum Kaffee ein Spielerberater gekommen war, der den Sohn nach Berlin verkaufen wollte.

Der Vater schaute gequält. »Heutzutage muss man ja ein Schwein sein, um weiterzukommen, auch mal 'nem Trainer wehtun.« (Leider sind sie anständige Leute.)

»Das Angebot ist noch heiß, wir haben Tennis Borussia noch nicht abgesagt. Die wollen dich jetzt - das ist ein toller Status«, sagte Hennig. »Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Und das Fest heißt dritte Liga, das Fest heißt sehr, sehr viel Geld.«

Das Talent hing schlaff in einem Gartenstuhl, blinzelte in die Sonne und schwieg. »Der Martin hat eigentlich für sich schon 'ne Entscheidung getroffen«, übersetzte der Vater.

»Ich weiß nicht, ob der Papa mal mit den Zahlen agiert hat, aber das muss man erst mal verdienen. Ich weiß, dass dich nicht das Geld treibt, aber wenn du erst mal in der Kategorie bist, wird's auch nie wieder runtergehen.«

Die beiden Hauswaldmänner saßen mit zusammengekniffenen Augen da, als müssten sie dahinter ein Lächeln verbergen oder auch Stolz, dass der Junge so gefragt war. Ein Rasenmäher setzte ein, die Mutter brachte Pflaumenkuchen.

»Eine Entschädigung für Nord ist jetzt gewährleistet, das ist die Basis dafür, dass du kein schlechtes Gewissen haben musst. Deswegen, Martin, musst du dir überhaupt keinen Kopf machen.« (Die Rede war von einer sechsstelligen Summe, die Dresden, obwohl Martin dort nie einen Vertrag unterschrieben hatte, als Lohn für die Ausbildung bekommen sollte).

Martin zupft an seiner Jogginghose rum.

»Es ist nur so, dass wir keine Gewähr haben, was mit Baron wird. Wenn ihr weiter verliert, ist der Thomas total gefährdet.«

Vater: »Was wär denn, wenn morgen der Thomas zu dir sagt, dass wär 'n Weg zu TeBe? «

»Ich würd trotzdem noch bei Nord bleiben.«

Hennig: »Du gehst also auf Gedeih und Verderb den Weg mit Nord?«

Vater: »Ich hätt schon lang meinen Koffer gepackt.«

»Das ist ganz wichtig, Martin, dass du dich überprüfst, dass du das nicht aus Bequemlichkeit machst.«

»Das ist Bequemlichkeit!«, rief der Vater.

Im Vorbeigehen wuschelte ihm die Mutter durchs Haar. »Das muss der Martin schon selber wissen.«

»Aber ich bin kein Negativdenker. Du wirst das schaffen. Ich will nur nicht, dass du in einem halben Jahr sagst, Mensch, Hennig, du hattest doch Recht. Obwohl das in den meisten Fällen so ist.«

Martin lachte.

»Ja, das ist so.«

»Ohne dass ich jetzt unken möchte, aber bei aller Drahtigkeit - ich seh dich da auch wirklich gefährdet. Die hatten dir in Halle einen Sonderbewacher zugeteilt, den Geidel, das ist ein Kettenhund. Der spielt normalerweise im Mittelfeld.«

Die Mutter lächelte versonnen, diese Männer und ihr Fußball.

»Wenn du gestern nicht so alleine gelassen worden wärst, und das ist kein Zufall, dass das so ist, und es wird leider immer wieder passieren. Was meinst du, Martin?«

Er lächelte leicht und sagte leise: »Dass ich noch denke, dass ich bei Nord bleib. Das Spiel gestern hat ja auch gezeigt, dass ich noch was lernen kann. Ich fand nicht, dass ich nicht angespielt wurde, sondern dass ich schlecht war.« Er verzog sich ins kühle Wohnzimmer und machte den Fernseher an, DSF. Bayern hatte gewonnen. »Wenn der Baron sagen würde, du kannst gehen, dann geht der«, flüsterte draußen der Vater.

Am selben Abend fuhr Henry Hennig zurück nach Berlin. Die Entscheidung seines Klienten hatte ihn nicht überrascht, trotzdem war er guter Laune. Er wusste, dass der Junge wohl wechseln würde, wenn der Trainer selbst es war, der ihn zu diesem Schritt riet. Und Baron würde nichts anderes übrig bleiben, wenn er erfuhr, dass TeBe bereit war, für den vertragslosen Spieler eine sechsstellige Ablösesumme zu bezahlen. Am Sonntag sollte Baron mit seinen A-Junioren in Berlin spielen, und Hennig hatte vor, ihn dann anzusprechen. Er wusste, dass der Verein das Geld dringend brauchte. Drei Wochen später nahm Thomas Baron den Jungen nach dem Training beiseite und sagte ihm, dass die Entscheidung bei ihm liege. Der Verein würde 125 000 Mark von Tennis Borussia Berlin für ihn bekommen.

»Ich seh das real«, sagt Baron. »Mir bleibt gar nichts anderes übrig. Er ist 18 Jahre alt und muss das selber entscheiden.«

Am 15. September nahm zum ersten Mal die Bild- Zeitung Notiz von Martin Hauswald: »TeBe: Slomka will Dresdner Hauswald« stand über dem kleinen Artikel.

Am 8. Oktober verkündete der TeBe-Trainer Slomka in der Berliner Zeitung: »Er will zu uns.«

Mit drei paar Fußballschuhen im Gepäck, fuhr der Junge an einem kalten und sonnigen Tag im November nach Berlin. Sein neuer Verein hatte ein möbliertes Appartement für ihn gemietet. Er parkte den Vectra seines Vaters auf der Karl-Marx-Allee, um einen O-Saft mit seinem Berater zu trinken, und ließ sich dann von ihm zu seinem ersten Training bringen.

An diesem Wochenende wird Martin Hauswald zum ersten Mal für Tennis Borussia spielberechtigt sein. Sein neuer Trainer sagt: »Ein Junge mit großer Perspektive.«

 
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