Söhne reiben sich an ihren Vätern auf, Töchter verfluchen ihre Mütter, Männer gehen ihren Frauen fremd, Frauen trennen sich von ihren Kerlen. Was wäre die deutsche Gegenwartsliteratur ohne Familiendramen, Ehekräche und Geschlechterkampf? Und wie ginge es uns Lesern ohne das tägliche Krisengeschäft unserer Autoren? Womöglich müssten wir uns um uns selber kümmern. Nicht auszudenken das. Nur gut, dass Schriftsteller und Leser längst eine Therapiegemeinschaft bilden. Wer sich etwas von der Seele schreibt, sucht und findet Kundschaft wer gerne in andere Seelen lesend hineinschaut, ist mit sich nicht mehr allein, spart das Geld für den Psychiater. Meistens jedenfalls. Eine Binsenweisheit, gewiss, doch manchmal muss man es sagen.

Manchmal schert nämlich einer aus. Nicht jeder Roman stellt ein Rezept aus.

Und der Leser ist nach der Lektüre trauriger als zuvor, verwirrter. So geht es einem nach der Lektüre des neuen Buchs von Jörg Steiner. Aber die Traurigkeit, die Verwirrtheit, die den Leser nach dem Zuklappen des kurzen Romans über einen langen Abschied befällt, ist nur von begrenzter Dauer.

Diese Traurigkeit, eine sehr leise Traurigkeit, diese Verwirrtheit, eine schöne Verwirrtheit, hängt allein mit den beiden Helden des Romans zusammen.

Über die dritte Hauptfigur, den Erzähler selbst, erfasst uns ein stiller Jubel.

Jörg Steiner, soeben siebzig geworden, erzählt eine Familiengeschichte ohne Vater, Mutter, Eheleute. Es gibt hier keine Rebellion, keinen Kampf, keinen Krach. Und doch erzählt er von zweien, die Welten voneinander trennen und Gründe haben, einander zu hassen, zu morden. Jörg Steiners literarisches Motiv ist ein uraltes, aber beinahe ausgestorbenes in jüngster Literatur - er erzählt von einem Bruderzwist. Obwohl der eine Bruder den anderen leibhaftig ermorden will, ist es nicht bloß eine moderne Variante auf Kain und Abel, vielmehr ist es ein Liebesroman, der trotz des Namens einer Hauptfigur - Gottfried, genannt Goody - biblisches Assoziieren nicht unbedingt voraussetzt.

Es ist ein Liebesroman, wie wir ihn zuvor noch nicht gelesen haben. Ein schelmischer Liebesroman, ohne Narrenkappe. Einer, wie wir ihn nur von einem Schweizer Autor erwarten dürfen. Alles an Jörg Steiners Roman ist provinziell und unaufdringlich. So provinziell und unaufdringlich, wie es nur einer richten kann, der im Lande Robert Walsers aufwuchs, wo fast jeder gute Roman heute immer auch ein Märchenroman ist. Man denke nur an Urs Widmers Der Geliebte der Mutter, eine andere Variante des Familienromans heute in der Schweiz.