Mit unseren Lieblingsschriftstellern ist es so, dass sie auf einmal, ohne dass es groß auffällt, zur Familie gehören. Wir haben so viele magische und klare Augenblicke mit ihnen erlebt, dass sie uns wahrscheinlich, wie der Dr.

Benn einmal gesagt hat, auf die Gene gegangen sind (wenn das einmal alles entschlüsselt ist, werden wir es vielleicht genauer sehen). Ich weiß, auch Leute wie Samuel Beckett können auf die Gene gehen, ohne dadurch Mitglieder einer Familie zu werden. Aber das ist heute nicht das Thema. Heute ist das Thema William Carlos Williams, und ich will kurz erzählen, wie er in unsere Familie gekommen ist: Ich habe seinen Namen zum ersten Mal gehört, als er gestorben ist, im Frühjahr 1963, als ich gerade 17 war. Eine Notiz in der Zeitung. Der amerikanische Schriftsteller und Arzt WCW, bekannt für seine kurzen, prägnanten Gedichte, sei gerade gestorben, stand da wahrscheinlich. Und wahrscheinlich haben sie sogar Dichter und Arzt geschrieben oder Dichterarzt.

Er ist im März gestorben, dem Monat, den er am meisten gemocht hat.

Natürlich hat mich das hellhörig gemacht: Ich wollte Arzt und Schriftsteller werden. Oder eines von beiden. Oder nichts. Dann ist die Zeit vergangen, und Ende der sechziger Jahre habe ich mich für ein paar Wochen in eine Art freiwilliges Exil im Bayerischen Wald zurückgezogen. Eine Übung in Einsamkeit. Ich habe tagsüber in einer Art Minenschacht gearbeitet, und nachts habe ich angefangen, White Mule von William Carlos Williams zu übersetzen und seine Autobiografie. Nur so. Es war ein Teil meines Lebens, so wie andere Leute sich abends um ihren Garten kümmern.

Und als ich aus meinem Exil zurückkam, brachte ich unter anderem das mit: den Anfang von White Mule, das ein Buch über ein Baby ist und das mit einer Geburt anfängt. Sie kam an wie Venus aus dem Meer, tropfnass. Die Luft umschloss sie, umschloss ihren ganzen Körper, berührte sie, weckte sie auf.

Wenn Venus nicht laut geschrien hat, als sie vom Schoß des Meeres, von seinem Druck befreit war und spürte, wie die neue und leichtere Flut in ihre Brust schoss und ihr die Arme auseinander riss - die hier jedenfalls schrie. Sie verzog ihr winziges, verschmiertes Gesicht, stieß drei kurze, gepresste Schreie aus - und lag still. "Hör auf zu schreien", sagte Mrs. D., "sei lieber froh, dass du aus dem Loch da rauskommst. Es ist ein Mädchen." -

"Was?" - "Ein Mädchen." - "Aber ich wollte einen Jungen. Sehen Sie noch mal nach." - "Es ist ein Mädchen, Mam." - "Nein! Nehmen Sie es weg. Ich will es nicht. Noch mal die ganze Plackerei für ein Mädchen."

Dieses Baby, dieses unerwünschte Mädchen, wächst in die Welt hinein, so wie seine Eltern Gurlie und Joe Stecher (die aus Norwegen und Deutschland eingewandert sind) in die amerikanische Welt hineinwachsen. Am Ende von White Mule kann das Baby sprechen. Sie hat ihre Sprache und ihre Welt gefunden. Sie gehört dazu. "Mehr!", sagt sie, als die anderen Kinder ihr eine Himbeere zu essen geben. Die Eltern und das Kind finden ihre neue Welt.

Wir sind die Neue Welt, es kann nie eine andere geben Die Geschichte von Christoph Kolumbus, die "Kolumbus-Legende" halte die Amerikaner zusammen, sagt William Carlos Williams einmal. "Wir zusammen sind die Neue Welt, und es kann nie eine andere geben." In der Kunst heißt das: "Nichts ist gut außer dem Neuen. Wenn ein Ding neu ist, dann steht es wesentlich neben jedem anderen Werk von überragendem künstlerischen Rang." In den anarchischen, chaotischen frühen Büchern hat er die Befreiung von alten Traditionen mit einer Art automatischem Schreiben versucht. Er hat ohne jeden Plan jeden Tag etwas aufgeschrieben, alles, "was mir gerade in den Kopf kam ...

Kein Wort sollte geändert werden." Die Lektüre solcher Texte ist meistens ziemlich mühsam und unergiebig (außerdem wird oft sehr viel über "Kunst" geschwafelt), für den Autor allerdings kann automatisches Schreiben oft befreiend sein, er kann dabei seinen Rhythmus und seine Sprache finden, "seinen Schwerpunkt, den er später dann ganz automatisch findet: den Punkt nämlich, an dem er mit seinem Text - rollt".

Und Williams entwickelte einen Stil, der es ihm ermöglichte, zu schreiben und ein anstrengendes Leben als Arzt zu leben. Seine magischen und klaren Augenblicke, seine Epiphanien kamen nicht vom langen Sitzen auf irgendwelchen poetischen Eiern, sie kamen wie bei allen Leuten, die nicht mit der professionellen Herstellung solcher Augenblicke befasst sind, mitten aus einem tätigen, anstrengenden Leben. Es ist oft beschrieben und erzählt worden, und es muss hier noch einmal stehen, weil es so wichtig ist: Fünf oder zehn Minuten ließen sich zum Schreiben immer finden, sagt er in seiner Autobiografie. "Meine Schreibmaschine befand sich im Schreibtisch meiner Praxis. Ich brauchte nur die Platte, auf der sie befestigt war, hochzuziehen, und schon konnte ich anfangen. Ich arbeitete mit höchster Geschwindigkeit.

Kam, während ich gerade mitten in einem Satz war, ein Patient herein - schwupp, war die Maschine versenkt, und ich war wieder Arzt. Kaum war der Patient gegangen, tauchte wieder die Maschine auf. Mein Kopf hatte eine gewisse Technik entwickelt: In mir wuchs etwas, und das wollte geerntet werden. Das musste erledigt werden. Wenn dann endlich nach elf Uhr abends der letzte Patient zu Bett geschickt worden war, blieb mir immer noch Zeit genug, zehn oder zwölf Seiten in die Maschine zu hämmern. Ruhe konnte ich ohnehin erst finden, wenn ich meinen Kopf von den Zwangsvorstellungen befreit hatte, die mich den ganzen Tag gepeinigt hatten. Durchs Schreiben von dieser Pein erlöst, konnte ich mich schlafen legen."

Rutherford, New Jersey, eine kleine unscheinbare Stadt, wird immer mehr zum Zentrum dieser Welt. Das Nächste, das Alltägliche wird immer wichtiger, die Sprache immer direkter, unpoetischer, immer metaphernloser, nackter, nähert sich immer mehr dem gesprochenen Idiom an, der "Umgangssprache" und ihrem Rhythmus. Das war 1962 beim Übersetzen, als Hans Magnus Enzensberger seine Auswahl der Gedichte (immer noch die beste Williams-Übersetzung) herausbrachte, ein großes Problem. Margit Peterfy zitiert in ihrem Buch über William Carlos Williams in deutscher Sprache Klaus Reichert zum Thema der literarischen Übersetzung: "Sie kann, sie muss versuchen, im Deutschen, auch im Deutschen, endlich im Deutschen Umgangssprache literaturfähig machen. Die Herren Autoren tun's ja nicht ..." - die Damen Autorinnen auch nicht.

Ein Gedicht für dich, alte Frau, das du verstehen kannst Inzwischen hat sich das geändert. Aber es waren wohl hauptsächlich Übersetzer, die der deutschen Literatureinheitssprache ein bisschen neues Leben eingeblasen haben. Wenn man in den sechziger Jahren jung war und - wir fallen ja alle nicht vom Himmel - nach einer Sprache gesucht hat, in der man sprechen und schreiben konnte, dann gab es nicht viel: Döblins Berlin Alexanderplatz, Arno Schmidt (ein Sonderfall, kein Orientierungspunkt) und - auf eine andere, unauffällige Art - die Bücher von Hans Erich Nossack. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Rainer Werner Fassbinder Berlin Alexanderplatz verfilmt hat, auch wenn das dann alles ein bisschen dunkel geworden ist.

William Carlos Williams hat einmal auf die Frage, woher seine Sprache denn komme, gesagt (und dabei sicher an seine Patienten gedacht): "Aus dem Mund polnischer Mütter." Das ist hübsch gesagt, aber wenn man nicht weiß, wie polnische Mütter reden, hilft es einem nicht viel. In dem langen Gedicht January Morning, wahrscheinlich an seine Mutter gerichtet, sagt er es gegen Ende anders: All this was for you, old woman. / I wanted to write a poem / that you would understand. / For what good is it to me / if you can't understand it? / But you got to try hard Die eigene Sprache und die Sprache der Patienten, die oft Einwanderer aus Osteuropa und Italien waren. Seine Kurzgeschichten sind oft, na ja, Arztgeschichten. Über sich als jungen Arzt schreibt er einmal: "Ich war damals noch ein junger Mann - voller Wissen und Mitgefühl." Das war sein Ort, da unter den einfachen und oft armen Leuten, so wie der Hundskalk-Sammler in einem Gedicht, dessen Schritt majestätischer ist "als der von Hochwürden / wenn er am Sonntag / zur Kanzel geht".

Die Gegenposition dazu findet man bei Theodor Adorno, wenn er von seinen Stelzen herab verkündet: "Es gibt einen amor intellectualis zum Küchenpersonal ..." Amor ist gar kein Ausdruck, aber William Carlos Williams war kein Franz von Assisi, keiner, dessen Welt voll Brüder und Schwestern war, sein Mitgefühl kommt nicht aus einer selbstverordneten Menschheitsliebe, und seine Geschichten sind nicht sentimental. Sie sind manchmal sogar sehr hart. In Ein Gesicht aus Stein - einer Geschichte voller Abwehr und Antisemitismus - verweigert er fast die Behandlung: "Er war einer dieser frechen jüdischen Typen, die du, wenn du sie bloß siehst, umbringen willst, die vorgeblichen Armen, deren Blick sich in dem Moment ändert, wo Geld erwähnt wird." Und: "Ganz dumme Ochsen. Warum zum Teufel lässt man solches Pack ins Land. Halbidioten bestenfalls. Guck sie doch an." Er verweigert die Behandlung aber doch nicht (die Frau in der Geschichte ist übrigens eine "polnische Mutter"). Die Wahrheit in der Literatur, die schlimmen Wahrheiten, sind oft nur die schlimmen Wahrheiten der anderen. Nicht die eigenen. Die meisten Schriftsteller (wie die meisten anderen Leute auch) ertragen es nicht, dass sie manchmal genauso denken wie die Leute, die sie verachten. Und unser Mitgefühl verdankt sich manchmal nur der Hartnäckigkeit der Leute, die unsere Zuneigung brauchen und uns in einen moralischen Imperativ zwingen, der eine rhetorische Frage ist: Wenn ich das schon nicht tue, von wem denn sonst erwarte ich, dass er es tut? Ein Gesicht aus Stein ist allerdings kein Lehrstück, kein Text für die Lesebücher in den östlichen Provinzen, wie Sie jetzt vielleicht glauben. Sondern eine ganz nackte Erfahrung.

Ich wollte, bevor ich diesen Artikel hier anfing, an irgendeiner Stelle sagen, Dr. Williams sei ein Mensch ohne Verachtung. Aber das ist ja gar nicht wahr. Hausgötter sollten keinen Sockel haben.

Aber dann wieder die Literatur, ohne die solche Erfahrungen nicht aufgehoben werden können: Ich wollte ein Gedicht schreiben, das du verstehst. Das sagt jemand, dem jedes Künstlergetue fremd ist. Das Theoretisieren war ihm nicht fremd, aber er war nicht besonders gut darin. Er musste es nicht sein. Ich glaube, er hat sich beim Schreiben auf sein Ohr verlassen. Er hatte ein gutes Ohr. Daraus entwickelten sich die Gedichte und weniger aus irgendwelchen formalen Überlegungen. Karl Shapiro hat das sehr schön formuliert: "Jedes Gedicht ist seine eigene Form, das muss auch so sein. Das Gedicht ist einzigartig und unwiederholbar denn in der Wiederholung entsteht Form, weil Form Nachahmung ist, wie bei Eliot, bei dem sich ein Vorbild auf das nächste türmt. Bei Williams ist das Gedicht roh, zitternd, natürlich, ein objet trouvé, etwas, das man sich zweimal anschaut, bevor man es aufhebt." Aber das ist schon wieder sehr theoretisch.

"No ideas but in things", hat er immer wieder gesagt. Das ist eine gute Arbeitshypothese, auch wenn es zu oft zitiert wird und manchmal nur für einen platten, verstockten Realismus herhalten muss. Ich glaube, dieser Satz richtet sich auch gegen eine Tradition, in der das Gedicht und die Lyriktheorie ein und dasselbe sind (Jahrzehnte später schrieb Rolf Dieter Brinkmann in Silver Screen: "Wir sehen durch Theorien auf Gedichte und erblicken dann nichts anderes als Belege für unsere Theorie. Das ist sehr langweilig"). Williams empfand das Erscheinen von T. S. Eliots The Waste Land als Katastrophe. Ironischerweise hat sein nicht gerade theoriefeindlicher Freund Ezra Pound in einem Brief ausgesprochen, dass die Verweigerung von Deutung (und Bedeutung) dieser Gedichte ihre Stärke ist. Das Neue daran: "Die Sache, die Deine Arbeit rettet, ist Opazität, vergiss das ja nicht. Opazität ist NICHT eine amerikanische Eigenschaft. Fizz, swish, gabble und verbiage, die sind echt amerikanisch." Und dann ist dieses nicht echt Amerikanische zum Grundstein der neuen amerikanischen Lyrik geworden. Aber "Grundstein" ist schon wieder zu solide, zu festgelegt: "Steinbrech ist meine Blume, die sprengt / den Fels." Sie wären ohne ihn kaum denkbar: Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti, Robert Creeley, Gregory Corso und viele andere.

Williams wird nie ein Bestsellerautor werden, keine Marktbedrohung für die deutschen Lyriker, es könnte im Gegenteil eng werden für ihn und die vierbändige Werkausgabe: Unter all den konfusen Debatten, die im Augenblick in der deutschen Literaturszene laufen (Neue Komplexität, Pop, Theorieunfähigkeit, Repolitisierung und - die größte aller Fragen - kann man in Berlin besser schreiben oder in München? Wenn doch jeder weiß, dass Frankfurt der Ort ist, wo man Wunder und Weihen als Inhalt hat), gibt es eine merkwürdige antiamerikanische oder, genauer gesagt: eine gegen den Erfolg der amerikanischen Literatur gerichtete Verschwörungstheorie, die diesen Erfolg auf die Plots zurückführt, als würde das deutsche Publikum durch geschicktes Plotting beständig hinters literarische Licht geführt. Natürlich hat dieser Affekt gegen die amerikanische Literatur auch damit zu tun, dass amerikanische Autoren meistens größere Vorschüsse bekommen als deutsche. Aber kann es nicht sein, dass eine ganze Reihe amerikanischer Schriftsteller nicht nur interessanter erzählt, sondern auch über interessantere Sachen schreibt?

Der Plot, sagt Dr. Williams, ist wie ein Gott Ich kann mir keinen Schriftsteller vorstellen, der großen Spaß daran hätte, sich irgendeinen Plot auszudenken. Es gibt in diesem Gewerbe ganz andere Faszinationen. Dasselbe gilt für die Leser. Auch für die Leser Michael Crichtons, die diese Bücher wahrscheinlich nicht lesen, weil sie einen so spannenden Plot haben, sondern weil ihnen ein Stück Wissen aufgeschlossen wird. Jedes Kind kann doch sehen, dass beispielsweise Congo ziemlich genauso gebaut ist wie ein James-Bond-Film. Das ist eigentlich nicht mehr spannend.

Außerdem ist der Plot ein ziemlich empfindliches Gewächs. "Der Plot ist wie Gott", sagt Dr. Williams einmal. "Je weniger wir ihn definieren, desto dichter sind wir an der Wahrheit." Wenn man über den Lyriker Williams schreibt, dann muss man auch etwas über This Is Just to Say sagen, das bestimmt eines der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts ist. Hier kommt es in Hans Magnus Enzensbergers Übersetzung: Ich habe die Pflaumen gegessen die im Eisschrank waren du wolltest sie sicher fürs Frühstück aufheben Verzeih mir sie waren herrlich so süß und so kalt.

Harold Norse hat einmal gesagt, mit diesem Gedicht habe die Pop-Art angefangen, und natürlich hat sich auch die zünftige Kritik, die aus dem Uniseminar kommt und für das Uniseminar geschrieben wird, damit beschäftigt (ich erspare mir eine Übersetzung): "The irony of this poem was precisely that which preserved them (the plums) and increased the deliciousness of their perfection (the refrigeration) contained in its essence the sensuous quality most closely associated with de ath coldness. So the plums' death (or formal disappearance and disintegration) was symbolically anticipated in the charm of their living flesh. This is, I believe, the exact pathos of this brief poem ..."

So viel zum Tod der Pflaumen. Ende der sechziger Jahre haben Freunde von mir geheiratet, und auf ihre Hochzeitsanzeige haben sie den Text von This Is Just to Say gedruckt. Sie bekamen eine ganze Menge empörter Briefe. Die Leute empfanden dieses Gedicht als obszön. Und als dann noch eine der Trauzeuginnen mit einem kleinen Äffchen in einem Henkelkorb aufkreuzte, kamen danach noch ein paar Leute weniger zum Essen. Sie wollten mit so einer Hippiehochzeit nichts zu tun haben.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir jetzt in besseren Zeiten leben. Heute kann man mit zwei Affen als Trauzeugen aufkreuzen, und trotzdem kommen alle zum Essen, aber Sie wollen jetzt sicher wissen, wie ich dieses Gedicht sehe. Ja, doch, ich glaube, die Leute damals - diese Hochzeitsgäste, die nicht zur Hochzeit kamen - hatten Recht. Es ist ein obszönes Gedicht. Es ist ganz bei sich selber. Es ist absolut offen und öffentlich, und es ist absolut intim.

Es ist, was es ist.

Hans Magnus Enzensbergers Auswahl aus den Gedichten hat über viele Jahre hinweg das Bild, das man sich in Deutschland von Williams machte, bestimmt.

Der einzige Nachteil seiner Auswahl ist, dass sie praktisch nur kurze Gedichte bringt. Danach erschien noch ein wenig beachteter Lyrikband, 1969 übersetzte Walter Hasenclever In the American Grain, und im Jahr darauf kam - praktisch unbeachtet - die erste Übersetzung des Großgedichts Paterson heraus. Und 1980 ein Band mit Kurzgeschichten, übersetzt von Doris Halter. Es gab anscheinend kein Publikum für William Carlos Williams in Deutschland.

Margit Peterfy hat in ihrer kritischen Studie sehr genau beschrieben, wie der Schriftsteller Williams nach Deutschland gekommen ist. Ende der achtziger Jahre machten sich der Hanser-Verlag und der Herausgeber Joachim Sartorius an eine Ausgabe, die jetzt Zweitausendeins übernommen und in vier Bänden vorgelegt hat: Ein Band enthält eine zweisprachige Auswahl der Gedichte und (einsprachig, leider) Paterson. Die Autobiografie ist in einem eigenen Band untergebracht und White Mule und die beiden weiteren Bände der Romantrilogie in einem anderen (der dritte Band, Der Aufbau, ist eine deutsche Erstausgabe Hanser hat das nicht mehr gemacht). Im vierten Band sind frühe Schriften und eine Auswahl aus den Kurzgeschichten abgedruckt (von denen leider der letzte Teil im Inhaltsverzeichnis nicht zu finden ist). Die Ausgabe enthält eine ganze Reihe von Essays und Kommentaren, über die man sich nur freuen kann.

Unsere Lieblingsschriftsteller gehören zu vielen Familien Nicht so sehr habe ich mich über einige Übersetzungen gefreut, aber die Gedichte sind ja zweisprachig abgedruckt. Ich habe nur ein paar Passagen der Neuübersetzung von Paterson, übersetzt von Karin Graf und vom Herausgeber Joachim Sartorius, mit der alten Übersetzung von Anselm und Josephine Hollo verglichen. Beide Versionen haben ihre Vorzüge und ihre Nachteile. Ich will nur einen kurzen Satz von Allen Ginsberg (von dem einige Briefe in Paterson aufgenommen sind) zitieren, weil er sowohl für Ginsberg als auch für Dr.

Williams programmatisch ist: "In any case Beauty is where I hang my hat. And reality. And America."

Bei den Hollos heißt das: "So oder so, die Schönheit ist mein Hutständer. Und die Wirklichkeit. Und Amerika."

Bei Graf/Sartorius: "Auf jeden Fall lasse ich mich länger nieder, wo Schönheit ist. Und Realität. Und Amerika."

Die Hollos haben den Schwung des Originals bewahrt (leider haut der Hutständer nicht hin), und die Neuübersetzung ist eine - richtige -, aber matte Verständniskrücke. Es muss noch ein Drittes geben.

Weil wir beim Übersetzen sind: ich habe hier, oben, meine eigene Übersetzung des Anfangs von White Mule zitiert, nicht weil ich Karin Grafs Übersetzung schlechter fände, sondern aus sentimentalen Gründen - ich habe Jahre später, als es keine Möglichkeit zur Veröffentlichung gab, das Manuskript in unserem Hinterhof in die Mülltonne geworfen. Das erste Kapitel hat überlebt, weil es in einer Zeitschrift abgedruckt worden ist.

Unsere Lieblingsschriftsteller, habe ich am Anfang gesagt, gehören auf einmal zur Familie. Vielleicht sitzen sie sogar in den Genen. Aber sie gehören natürlich zu vielen Familien. Sie schaffen fast so etwas wie die Vereinten Nationen. In Richard Brautigans Roman Ein konföderierter General aus Big Sur, in dem das Leben einiger Hippies in einer Zeit beschrieben wird, in der es das Wort Hippie noch gar nicht gab, wird einmal eine ziemlich wacklig konstruierte Hütte beschrieben: "Und ich weiß noch, wie sich jemand an die Erdwand am Abhang gelehnt hat und gerade über William Carlos Williams herzog, als es plötzlich ein lautes, grollendes, knirschendes Geräusch gab und ein Erdbrocken herunterkam und den Lästerer bis zum Hals begrub . Er war ein junger Lyriker, Verfasser von klassischen Versen und frisch von der New York University, und er begann zu schreien, dass er lebendig begraben würde.

Glücklicherweise hörte der Erdrutsch auf, und wir gruben ihn aus und staubten ihn ab. Das war das letzte Mal, dass er irgendwas gegen William Carlos Williams gesagt hat. Am nächsten Tag stürzte er sich fieberhaft in die Lektüre von Journey to Love."

So ist das mit den Genen.

* William Carlos Williams: Ausgewählte Werke Vier Bände hrsg. von Joachim Sartorius Zweitausendeins, Frankfurt a. M.

2000 2760 S., 78,- DM * Margit Peterfy: Aspekte der übersetzerischen Vermittlung 1951-1970 Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1999 309 S., 78,- DM