Z E I T M U S I K Satanische Verve

Die Christenheit erstarrt, wenn Marilyn Manson naht. Doch ein Schockrocker kommt selten allein. Das Böse im Pop ist Mainstream geworden und wohnt unter uns

Verkehrte Welt: Als Marilyn Manson neulich unkostümiert einen Maskenball in Hollywood besuchte, blieb er inkognito. So inkognito, dass er am Ende alle anpöbeln musste. Es ist frustrierend, nicht erkannt zu werden, wenn man der Antichrist ist.

Normalerweise läuft die Sache andersrum: Manson steht in Gummiunterwäsche auf der Bühne, und die anderen verlieren die Nerven. Fernsehprediger und Familienväter rasten aus, Teenager ebenso. Sie küssen und sie schlagen ihn dafür, dass er Marilyn Manson ist, das Böse in Popstargestalt. Einige Städte haben schon Geld geboten für den Fall, dass er nicht dort auftritt - vergebens. Nachts liegt der Mann mit dem unschlagbaren Nom de Guerre dann auf dem Diwan und notiert zufrieden in sein Tagebuch: "Ich fühle mich wie jemand, dem ich nicht erlauben würde, meine Tochter zu ficken."

So ist es in den gerade auf Deutsch erschienenen Memoiren nachzulesen, die Manson zusammen mit dem Musikjournalisten Neil Strauss verfasst hat, The Long Hard Road Out Of Hell. So oder so ähnlich sagt er es auch auf Holy Wood (In The Shadow Of The Valley Of Death), seinem jüngsten Album. Genauer gesagt: Er faucht das alles von ganz tief aus den Eingeweiden herauf, um es zur Begleitung satanischen Glamrocks Wort für Wort auf die Menschheit zu kotzen.

Manson-Lyrics handeln von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen und der weißen Mittelstandsfamilie im Besonderen, von toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten der Vereinigten Staaten und einem Himmel, der so blau ist "wie eine Schusswunde". In immer neuen, grandios eitrigen Farben malen sie die Apokalypse an die Wand, obwohl dies den Kern des Ganzen auf Dauer eher eintrübt. Denn am klarsten handeln Manson-Lyrics davon, niemand zu sein und jemand sein zu wollen: "Today I am dirty, and I want to be pretty tomorrow, I know that I'm just dirt, we are the nobodies, we wanna be somebodies."

Teenage-Ängste, Teenage-Metamorphosen - das ist der Stoff, aus dem diese Albträume sind. Als der Antichrist noch Brian Warner hieß und daheim in Canton, Ohio, wohnte, war er ein schüchterner Junge mit Sommersprossen und Hasenzähnen. Dass die Ohrläppchen ihm "wie ein deplatzierter Hodensack am Haarschopf herunterhingen", wird das Heranwachsen im Bible Belt, dem religiösen Süden der USA, wo im Verborgenen der Ku-Klux-Klan regiert und Schullehrerinnen vom Weltuntergang schwärmen, nicht eben leichter gemacht haben. Irgendwann muss er sich gesagt haben: Wenn dies die Hölle ist, dann kann ich noch anders.

Marilyn Manson, die selbst geschaffene Kunstfigur, ist ein Racheengel. The Long Hard Road Out Of Hell beschreibt im Stil eines (Anti-)Bildungsromans die Stationen seines Coming-out: vom Kleinstadt-Loser zum Kleinstadt-Revoluzzer, der es darauf anlegt, von der Schule zu fliegen. Vom in sich gekehrten Comicdealer zum Horrorgeschichtenschreiber und (erfolglosen) Musikjournalisten. Vom College-Boy zum gefürchteten Bandleader, der sich den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mordbuben gibt. In einem unablässigen Akt der Selbststilisierung entsteht MM, ein Wesen wie frisch exhumiert, von 450 Narben gezeichnet ("Seelische Verletzungen nicht eingerechnet") und garantiert unempfindlich für jegliche Art von moralischem Zuspruch: der Mann, vor dem Brian Warner seine Eltern immer gewarnt hat.

Pophistorisch gesehen ist dies keine besonders originelle Leistung. Bereits Jim Morrison agierte seine Psychodramen auf offener Bühne aus, und viele der Mansonschen Schockrequisiten kennt man aus Alice Coopers kleiner Horrorschau. Die ganze Popmusik handelt letztlich davon, übermächtigen Autoritäten gegenüber ein wenig Würde zu bewahren. Wenn sie die Details nicht verstehen - umso besser. Doch selten war der Graben zwischen Gewinnern und Verlierern in diesem symbolischen Spiel so tief. Auf der einen Seite der Siegeszug des Kindchenschemas, am reinsten verkörpert durch Britney Spears: Nie würde so ein Girl härtere Drogen als Kaugummi in den Mund nehmen, ihre Lieder feiern die heile Welt der Cheerleader und Sportskanonen als beste aller möglichen Welten. Daneben die pickligen Nachtschattengewächse, die ihr eigenes Versagen umtreibt.

Hass auf Boygroups, Schwule, die eigene Familie

Eine Teenage-Zweiklassengesellschaft: Die einen wollen mit aller Macht auf die Sonnenseite des Lebens, die anderen zerren die Leichen aus dem Keller. Im einen Fall scheint der Generationskonflikt kollabiert zu sein - Eltern hören den gleichen keimfreien Pop, den auch Sechzehnjährige hören, und dulden selbst Brustimplantate aus Silikon, wenn es das Kind glücklich und erfolgreich macht. Die Grausamkeitstheatraliker und Satanisten wiederum drehen verzweifelt an der Provokationsspirale. Ihr Spezialgebiet ist das Abartige, Uneindeutige, das Polymorph-Perverse, das bekanntlich auch im Teenager steckt.

Dass diese Kluft ein ganz reales Gewaltpotenzial birgt, nimmt die Öffentlichkeit ungern zur Kenntnis. Dylan Klebold und Eric Harris, die beiden Postpubertanden, die in Littleton, Colorado, ein Massaker an ihrer Highschool veranstalteten, trieb nach eigenen Angaben rasender Hass auf blonde, durchtrainierte Mitschüler an - am Pranger stand dafür Marilyn Manson. Seine Musik sei gewaltanstiftend, so das Urteil, obwohl ein direkter Zusammenhang zwischen Symbolisierung und Tat im weiten Feld der Ästhetik weder kunsthistorisch noch psychologisch, noch gar statistisch erhärtet ist und in den Plattensammlungen der Amokläufer nachweislich nicht Manson, sondern bloß Artverwandtes festgestellt werden konnte: CDs der deutschen Bands Rammstein und KMFDM (Kein Mitleid für die Mehrheit). Die kennt die Mehrheit in den USA noch nicht. Umso mehr liebt man es, Abbilder zu bannen, damit die Volksseele sich beruhigen kann.

Böser Pop macht noch keinen Mörder. Richtig ist, dass das Pop-Böse nicht länger in der ästhetischen Provinz vor sich hin dämmert, es ist in den Mainstream eingedrungen. Rapper Eminem zum Beispiel: Nichts hasst dieser Sohn aus dem Poor White Trash von Detroit mehr als Britney Spears ("Shitney Queers"), höchstens noch Boygroups oder Schwule oder die eigene Familie. Der Tod teurer Personen, nach Freud ein ziemlich verbotener Wunsch - bei Eminem wird er explizite Lyrik. In gekonnt verstolperten Reimen fährt er die ermordete Ehefrau im Kofferraum seines Vorstadtschrottmobils spazieren, um sie - "Blute, Schlampe, blute" - anschließend mithilfe der gemeinsamen Tochter zu entsorgen. Selbst vor der eigenen Mutter macht Eminem alias Marshall Mathers alias Slim Shady in seinem Rachefeldzug nicht Halt. Die Lieben verklagen ihn dafür auf Schadensersatz in Millionenhöhe, was seine gigantischen Plattenverkäufe weiter anheizt.

Eminem mag noch als Komplexiker des Genres durchgehen, er verteilt seine Reime auf gleich drei selbst geschaffene Kunstfiguren - die Eindimensionalität in Person ist Kid Rock, ebenfalls aus Detroit. In dieser finalregressiven, auch musikalisch am Nullpunkt angelangten Variante von Rock-Rap geht es, neben vielen verkauften Platten, nur noch ums Saufen, Nach-oben-Kommen und um die Autogrammspuren, die er auf den sekundären Geschlechtsmerkmalen weiblicher Fans hinterlässt. Kid Rock gefällt sich in einem Kettenhemd aus Bierdosenverschlüssen, die er als Ehrenzeichen trägt wie ein Admiral nach gewonnener Schlacht. Die Kritik hat er schon plattgemacht. "Ein böser Bube, fürwahr!", schwärmte das deutsche Magazin Musikexpress/Sounds angesichts dieses "Ferkels mit Format". Hier wage einer, "Sachen zu sagen, die andere sich nicht einmal zu denken trauen, und hat damit auch noch Erfolg. Kid Rock ist Amerikas neuer Superstar."

Die Satanisten von heute als Aufklärer von morgen

Nicht schön, oder? Muss ja aber nicht. Dass Leute, die an einen Pop mit menschlichem Antlitz glauben, sich angewidert abwenden, wenn ihnen die Visage eines Kid Rock vom Titelblatt entgegengrinst, ist Sinn der Sache. Und wenn es Pubertanden hilft, sich im Sozialdarwinismus der Schulhöfe zu behaupten, ist der Zweck erfüllt. Mainstream-Musik kann nicht besser sein als die Welt drumherum, die Befreiungsrocker von gestern sind die Rockmonster von heute. Die Satanisten von heute aber sind die Aufklärer von morgen.

Neben Kid Rock, dem Proleten als Parvenu, wirkt Marilyn Manson wie ein verkappter Humanist des Horrors. Das Tabu ist ihm heilig, gerade weil er es brechen muss. Er verschafft sich Erleichterung von seinen Untaten, indem er sie detailliert im alteuropäischen Medium Buch beschreibt. Die Backstage-Szenen, eine endlose Revue aus Drogenmissbrauch und Sexexperimenten, erinnern in ihrer surrealistischen Brillanz ein wenig an den Marquis de Sade. Dann wieder selbstreflexive Passagen. Mit geradezu nietzscheanischer Kälte seziert MM die Scheinheiligkeit bürgerlicher Moral: Sie lebt von dem Bösen, das sie verdammen muss, weil sie seinen Anblick nicht erträgt.

"I'm not a slave to god that doesn't even exist", geht der Ruf zuletzt gen Hollywood. Manson ist nämlich auch ein großer Entmystifikator des Kulturbetriebs. Wer in hundert Jahren wissen will, wie erfolgreiche Schockrock-Alben entstehen - hier findet er das Rezept. Sie werden nicht einfach am Reißbrett entworfen, sondern sind das Ergebnis eines nervenzermürbenden Kriegs aller gegen aller: Produzent gegen Künstler, Firma gegen beide, Künstler gegen Band, Business und den ganzen Rest. Kurz bevor jegliche Produktivität erlischt, wird ein Kompromiss geschlossen, der Berg kreißt und entlässt ein Album wie Holy Wood (In The Shadow Of The Valley Of Death), Spiegel der Niedertracht der Popkultur und Kreuz des gemarterten Artisten.

Beides kann man hören, wenn die Band ihren Todespunk zelebriert und Manson dazu von Exekutionen im Weltall singt, von Kampfmaschinen und einer Schöpfung, die dem lieben Gott gründlich aus dem Ruder gelaufen ist. Wie Knochensägen arbeiten die Riffs sich voran, das Schlagzeug prügelt den Rhythmus, aber es ist stets auch das eigene Fleisch, das bearbeitet wird. Vielleicht wirken die Bekenntnisse des Brian Warner wie die Lebensbeichte eines armen Teufels, weil so viel Marter müde macht: Werdet nicht wie ich!, flüstert es aus den Zeilen. Denn selbst wenn ihr die Qualen der Kindheit so leichter übersteht, ihr müsst auf ewig im Fegefeuer der Kulturindustrie brennen.

Luzifer ist auch nur ein Teil jener Kraft. Freilich entpuppt der gefallene Engel sich nicht doch noch als Lichtgestalt. Ob Platte oder Buch, Produkte aus dem Hause Manson sind Trainingseinheiten in Sachen Nihilismus und Apokalypse. McWar für die McWelt: Sie kriegt den Pop, den sie verdient.

Holy Wood (In The Shadow Of The Valley Of Death) (Motor Music)Die Autobiografie "Marilyn Manson: The Long Hard Road Out Of Hell" ist im Hannibal Verlag erschienen

 
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