S A C H B U C H Händedruck und Gedicht

Zum 80. Geburtstag Paul Celans: Barbara Wiedemann hat die Goll-Affäre rekonstruiert

Wie sich die Bilder gleichen: Am Weihnachtsabend 1959, so erinnerte vor ein paar Wochen eine große Tageszeitung, wurden die Synagoge und ein Mahnmal in Köln von zwei Mitgliedern der Deutschen Reichspartei, einem Vorläufer der heutigen NPD, mit Naziparolen beschmiert. Danach kam es in der gesamten Bundesrepublik, aber auch in anderen europäischen Staaten zu Übergriffen auf jüdische Einrichtungen und Privatleute. Allein für Deutschland verzeichnete ein "Weißbuch" der Bundesregierung bis Mitte Februar 833 solcher Taten. Für diese Tageszeitung nun legt dieser "sprunghafte Anstieg der Kriminalstatistik ... den Schluß nahe, daß Aufgeregtheit von Politikern und Medien über symbolische Schändungen Täter eher zur Nachahmung anreizt, als daß sie abschreckend oder dämpfend wirkt." Und die Zeitung fügt hinzu: "Ein näherer Blick in die amtliche Dokumentation der Vorkommnisse zeigt zudem die Neigung, selbst kleine Vorkommnisse aufzubauschen."

Ganz anders hat das Paul Celan gesehen. Nicht nur, weil er vor Augen hatte, dass kurz vor Weihnachten 1959 durch den Bundestag ein Gesetzentwurf zum Tatbestand der Volksverhetzung zurückgestellt worden war und dass das gleiche Gremium, um den Schmierern keine Publizität zu geben, es abgelehnt hatte, über die Ereignisse zu diskutieren: "Täglich", meldet Celan am 20. Februar 1960 an Nelly Sachs, "kommt mir die Gemeinheit ins Haus, täglich, glauben Sie's mir. Was steht uns Juden noch bevor?"

Drei Monate später wurde dem Verfasser des epochalen Shoah-Gedichtes Todesfuge die Nachricht zugetragen, dass ihm der Büchner-Preis verliehen worden sei. Dies geschah gerade, als er beim S. Fischer Verlag Gespräche führte, wie dem Vorwurf von Claire Goll zu begegnen sei, den sie Ende April in einer sich antinazistisch gerierenden Münchner Literaturzeitschrift, Der Baubudenpoet, erhoben hatte: Celan habe ihren verstorbenen Mann, Ivan Goll, plagiiert - der Anfang einer lang anhaltenden, teilweise äußerst aggressiven Pressekampagne, die in die Annalen als "Goll-Affäre" eingegangen ist. Celan selbst hingegen hat nur von "der Infamie" gesprochen: Dass die Anschuldigungen von deutschen Tages- und Wochenzeitungen weitgehend ungeprüft aufgegriffen wurden, war für ihn Zeichen desselben Antisemitismus, der seine Eltern im Konzentrationslager gemordet hatte.

Nicht wenige selbst unter den Freunden glaubten in dieser Diagnose den Ausdruck einer krankhaften Überempfindlichkeit sehen zu müssen. In der Tat hat Celan nicht einmal diejenigen, die ihm beigestanden haben, von dem Vorwurf ausgenommen, "daß das wiederkommt", aber ihm war zu Zeiten klar, dass er damit "die Fassung verloren" hatte. Ebenso ist es richtig, dass sich Celan seit Ende 1962 mehrfach jeweils für längere Zeit in stationäre psychiatrische Behandlung begeben musste. Doch bekunden derartige Krankheiten nur etwas über den Kranken?

Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele

Dass Celan erst durch die öffentliche Diskussion um den Plagiatvorwurf krank gemacht wurde, ist der Ausgangspunkt von Barbara Wiedemanns Paul Celan - Die Goll-Affäre. Dokumente einer "Infamie". Ein Buch, das ermöglicht zu verstehen, was es für Celan hieß, als Dichter an der zur Sprache der Mörder gewordenen Muttersprache festzuhalten und deutschen Boden zu betreten.

"Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele" - getreu diesem von Celan in der Büchner-Preisrede Der Meridian zitierten Satz von Malebranche mutet schon der Umfang des Buches dem Leser einiges zu: 860 Seiten mit Dokumenten, mit klein gedruckten, um der Genauigkeit willen auch Redundanzen in Kauf nehmenden Kommentaren und mit einem ausführlichen Schluss-Essay - eine beeindruckende Leistung geduldiger und kenntnisreicher Philologie.

Alles, was der Leser für ein gerechtes Urteil braucht, wird ihm an die Hand gegeben: die entlegen publizierten Texte ebenso wie eine Fülle an bisher unveröffentlichten oder einem kleinen Kreis vorbehaltenen Schriften. Was ebenso wichtig ist - Wiedemann kann, gestützt auf die Goll-Forschung der letzten Jahre, die Manipulationen dokumentieren, die Claire Goll am Nachlass ihres Mannes vorgenommen hat. (Nur zwei Dinge vermisst der Leser: eine tabellarische Chronologie und ein kommentiertes Namensregister.)

Vier Phasen unterscheidet Wiedemann im Ablauf der Affäre. Begonnen hat alles damit, dass Celan Anfang November 1949, ein Jahr nach seinem Eintreffen in der französischen Hauptstadt, den an Leukämie leidenden Ivan Goll - vier Monate später sollte er sterben - in einem Pariser Krankenhaus aufsucht. Golls Tagebuch ist zu entnehmen, dass Celan Gedichte aus seinem gerade eben erschienenen, kurz danach wegen zahlloser Druckfehler zurückgezogenen ersten Gedichtband Der Sand aus den Urnen vorliest. Beide Golls finden "die Gedichte dort bewunderswert, rein und wissend, wo die Schatten von Rilke und Trakl vor seinem klaren Genie langsam verlöschen. Vor allem ,Todesfuge' ergreift und entzückt uns". Ivan Goll bittet Celan, seine französischen Gedichte zu übersetzen.

Wie dieser später festhält, sei er dem Wunsch nachgekommen, weil "man einem Sterbenden eine Bitte nicht gut abschlagen kann", während Claire Goll behaupten wird, er habe dies nur aus Karrieregründen und aus finanziellen Interessen getan - gesichert hingegen ist, dass es bestenfalls um 100 Francs gegangen sein kann. Bis Anfang des Jahres 1952 spielen derartige Fragen in den Briefen an das "liebe Päulchen" jedoch noch keine Rolle. Zum Bruch kommt es erst, als der Verleger Celans die von Claire Goll durchgesehene Übertragung des Gedichtbandes Chansons Malaises zurückweist und stattdessen wenige Wochen später eine wohl schon längst vorbereitete Übersetzung der dichtenden Dichterwitwe herausgibt, die sich kräftig bei derjenigen bedient, deren Veröffentlichung sie hintertrieben hat.

Ein Jahr später dann die zweite Phase. Im August 1953 - Mohn und Gedächtnis, die Gedichtsammlung, die Celan bekannt gemacht hat, ist inzwischen herausgekommen - erhebt Claire Goll in einem halb öffentlichen Rundbrief an Institutionen des Literaturbetriebs zum ersten Male den Vorwurf, Celan habe das deutsche Spätwerk ihres Mannes, den von ihr selbst edierten Band Traumkraut, plagiiert. Als Kronzeuge dient ihr Richard Exner, den sie zunächst noch als amerikanischen Hilfs-, später dann als ordentlichen Professor ausgibt. Doch nicht nur war Exner zur fraglichen Zeit in Wahrheit Student, er hat nach eigenem Bekunden auch nicht mehr geäußert, als dass ihn "ein oder zwei Genitivmetaphern Celans" an Goll erinnerten: "Da schrie sie auf: er hat abgeschrieben und Sie müssen mir helfen, das zu beweisen." Exner hat es getan - allerdings nicht in dem erwünschten Maße.

Und doch geht die Saat auf: Mit Hans Egon Holthusen und Curt Hohoff - Celan wird auf ihre Nazivergangenheit verweisen - greifen Literaturkritiker der ersten Garde zunächst zurückhaltend, später deutlicher die mit dem Klischee vom unkreativen jüdischen Epigonen operierenden Vorwürfe auf. Der an seinen Übersetzungen Bestohlene wird so zum Dieb gemacht. Zu Recht spricht Celan von "Projektion". Und er erkennt noch ein weiteres Motiv bei Claire Goll: Sie will den Ruhm ihres Mannes mehren, indem sie ihm den frisch erworbenen nimmt.

Die eigentliche "Affäre" hebt an, als sich Claire Goll Ende April 1960 im Baubudenpoeten zu Wort meldet. Nicht nur, dass Celan hier erstmals in aller Öffentlichkeit des Plagiats beschuldigt wird - noch mehr trifft ihn, dass das Schicksal seiner Eltern als "Legende" verunglimpft wird, "die er so tragisch zu schildern wußte". Ein trauriger Fall von jüdischem Antisemitismus: Claire Goll, die selbst ihre Mutter und deren zwei Schwestern in Auschwitz verloren hat, unternimmt alles, um sich und ihren Mann in der Öffentlichkeit nicht Juden sein zu lassen.

In zwei jungen Germanisten - für ihre Dissertation brauchen sie den Zugang zum Nachlass von Ivan Goll - findet die "veuve combative der schlimmsten Art" (Exner schon im Juli 1960) neue Mitstreiter, und große Zeitungen wie Die Welt und Christ und Welt öffnen ihnen ihre Seiten. Was für eine Sensation: Der neue (und erste jüdische) Büchner-Preisträger ein Plagiator! Die Wellen schlagen hoch. Claire Goll will die Preisverleihung verhindern.

Und Celan, der für sich selbst den Vergleich mit der Dreyfus-Affäre zieht, bleibt für die Zeitungen stumm - keine rechtlichen Schritte, keine Gegendarstellung. Er vertraut auf das ihm angemessene, das dichterische Wort. Doch kaum einer vernimmt den Meridian, die nun entstehenden Gedichte und Übersetzungen, als Entgegnung. Freunde - Peter Szondi, Marie Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann, Klaus Demus - übernehmen die Verteidigung im Literaturbetrieb: Die von Claire Goll inkriminierten Verse aus Mohn und Gedächtnis können kein Imitat sein, weil sie Gedichten entstammen, die schon in dem einzig wegen seiner zahllosen Druckfehler zurückgezogenen Band Der Sand aus den Urnen zu finden waren. Diese Sammlung lag bereits vor, als Ivan Goll noch an Traumkraut arbeitete!

Doch seine Witwe, die nicht nur das, sondern auch ihr einstiges Lob vergessen zu haben scheint, lässt nicht locker - und vergeht sich dabei nicht nur an Celan, sondern auch am Werk Ivan Golls: Um ihren Plagiatvorwurf aufrecht erhalten zu können, datiert sie die Gedichte ihres Mannes immer weiter zurück und verändert ihren Wortlaut. Nicht einmal die Todesfuge nimmt sie von ihren Anschuldigungen aus - jenes Gedicht, das Celan mehrfach als einziges Grabmal seiner Mutter bezeichnet hat.

Auch von anderer Seite wird dieses Gedicht ins Visier genommen: Dass Günter Blöcker von "kontrapunktischen Exerzitien auf dem Notenpapier" gesprochen hat, liegt für Celan auf der gleichen Linie wie Claire Golls die Shoah verleugnendes Wort von der "Legende". Und was soll er von Peter Rühmkorf halten, wenn dieser ihm eine "Trauer über die Unfähigkeit zur Eroberung der Welt" unterstellt und ihn "als Ausnahme nicht nur unter dichtenden Zeit-, sondern auch Artgenossen" bezeichnet?

Im Verlauf des Jahres 1961 beruhigt sich die Debatte, doch bleibt sie in den nachfolgenden Jahren - vierte Phase - schon deshalb immer präsent, weil Claire Golls Vorwürfe Eingang in literaturgeschichtliche Standardwerke finden. Erneut auszubrechen droht sie, als im Februar 1970 ein Gedicht von Celans Jugendfreund Immanuel Weißglas auftaucht, das zwar höchst bieder ist, im Wortlaut aber partielle Übereinstimmungen mit Celans unvergleichlicher Todesfuge aufweist. Ob zu Celans Frei-Tod die Angst vor einer weiteren Plagiatkampagne beigetragen hat, wird wohl niemals zu klären sein.

Was er zu erwarten hatte, das zeigt 1997 in einem Focus-Aufsatz Werner Fuld, wenn er unter dem ruchlosen Titel Ein Meister des Verbergens schreibt: "Seine Angst vor Plagiatvorwürfen bezog sich wohl nicht vordergründig auf die Goll-Affäre, sondern auf die ... ,Todesfuge'. Wäre darüber zu seinen Lebzeiten geschrieben worden, wäre seine Existenz als Dichter ruiniert gewesen. Ende April 1970 nahm er sich das Leben." "Judas hängte sich auf. Celan sprang in die Seine. Beide hatten einen Schuldkomplex", lautete der öffentliche Kommentar der Dichterwitwe. Garniert war er mit der Behauptung, Celan habe sie wenige Tage nach dem Tode ihres Mannes zu vergewaltigen versucht.

"Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht." Dieser Satz aus einem 1960 publizierten Brief an Hans Bender verrät, dass es für Celan um mehr als einen Fall der Literatur ging. Denn zum Dichter wird man danach nicht durch das Verfassen von Versen, sondern dadurch, dass man menschlich spricht: Wer eine Hand drückt, der gibt das jede Kommunikation erst ermöglichende Zeichen der Nähe - er gewährt dem Anderen einen Freiraum, indem er ihm noch vor jeder Botschaft verspricht, seine fremdartige Andersheit zu achten und ihm in seiner Einsamkeit beizustehen. Wirkliche Gedichte sind daher für Celan solche, denen sich der Dichter als Person mitgegeben hat - in der Hoffnung, dass die Hände, auf die er trifft, nicht zur Abwehr oder gar zum Schlag erhoben sind. Genau das aber widerfährt Celan.

Der Unterschied zwischen Information und Atem

Hätte man ihn aufmerksam gelesen, wäre klar gewesen, dass hier einer schreibt, der sein Überleben allenfalls dadurch rechtfertigen kann, dass er "um sein Leben" schreibt. Wer "Schwarze Milch der Frühe", den Anfang der Todesfuge, für eine aus dem Arsenal der Kunst entlehnte Genitivmetapher hält, der bekundet jenes die Wirklichkeit des sprechenden Menschen aus dem Auge verlierende technizistische Sprachverständnis, auf das Celan die schlimmsten Machenschaften der Weltgeschichte zurückführt: Seine Gedichte würden aus "Herzensnot" geboren und nicht wie diejenigen Mallarmés und seiner Nachfolger aus "Wortmaterial" gemacht. So vermitteln sie auch keine "Information", sondern in Bits nicht gleichzuschaltenden "Lebensatem".

Wenn Celan den Gedichten anderer etwas entlehnt, dann sind es Zitate. Von ihnen sagt er: "es sind - Friede dem Mitzitierten - Fremdkörper schlechthin" und macht deutlich, worum es ihm als in der Fremde lebendem Dichter und Übersetzer geht: die Sprache der Mörder zu einer Sprache zu machen, die anerkennt: "Wir sind Fremde." Jedes Wort, das mir der Andere sagt, ist ein Fremd-Wort, eben weil er anders ist als ich. Allein eine dem Anderen seine Befremdlichkeit lassende Sprache ist dem Juden Celan eine menschliche, da gastliche Sprache.

Damit setzt er sich von der griechischen Tradition ab, für die Ich und Du "stets dieselbe Seele" sein müssen (ein Wort Stefan Georges, das Hans-Georg Gadamer für die Hermeneutik in Anspruch nimmt). "Man kann verjuden", schreibt Celan in den Notizen zur Meridian-Rede in direkter Konfrontation mit dem "Wörterbuch des Unmenschen", "das ist zwar, zugegeben, schwer und ist, warum nicht auch das zugeben? - sogar schon manchem jüdisch geborenen Juden mißlungen; gerade deshalb halte ich das für empfehlenswert/ Verjuden: Es ist das Anderswerden, Zum-anderen-und-dessen-Geheimnis-stehn - / - Liebe zum Menschen ist etwas anderes als Philanthropie -."

Paul Celan - Die Goll-Affäre Dokumente zu einer ,Infamie'

Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000; 926 S., 98,- DM

 
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