Ihm hat sicherlich schon das Beethovensche oder gar Wagnersche Orchester vorgeschwebt", schrieb Paul Hindemith 1950 über seinen Kollegen Johann Sebastian Bach. Er meinte das ironisch. Denn er distanzierte sich heftig von der damals gängigen Art, Barockmusik in Bombast zu verwandeln. Heute ist von dieser Opulenz so wenig übrig, dass die großen alten Bach-Kalorienbomben Sammlerwert haben.

Die lange Revolution, die in diesem Jahrhundert das Sprachähnliche und die Beweglichkeit von Barockmusik freilegte, hat ihre jakobinische Zeit längst hinter sich. Inzwischen entdecken viele wieder einen historischen Reiz im Bach-Stil der Großväter, die im Thomaskantor den "letzten Gotiker" sahen und seine Werke zu Kathedralen blähten. Es liegt also nicht nur am Bach-Jahr, dass jetzt gleich zwei Sinfonieorchester die alten Bearbeitungen hervorgekramt haben, in denen sich die spätromantische Ästhetik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch zeigt - und durchaus nicht einheitlich.

Leopold Stokowski, Ottorino Respighi, Edward Elgar, Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Dutzende andere haben mit Bach experimentiert oder ihn zugabentauglich arrangiert. So bestellte Arturo Toscanini 1930 bei Resphigi eine Transkription der c-moll-Passacaglia (im Original für Orgel) und war vom Ergebnis begeistert. Dem BBC Philharmonic Orchestra unter Leonard Slatkin geht es offenbar genauso. Eine herrliche Dröhnung - wummernde Bässe, Bläserkaskaden, Ekstasen, dass die Knöpfe platzen. Genussvoll kann man Harmonik und Linienbildung ausforschen - und bemerkt erstaunt, wie gut sie sich in postromantische Räusche fügen. Nicht nur, weil Bachs Musik so stabil gebaut ist. Sondern auch, weil ihr Übergang vom sprachlichen zum instrumentalen Komponieren eine kaum zu überschätzende Voraussetzung für die Entwicklung der Sinfonik war.

Mitten in diesen Prozess führt auf Slatkins Platte eine Ersteinspielung, Joseph Joachim Raffs Ausweitung der d-moll-Chaconne vom Geigensolo zum Orchesterwerk von 1873, eine Neukomposition mit Strukturen, die noch an Felix Mendelssohn-Bartholdy entwickelt sind, aber schon Gesten wie beim reifen Tschaikowsky bilden und Farben wie bei Bruckner und Dukas. Bei aller Heterogenität ein Werk von eigenem hohem Rang, eine Entdeckung, neben der Stokowskis cineastische Beschwörung derselben Chaconne hemdsärmelig wirkt.

Seine Einspielungen liegen seit einigen Jahren recycelt bei BMG und EMI vor.

Sie sind aber trotz Draufgängertum nie so monströs wie das, was Sir Edward Elgar anno 1921 mit der Orgelfuge aus BWV 537 veranstaltete. Imperial wollte der zeigen, "wie hinreißend und groß und glänzend Bach sich selbst hätte klingen lassen können", und nun platzt aus der Hülle des Originals ein Ungetüm mit schimmernden Tentakeln, mit dumpfer Trommel und neogotischem Harfenklirren, brüllend und bizarr, in Slatkins Aufnahme noch heißblütiger als bei Esa-Pekka Salonen und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Bei den Orchestern fehlt es hier und da an Präzision, beide sind basslastig aufgenommen, aber Slatkin hat doch den aufmerksameren Tonmeister und mehr Gespür, auch für Schönbergs Orchestrierung von Präludium und Fuge BWV 552 von 1929. Hier geht es nicht um Drama und Dröhnung, sondern um Farbexperimente, in denen die Kontrapunktik neu und fremd leuchtet.