Reise ins Ungewisse
Viele Geisteswissenschaftler bereiten sich zu spät auf den Beruf vor. Der Magisterabschluss allein reicht für eine Karriere nicht aus
Wer sich im Einrichtungshaus Domicil bewerben will, sollte eines wissen: Die Frage "Kann ich Ihnen helfen?" ist verpönt. Denn geschlossene Fragen wie diese werden meist mit Nein beantwortet und würgen jedes Verkaufsgespräch sofort ab. Sprachbegabte Menschen wissen das. Deshalb sucht Domicil kommunikationsfreudige, sensible Mitarbeiter - und zwar Geisteswissenschaftler, egal, welcher Studienrichtung.
Stellenanzeigen dieser Art sind selten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Vor allem solche, in denen Zeugnisse nicht wichtig sind und Fachwissen keine Rolle spielt. Fünf, sechs, sieben Jahre Studium? Tage und Nächte mit Habermas oder Hegel, Hesse oder Hugo? Niemand wird bei Domicil jemals wieder danach fragen. Hier zählen Farben, Formen, Stoffe, Geschmack und Empathie. Ein kurzes Verkaufstraining - und der Einstieg ist geglückt.
Von einer Verkäuferlaufbahn im Einrichtungshaus träumen Geistes- und Sozialwissenschaftler eher selten. Aber möglich ist alles, sagt sich der Überlebenskünstler - und wartet, was kommt. Selbst kurz vor ihrem Examen wissen viele Studenten noch nicht, wohin die Reise gehen soll, hat Martha Meyer-Althoff von der Arbeitsstelle Studium und Beruf an der Universität Hamburg festgestellt. Auch wenn es an Ideen nicht fehlt, sagt Meyer-Althoff, sind die Vorstellungen, was man für einen Job in Verlagen, Redaktion, Kulturmanagement oder Wirtschaftsunternehmen mitbringen muss, oft völlig diffus. Nur jeder dritte Magisterabsolvent geht laut einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) überhaupt vor oder während der Examensphase bereits auf Jobsuche. Das ist zu spät. Denn nicht nur das Studium muss der angehende Geisteswissenschaftler weitgehend selbst organisieren, auch für den Jobeinstieg gibt es kaum Hilfe, nur wenig geregelte Wege und überhaupt keine Garantie.
Zwar finden fast alle Historiker, Sprachwissenschaftler oder Soziologen irgendwo einen Job, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 5 Prozent - wenig höher als die anderer Akademiker und nicht einmal halb so hoch wie die auf alle Berufsgruppen gerechnete Quote. Häufig jedoch müssen sie sich nach dem Studium zuerst mit Honorarverträgen, Teilzeitjobs, ABM-Tätigkeiten begnügen oder wählen - mangels Alternative - die Selbstständigkeit. Selbst fünf Jahre nach ihrem Examen besetzen nur 42 Prozent aller Geistes- und Sozialwissenschaftler eine unbefristete Vollzeitstelle, und dies immer öfter außerhalb traditioneller Arbeitsfelder. Längst sind sie nicht mehr nur vertreten in Bibliotheken, Buchläden, Redaktionen, Verlagen oder Museen. Sie finden ihren Platz in Internet-Firmen und Banken, Versicherungen oder Unternehmensberatungen.
Nach dem Examen müssen viele von vorn anfangen
McKinsey etwa sucht "analytische, extrovertierte Menschen, ausgeprägte Persönlichkeiten, keine Opportunisten, keine Strebertypen". Rund 10 000 Bewerbungsmappen landen pro Jahr auf den Schreibtischen der Unternehmensberatung. Zwischen 200 und 240 high potentials bleiben im Sieb hängen, 15 bis 20 Prozent davon stammen aus wirtschaftsfremden Fachbereichen, sind also oft auch Geistes- oder Sozialwissenschaftler.
Einer von ihnen ist Holm Keller. Mit 14 hat der heute 32-Jährige seine erste Oper komponiert, sich später im Journalismus versucht, Theater- und Musikwissenschaften studiert, an Opernhäusern als Dramaturg gearbeitet, Werbung produziert und in Harvard seinen Master of Public Administration abgeschlossen. Eine typische Patchwork-Ausbildungsbiografie, die man bei McKinsey gern sieht. "Wirtschaft ist keine Wissenschaft, sondern etwas sehr Einfaches und Elementares", sagt Holm Keller. Gesunder Menschenverstand und soziale Befähigungen seien wichtiger als reines Fachwissen.
"Fachfremd" nennen Berufsforscher Tätigkeiten, in denen sich das im Studium angehäufte Wissen als weitgehend irrelevant entpuppt. Dabei ist die Zuordnung nicht einfach. Wie ist es etwa mit dem Literaturwissenschaftler, der in einem Verlag Kinder- und Kochbücher editiert? Ist er schon fachfremd beschäftigt? Schließlich muss er für diese Tätigkeit von hoher Literatur keine Ahnung haben - hätte, so gesehen, also umsonst studiert. Vielen Absolventen geistes- und sozialwissenschaftlicher Studiengänge bleibt gar keine andere Wahl, als nach 10 bis 14 Semestern noch mal von vorn zu beginnen und sich in ein fremdes Gebiet einzuarbeiten.
Da sitzt dann der Historiker in Nadelstreifen im Büro und dealt mit internationalen Wertpapieren, die Theologin entdeckt ihre Leidenschaft für die neuen Medien, und die Russischlehrerin steht hinterm Bankschalter. Gerade im Bankgeschäft will man mit Geisteswissenschaftlern gern die neue Offenheit der Wirtschaft für fachfremde Akademiker demonstrieren. Noch sind sie aber rar, machen nur 8,1 Prozent aller im Kredit- und Versicherungsgewerbe beschäftigten Hochschulabsolventen aus. Selbst "Schlüsselqualifikationen" - die Zauberwaffe aller Geisteswissenschaftler - imponieren nicht immer. Längst haben auch Wirtschaftswissenschaftler begriffen, wie wichtig es ist, im Team zu planen, sich gut präsentieren zu können oder sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten.
So zeige sich die Deutsche Bank zwar grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber Geisteswissenschaftlern, sagt Martin Möhrle, verantwortlich für Talentrekrutierung. Aber es suche auch niemand wirklich nach ihnen. Das allerdings könnte sich bald ändern. "Spätestens in fünf Jahren kann es ganz gewaltig knirschen", sagt Möhrle. Die Universitäten würden dann weit weniger Absolventen entlassen, als die Wirtschaft braucht. Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz wird es in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in vier Jahren bereits rund 4000 Absolventen weniger geben als noch 1999. Die Zahl der erwarteten Geisteswissenschaftler dagegen steigt bis dahin sogar leicht an. Die Personalmanager, glaubt Möhrle, werden "ihre Bewerbungsfilter ändern müssen".
Die Wirtschaft wird in Zukunft der größte potenzielle Arbeitgeber für Geisteswissenschaftler sein. "Immer mehr Firmen schätzen den Vorteil eines breit angelegten Studiums", sagt Harro Honolka vom Institut Student und Arbeitsmarkt an der Münchner Universität. Mit Seminaren, Erfahrungsberichten Ehemaliger und Praktika in Pressestellen, Personalbüros oder Logistikzentren von Unternehmen bereitet Student und Arbeitsmarkt Geisteswissenschaftler auf die Wirtschaft vor. 260 Stunden Mindestprogramm, das in den Semesterferien und während des Semesters absolviert wird, kosten 240 DM. "Der Arbeitsmarkt honoriert freiwillige Zusatzqualifikationen viel mehr als obligatorische", sagt Honolka. Studium plus, heißt die Erfolgsformel: plus Auslandaufenthalten, plus Joberfahrung, plus Sprachkenntnissen, plus ehrenamtlichem Engagement. Der Magister- oder Diplomabschluss allein bringt niemanden weiter.
Praktika sind im Studium nicht vorgesehen
Ähnliche Praxisinitiativen gibt es auch an anderen Universitäten, so in Hannover, Bielefeld, Bamberg oder Düsseldorf. Neben den Einführungen in betriebswirtschaftliche Grundlagen, EDV und einem Bewerbungstraining sind die Praktika oft das Kernstück der Programme. Gerade damit möchte man die Lücke schließen, die in den meisten Studienordnungen geisteswissenschaftlicher Fächer noch immer klafft - Praktika sind dort nicht vorgesehen.
Die Frage, ob die Universitäten ihre Curricula ändern müssen, ist umstritten. Harro Honolka meint, dass geisteswissenschaftliche Studienfächer gar nicht praxisnäher gestaltet werden können. "Wissenschaft ist ein eigener Wert, und es muss weiterhin möglich sein, auch ,Orchideenfächer' so lange und ausführlich studieren zu können, wie man möchte." An der Münchner Universität sind die Fronten inzwischen geklärt. Die Wissenschaftler betreiben weiter ihre Wissenschaft, und Honolka kümmert sich mit seinem Team um die berufliche Qualifizierung. "Die Professoren haben nicht nur erkannt, dass wir ihnen Arbeit abnehmen, sondern dass ihre Studenten sogar motivierter und zufriedener zu ihrem Fach zurückkehren - und viel gezielter weiterstudieren", sagt Honolka.
Den Studenten helfen solche Zusatzangebote, die immer größer werdende Entfremdung zwischen Universität und Berufswelt auszugleichen. Als das HIS Magisterabsolventen nach dem Wert ihrer Universitätsausbildung fragte, gab nur ein Viertel an, das Studium hätte ihnen Kenntnisse für den Beruf vermittelt.
Auch Holger Heimann, 30, war lange ratlos in Sachen Zukunft. Andere sprachen von großen Zielen, er zuckte die Schultern. Politikwissenschaft hat er in Berlin studiert, um als Ostdeutscher nach der Wende das neue System besser zu verstehen. Das hat er allerdings außerhalb der Universität dann schneller begriffen. Ausgerechnet während seines Auslandsstudiums in Schottland ist er auf die deutsche Literaturwissenschaft gestoßen. Zurück in Berlin, studierte er nebenbei noch Germanistik an der Humboldt-Universität. Dass Germanisten so wenig gebraucht würden wie Politologen, war ihm klar, störte ihn aber nicht. Ein Privileg sei es gewesen, so Heimann heute, weitgehend ziellos studieren zu können, alles mitzunehmen vom Bibelkurs über Journalistikseminare bis hin zur Diplomarbeit über den ostdeutschen Schriftsteller Franz Fühmann, die er in Politikwissenschaft schrieb.
Trotzdem fragt er sich heute, was er wirklich gelernt hat. "Ich habe vieles vermisst, was an Universitäten eigentlich selbstverständlich sein sollte: Kurse zur Methodik wissenschaftlichen Arbeitens, Rhetorikseminare." Literatur habe er dagegen verschlungen und "vielleicht ein anderes Verhältnis zur Sprache bekommen". Sprache ist auch sein wichtigstes Werkzeug geworden. Als Lektor und Rezensent versucht er sich auf dem Markt der Freischaffenden zu behaupten. Die Unsicherheit des Anfangs hat er hinter sich gelassen. Mit jedem Geschäftskontakt wächst sein Selbstbewusstsein. Fast scheint es, als sei er angekommen. Zumindest vorläufig.
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