Es ist schon so viel geschrieben und gesagt worden. Auch deshalb wird German Leitkultur vielleicht einer der geflügelten Germanismen in der weiten Welt erstaunter Beobachter, die sich wieder einmal über die Hunnen wundern - und sich klammheimlich freuen. Da ist er wieder, der grüblerische Teutone. Er gibt sich faustisch: Was die Welt, die deutsche Welt im Innersten zusammenhält, steht zur Debatte. Und was sollte uns Deutschen da wohl Besseres einfallen als dies: Kultur?

Kultur, das war für uns schon immer der Stoff, aus dem sich diejenige Einheit und Eigenheit fertigen ließ, die unsere bloß zivilisierten Nachbarvölker mit ihren neumodischen politischen Erfindungen mehr schlecht als recht kompensieren konnten. Und es war nicht einfach Kultur als gepflegte Form oder Tradition, die die deutsche Welt im Innersten zusammenhalten sollte, sondern Kultur als oberste Instanz eines gemeinschaftlichen Bandes, das aus den bekannten Gründen allzu lange auf jene Hegelsche "Wirklichkeit der sittlichen Idee" warten musste - in Form eines eigenen Staates. Es ist dann das Überindividuelle eines Volksgeistes, dem sich die Einheit des Gemeinwesens verdankt und - das ist das Hegelsche Erbe der Konstruktion des "Deutschen" - nur durch Subordination alles Besonderen zu sich selbst kommen kann. Insofern ist die Kultur des Volksgeistes immer schon Leitkultur gewesen. Das Einzelne gilt nichts, das Ganze alles. Denn das Wahre gibt es bekanntlich nur als Ganzes - zumindest für die Leitkultur des Volksgeistes, den sich Hegel von Herder leiht. In der gegenwärtigen Geisterdebatte, Volksgeisterdebatte lebt exakt dies fort.

Die Debatte ist ebenso kontrovers wie konventionell. Die einen nutzen das Feld der Kultur, um auf die Reinheit und die Integrationskraft des Nationalen zu pochen; die anderen vertrauen mehr auf die Rechtskultur unserer liberalen Verfassung. Erstere setzen also vor allem auf die Leitkultur des deutschen Eigensinns und seiner integrativen Kraft; die anderen zitieren eine Leitkultur der Toleranz herbei, deren großes Herz auch mit ethnischer und religiöser Pluralität umgehen kann.

Auf den ersten Blick gelten Konflikte als Gefährdung von Ordnung und Orientierung. Sie scheinen die Welt komplizierter zu machen und erzeugen Unsicherheit. In Konflikten kann man sich aber auch wunderbar einrichten. Sobald Konflikte stabil werden, machen sie die Reaktion des anderen erwartbar, ja man verdankt letztlich die eigene Sicherheit der Invektive des anderen. Doch was die Konfliktparteien dann nicht mehr sehen können, ist jener Konsens, auf dem jeder Konflikt basiert, jene Konvergenz der Perspektiven, die die Konfliktparteien erst füreinander wahrnehmbar machen.

Warum wird ständig "Kultur" in Anspruch genommen?

Ich behaupte, dass diese Konvergenz in der Leitkulturdebatte die Fixierung auf Kultur ist. Sie macht die streitenden Seiten einander ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Denn eines scheint außer Frage zu stehen: Das Problem der Einwanderung ist ein Problem der Kultur, der Leitkultur, und der Konflikt scheint es zu fordern, dass man Bekenntnisse in verschiedene Richtungen ablegt. Wenn etwa das Ärgernis der deutschen Leitkultur und der Homogenität des deutschen Volkes von Paul Spiegel mit dem Hinweis auf eine deutsche Kultur der Toleranz gekontert wird, ist die Kritik durch ihren Gegenstand schon absorbiert worden. Und wenn auf die Invektive der bayerischen Staatskanzlei, die Erosion der nationalen Kultur betreffend, mit dem Hinweis geantwortet wird, die eigentliche Kultur unseres Gemeinwesens sei in der Verfassung aufbewahrt, sind sich die beiden Seiten zumindest darin einig, dass es einer Leitkultur bedarf, an die man glauben kann (und soll).

Vielleicht sollte man sich weniger dafür interessieren, was die deutsche Leitkultur nun tatsächlich sei beziehungsweise wie sie beschaffen sein sollte. Interessanter ist doch die Frage, warum überhaupt Kultur in Anspruch genommen wird. Der Kulturbegriff ist zumindest doppeldeutig. Er kann zum einen jene Struktur meinen, die alles gesellschaftliche Geschehen immer schon in eine Sinnform einbettet, in Sprache und Normen, Praktiken und Gewohnheiten. Kultur ist dann gewissermaßen unvermeidlich. Sie spielt die Rolle eines Taktgebers, eines Gehäuses, aus dem man nicht ausbrechen kann, weil jeder Ausbruchsversuch wieder auf jenem kulturellen Boden stattfindet, von dem er verschwinden will.