K I N O Verführte Eifersucht

Wong Kar-wais Film "In the Mood for Love" erzählt von der Liebe in den Zeiten des Zweifels

Ich frage mich, wie es mit ihnen angefangen hat." Maggie Cheung und Tony Leung stehen einander gegenüber auf einer regennassen nächtlichen Straße. Ihre Stimmen sind gedämpft, das Licht schummert kräftig. Sie könnten Liebende sein, aber sie sind das Gegenteil: Betrogene. Tony Leung rückt näher an Maggie Cheung heran: "Wollen wir heute nacht gemeinsam wegbleiben?" - "Nein", sagt Maggie Cheung, "so würde mein Mann nie sprechen." Die beiden nehmen einen neuen Anlauf und fragen sich noch einmal, wie es mit denen angefangen hat - mit der Affäre zwischen seiner Frau und ihrem Mann. Diesmal rückt Maggie Cheung näher, streift mit einer bezaubernden Handbewegung an Tony Leungs Arm entlang und wirft ihm ein unvergleichliches Lächeln zu.

Vielleicht hat es so mit denen angefangen, mit den Betrügern, dem Mann und der Frau, die wir nie zu Gesicht bekommen, die der Film uns nur gelegentlich von hinten zeigt und bald gar nicht mehr. Wong Kar-wais In the Mood for Love hält zurück, worauf das Kino sonst sofort seine Blicke wirft, die Liebe, das Begehren. Diesmal beginnt es nicht vor unseren Augen, sondern hinter unserem Rücken, und man braucht eine Weile, um zu wissen, was gespielt wird. Zwei Ehepaare sind zufällig am selben Tag des Jahres 1962 auf dieselbe Etage eines Hongkonger Hauses gezogen, jeweils zur Untermiete. Frau Chan (Maggie Cheung) und Herr Chow (Tony Leung) haben sich beim Besichtigungstermin kennen gelernt. Sie grüßen einander anständig auf dem Hausflur und gehen ansonsten ihrer Wege - bis sie über die dunkle Ahnung sprechen müssen, dass Gatte und Gattin sie belügen. Wong Kar-wai tanzt mit den beiden Ausgeschlossenen um ein Geheimnis herum, dem er nie näher tritt. Die Liebe der Betrüger interessiert ihn nicht, sie ist nur eine Art "McGuffin", um den Film in die richtige Umlaufbahn zu bringen, dorthin, wo das Spiel mit der Liebe aufs Neue beginnt, aber anders. "Ich frage mich, wie es mit ihnen angefangen hat." Dieses neue Spiel, das die beiden Übriggebliebenen einüben, gewinnt eine unberechenbare Schwerkraft, und eine Filmstunde später steht Tony Leung wieder vor Maggie Cheung und sagt mit gedämpfter Stimme: "Ich habe mich immer gefragt, wie es mit ihnen angefangen hat. Jetzt weiß ich es."

Wong Kar-wai inszeniert die Liebe nicht als überraschenden Gefühlsausbruch, sondern als Bausteinprogramm zum Einstudieren. Wer mit den Ritualen der Verführung umgeht, dem wird die Verführung auch widerfahren. Das ist der antiromantische Zug im neuen Werk des Romantikers Wong. In the Mood for Love ist eine große, nostalgische Gefühlsanstrengung über das Hongkong Anfang der sechziger Jahre, als Wong noch ein kleines Kind war. Aber der Film ist auch ein sehr heutiges Experiment in Gefühlsherstellung, eine bricolage, bei dem die Bastelanleitung und die Materialien immer offen zutage liegen. Im Grunde wirft In the Mood for Love neben der Konstruktion seiner Liebesgeschichte zugleich deren Dekonstruktion auf die Leinwand - nur dass die Liebe unbeschadet daraus hervorgeht.

Mit scharfer Soße nach Art der Gattin

Frau Chan und Herr Chow, die Getäuschten, gehen miteinander essen, zum Trost. Sie lässt sich von ihm bestellen, was seine Frau bestellt hätte, er sich von ihr, was ihr Mann bestellt hätte. So verarbeiten, vertilgen sie den Betrug, den sie noch nicht fassen können. Auf halbem Weg durchs Steak gibt er ihr noch etwas scharfe Soße mit auf den Teller (nach Art der Gattin); sie tunkt das Fleisch hinein und hat schwer zu schlucken, aber das gehört zur Aufgabe. So machen sie reinen Tisch für sich selbst. Wong Kar-wai nähert sich seinen beiden Hauptfiguren ebenso tastend, gemessen und delikat, wie diese miteinander umgehen. Er erschließt sie Stück für Stück. Nie führt er dem Zuschauer vor, was er alles von ihnen weiß. Er sieht sie an, als würde er selbst immer nur Bruchstücke sehen und als müsste er diese sehr sorgfältig zusammensetzen, um etwas verstehen zu können.

Es soll zu In the Mood for Love sehr viel Material gedreht worden sein. Das Drehbuch wurde, wie schon so manches Mal bei Wong Kar-wai, erst während der Dreharbeiten fertig gestellt, war überhaupt nur auf Umwegen aus einer ganz anderen Geschichte hervorgegangen und musste dann ständig neu angepasst werden. Der Prozess des Feinschnitts war angeblich eine Tortur bis zur letzten Minute. Je näher man allerdings den Mosaiksteinchen dieses Films kommt, desto geordneter erscheint plötzlich dieser große Berg aufgeladener Augenblicke. Und desto höher schätzt man Wongs Genie: aus dem wilden Funkenflug der Einstellungen doch eine genaue Fantasie zu gewinnen.

Der Film bleibt trotzdem ein Gespinst - und darin seinem Titel treu. Er zeigt nicht die Liebe, sondern die Stimmung dazu und die Gesten, die die Stimmung hervorrufen, und die Kleider, in denen die Gesten am besten aussehen, und überhaupt den Stoff, aus dem die Träume sind. Demonstrativ trägt Maggie Cheung fast in jeder Szene ein neues Kleid. Eines ist so umwerfend wie das andere, schon als Modenschau macht dieser Film eine Menge her. Dann steigt sie mit diesen Kleidern abends hinunter zur Suppenküche, in Zeitlupe, und musikalisch begleitet von einem Wehmutswalzer der Doppelrahmstufe. Das ist Effekt pur, durchsichtig und durchdringend zugleich. Wong kann sich solche Schmacht-Fetzen erlauben, weil sein ganzer Film eine Expedition ins Reich der ans Herz klopfenden Zeichen ist. An welchen Indizien erkennt man Untreue? Wie hat es bei ihnen angefangen? Wie basteln wir uns eine Liebesgeschichte? All diese Fragen stellen sich nicht nur Chan und Chow im Film, sondern der Regisseur gibt sie an die Zuschauer weiter durch das abenteuerliche Aufsplittern seiner Erzählung. Dabei vollzieht sich eine doppelte Verführung: So wie Frau Chan und Herr Chow zunächst aus scheinbar sicherer Entfernung mit den Fragmenten einer Sprache der Verführung jonglieren, so variiert auch der Film selbst scheinbar nur romantische Standardmotive. Aber irgendwann sind die Enttäuschten zu Magiern in eigener Sache geworden, und die Zuschauer sind gebannt von einer Romanze, die doch aus kaum mehr besteht als aus Schall und Rauch, Schatten und Spiegelbildern, Regengeflimmer und nachhallenden Floskeln.

Tatsächlich führt die Kamera den Rauch aus Tony Leungs Zigarette so überdeutlich vor wie die Kleider von Maggie Cheung. Mit dem Rauch steigt die Einbildungskraft auf, denn Herr Chow, eigentlich nur Zeitungsredakteur, denkt sich seit jüngstem Fortsetzungsromane aus, und Frau Chan, begeisterte Leserin von Fortsetzungsromanen, soll ihm dabei mit inspirierenden Ideen zur Seite stehen. Jetzt verdoppelt sich die romantische Fantasie ein weiteres Mal. Wenn die beiden nun zusammensitzen und Wong Kar-wai auf einen Satz oder zwei in ihr Gespräch hineinschneidet, dann können sie jedes Mal in eigenem Namen sprechen, wieder einmal in die Rolle ihrer Ehepartner schlüpfen oder einen Romandialog auf seine Glaubwürdigkeit prüfen. Keine Frage, dass das eine Spiel mitunter die Maske des anderen trägt, dass der große Autor Wong seine Unterautoren Chan und Chow gern mit gespaltener Zunge reden lässt - so wie Nat King Cole auf dem Soundtrack dazu "Quizás, quizás, quizás" singt (Vielleicht, vielleicht, vielleicht), auf Spanisch, aber mit einem wunderbaren amerikanischen Akzent.

Bis zum Schluss lässt sich nicht sagen, was genau und wie viel davon Chan und Chow miteinander erlebt und erlitten haben. Vielleicht genau so viel, wie der Zuschauer bereit ist mitzuempfinden. Also eine ganze Menge. Oder nur sehr wenig? Es kommt wohl darauf an. Wong Kar-wai will seinen Film auch verstanden wissen als sentimentale Reminiszenz an eine vergangene Ära in Hongkong. Wie gesagt, damals war er noch ein Kind. Und so misstraut er heute seiner Erinnerung und setzt seinen großartigen Traum in Klammern: Sehen Sie, so stelle ich ihn her; vielleicht wollen Sie mir aber trotzdem folgen.

Wong Kar-wai hat immer wieder verhinderte Liebesgeschichten inszeniert, am frischesten bisher in Chungking Express, am kunstvollsten jetzt mit In the Mood for Love, der sich auch als eine Art fernöstliche Variation auf Alain Resnais' Letztes Jahr in Marienbad lesen lässt. Hier wie dort kann man sich für oder gegen die Liebesgeschichte, für oder gegen das make believe entscheiden. Oder man entscheidet sich für beides, so wie Wong. Vielleicht hat er die wahrhaft zeitgenössische Form gefunden, vom großen Gefühl in den Zeiten des noch größeren Zweifels zu erzählen. Nichts steht fest, alles ist möglich, man muss der Stimmung folgen - und wird ihr womöglich alles opfern.

Ein Zeitsprung, vier Jahre später, 1966. Herrn Chow liegt noch immer ein Geheimnis auf der Seele. Einer Überlieferung folgend, flüstert er es in eine Tempelspalte und stopft dann das Loch mit Erde zu. Was zurückbleibt, ist nur ein Hauch. Dieser Hauch wird die Zeiten überdauern. Es ist der Atem zwischen den Bildern.

 
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