S T A D T K U L T U R Das Wunder von Kalkar

Drei Jahre wurde renoviert - jetzt erstrahlt die kleine Stadt am Niederrhein wieder im Glanz ihrer einzigartigen Altäre

Wenn dann die Baumärkte, die Autocenter und die Möbelparadiese für einen Moment einmal nachlassen, wie ein Schmerz nachlässt, und der Blick aus dem Zugfenster, Busfenster plötzlich ungestört ins Weite geht, in eine leicht dunstige Weite, unterbrochen nur von einer Prozession Pappeln hier, einer Bruderschaft Weiden dort, struppig über einen schwarzen Kolk gebeugt, dann bekommt sie durchaus etwas heiligmäßiges oder zumindest seliges, diese Landschaft. Norddeutsche Tiefebene, Abteilung Niederrhein. Dann schaut man für einige Minuten in das Blatt eines Stundenbuchs, vor vielen hundert Jahren liebevoll - Zunge zwischen den Zähnen - ausgemalt: ein Kirchlein in schläfrigem Laub, ein Hausdach, ein Schauer Tauben dazu oder ein paar Dohlen in den Himmel getupft.

Und so sehen wir von fern schon zierlich die Silhouette der kleinen Stadt, in der Mitte den Backsteinturm einer Kirche, unscheinbar, mit schiefergrauer Spitze. Dann stehen wir auf dem Markt, bewundern das Rathaus, das auch schon ein halbes Jahrtausend unverändert hier trutzt, die alte Linde in der Mitte des Platzes, die Bürgerhäuser, biedermeierlich, behaglich. Kalkar am Niederrhein, gegründet 1230 vom Klever Grafen, Blüte im 15., frühen 16. Jahrhundert, dann, nach der Emanzipation der Niederlande, abgetrennt und irgendwie abgehängt, aus der Zeit gefallen, wie der ganze Niederrhein, und sanft eingenickt. Ein schönes Bild, ein friedliches Bild.

Brutal geweckt Anfang 1945, als die Wehrmacht auch hier ihren totalen Krieg inszenierte; doch traf es Kalkar nicht ganz so arg wie nebenan Kleve oder Rees und Wesel auf dem anderen Ufer des Stroms. Vieles wurde gerettet, repariert, wuchtige mittelalterliche Patrizierhäuser darunter (anderes dagegen wiederaufbaufroh abgerissen; die kleine Gasthauskirche zum Beispiel wäre noch zu retten gewesen!).

Überlebt aber hat vor allem und wunderbarerweise die größte Kostbarkeit der Stadt und einer der schönsten Schätze des Landes überhaupt: die Ausstattung von St. Nicolai, der mächtigen Kirche schräg vis à vis dem Rathaus.

Ein versteckter Schatz nicht nur in den Zeiten des Krieges. Auch später stand die Kunst dieser Kirche nicht eben im Licht, mehr abgestellt als aufgestellt, ein Ort, wo allenfalls Kenner Station machen und Liebhaber, die das gut Verborgene suchen.

Jetzt aber erstrahlt St. Nicolai neu (und mit ihr die Stadt), für 12,5 Millionen Mark aus der Bistumskasse Münster und dem Sparstrumpf der Gemeinde drei Jahre lang saniert. Das breite Mittelschiff, 1450 vollendet, öffnet sich hell und hoch, die zarten Deckenfresken, Blumen und Blätter, edle Damen und Herren, dito himmlisches Personal grüßen erfrischt herab. Am eindrucksvollsten aber: Etliche der Altäre fanden neue Plätze, wurden vor die Säulen postiert und auf neue steinerne Tische gesetzt, der alten Wirkung gewiss. Man hat viel restauriert, auch einen weiteren Altar aus längst verstreuten Teilen zusammengefügt, St. Crispin & St. Crispinian, vervollständigt durch eine perfekt "passende" Ulmer Madonna in der Mitten. So sind jetzt, nach den Abgängen, aber auch Ergänzungen im Lauf der Jahrhunderte, wieder (neben zahlreichen Einzelfiguren und -werken) neun Altäre in St. Nicolai versammelt - die meisten mit gewaltigen Maßen, virtuos aus Eichenholz geschnitzt, zum Teil bemalt. Kurz: Ein in dieser Geschlossenheit und Fülle in Deutschland einmaliges Ensemble ist hier zu bewundern, entstanden in der letzten Hälfte des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, auf faszinierende Weise den Bogen schlagend von den letzten Tagen der Gotik zum Morgen der Renaissance.

Ein Ort für unendlich viele Entdeckungen. Das Auge wandert, wird mitgerissen, erspäht immer neue Szenen, spaziert durch biblische Landschaften, die seltsamerweise alle am Niederrhein zu liegen scheinen, durch fantastisch entrückte Orte, durch traute Kammern und festliche Hallen. 208 plastisch ausgeschnitzte Figuren zeigt allein das Panorama im Mittelschrein des Hochaltars, die Passion und Kreuzigung Christi, umgeben von den leuchtenden Flügelbildern des Jan Joest. Nicht weniger üppig drängt es sich in den Schreinen des Georgs- und des Marienaltars und in Henrick Douwermans Siebenschmerzenaltar, während von den etwas dezenter monumentalen Bühnen zu Ehren des Johannes oder der Dreifaltigkeit große Einzelfiguren herunterblicken und, eventuell, -segnen.

Ein Abenteuer, ein kleines Spektakel für sich ist dazu noch das Chorgestühl, geschaffen 1505 bis 1508 von Henrik Bernts. Eine Welt voller Schabernack und drastischer Scherze, voll Gequäk und Gefurz. Vor allem die Miserikordien sind, wie man es damals liebte, hoch drollig ausgefallen: der Esel, der den Dudelsack traktiert, die Katze, die in den Milchtopf langt. Oder der Affe, der heiter unter sich lässt, ein subtiles Kunstwerk der Koprophilie. Eine der Seitenwangen wird von Maria gekrönt, die Anna den Enkel präsentiert, den Gottessäugling, und beide Frauen freuen sich stolz und innig an dem kleinen nackten Leben, das seinen Popo so fröhlich in den Chorraum streckt.

Ist natürlich an und für sich etwas sonderbar, ein Chorgestühl in dieser Kirche. Denn St. Nicolai gehörte nie zu einem Stift oder Kloster, war immer Pfarrkirche, und das ist sie bis heute geblieben. Die Kalkarer selber hatten einst für den Neubau des Gotteshauses und den Glanz von innen gesorgt, Zünfte, Gilden, Bruderschaften - Bürgergemeinschaften, meist um ihr jeweiliges Handwerk versammelt, oft aber auch freie Assoziationen nicht ganz unvermögender Herren aus verschiedenen Branchen wie zum Beispiel die Bruderschaft Unserer Lieben Frau, die sich das Chorgestühl zum eigenen Gebrauch spendiert hatte. So erklärt sich auch die Fülle der Altäre. Man stiftete das Kunstwerk, einen Kleriker gleich dazu und feierte dort die eigene Messe.

Eine wunderliche Zeit. Herbst des Mittelalters. Kalkar erfreute sich einer tüchtigen Konjunktur. Textilien, Bier, Getreidehandel - lief alles rund. Man war wohlhabend, nicht neureich, und zeigte Geschmack. Man bestellte sich nicht irgendeinen Altar aus der Serienproduktion in Antwerpen wie viele andere Städte im Rheinland und in Westfalen, sondern holte sich die Künstler in die Stadt. Und die kamen gern, gerade in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Denn während anderswo schon ein neuer Wahrer Glauben für klare Kirchen sorgte, der Bildersturm sich erhob und durch Kathedralen und Kapellen fegte, blieb es hier ruhig.

Der Herzog von Kleve sorgte für den Hausfrieden; keine Glaubensexzesse, übrigens auch keine Hexenexekutionen. Diese Milde, streng durchgesetzt, konnte zwar keine Ökumene stiften, aber doch das allerchristlichste Gezänk, die üblichen gegenseitigen Diskriminierungen und Pöbeleien zumindest auf das offenbar fürs jeweilige Seelenheil Unerlässliche reduzieren. Und immerhin gab es da auch noch einen Mann wie den ehemaligen Xantener Kanonikus und Herzoglichen Rat Konrad Heresbach, der ganz souverän so katholisch wie lutherisch wie calvinistisch lebte - Multikultus am Niederrhein oder: Prüfet alles und behaltet das Beste!

Und die Besten kamen: 1460 Meister Arnt, später Ludwig Jupan, dann Henrick Douwerman und zuletzt, wohl um 1520 in Douwermans Werkstatt, Arnt van Tricht. Kerstken van Ringenberg und eben der große Jan Joest sind weitere Künstler, deren Namen zu St. Nicolai gehören. Viel weiß man nicht über ihr Leben, geblieben sind nur ein paar Akten, eine Eintragung ins Taufregister hier, ein Ehekontrakt dort, Werkverträge, Quittungen. Am großen Marienleuchter haben zwischen 1508 und 1541 (fast) alle mitgewirkt; der umfassende Kranz geriet zu einem zauberhaften Kunstwerk eigener Fülle: eine filigrane Wurzel Jesse, in der traumverspielt die Propheten turnen.

Natürlich war die Arbeit aufgeteilt, ein kistemeker machte den Schrein, der beldesnider schnitzte, der Maler "fasste" die Figuren. Natürlich gab es Streit, vielleicht nicht in Kalkar, wo keine Schreiner- und Schnitzergilden existierten, aber andernorts. In Michael Baxandalls famosem Buch Die Kunst der Bildschnitzer - Tilman Riemenschneider, Veit Stoß und ihre Zeitgenossen kann man erfahren, wie zum Beispiel in Süddeutschlands Städten ein erbitterter Streit um die Frage tobte, ob Bildhauer auch den Hobel benutzen dürfen, der sonst nur den Schreinern vorbehalten war ... Alles eine Frage des Kommerzes, versteht sich, des Marktsegments, des Produktprofils, des unique selling point.

Die spektakelheiße Menge auf dem Berg Golgatha

Beliebt war auch, über Jahrhunderte hinweg, der Zank, ob Fassung, also Farbe, oder nicht. Die Kalkarer Altäre sind zum größten Teil holzsichtig, in einigen Fällen hatte man die Fassung wieder abgelaugt. Und tatsächlich erkennt man in den Details, einem Auge, einer Lippe, wie die Schnitzer mit der Struktur des Materials gespielt haben - wie das Holz Fleisch (und Stoff und Stein) geworden. Dass aber auch eine Fassung höchst effektvoll sein kann, zeigt Douwermans Kreuzigungsgruppe in der Schreinspitze des sonst ganz holzsichtigen Siebenschmerzenaltars: Wie eine überscharfe Fieberfantasie, eine Vision von Vergebung, Verdammnis und Erlösung, schweben die drei Gekreuzigten, durch das weißgelbliche Fleisch ihrer Körper hervorgehoben, hoch über allem - schmerzverzerrt und schmerzergeben.

Es sind gestenreiche, lärmende Mysterienspiele, die hier aufgeführt werden. Wir streifen durch intime Szenen und Massenaufläufe in raffinierter Choreografie. Blicken in Marias Kammer und quetschen uns durch die spektakelheiße Menge auf dem Berge Golgatha; die Soldaten schlagen sich schon um den Mantel. Wir sehen Pferde sich aufbäumen, geballte Fäuste, einen schlafenden Hund. Wir sehen die Fußwaschung, Petri Waden, seine Krampfadern.

Die Bilder sind drastisch und heilig zugleich, alltäglich und sanft dem Irdischen enthoben. Das kleine Leben geht in ein größeres über. Durch die Betrachtung der Leiden, die Versenkung in den Schmerz, öffnet sich das große Tor. Es ist der Geist der devotio moderna, einer neuen Frömmigkeit, seltsam aus irdischer Drastik und himmlischer Mystik gemischt. Nachfolge Christi hieß das Erbauungsbuch der Epoche, Thomas von Kempen hat es verfasst, Kempen am Niederrhein.

Und immer wieder die Wurzel Jesse: "Doch wächst hervor ein Reis aus Jesses Stumpf, ein Schößling bricht aus seinen Wurzeln hervor", Jes. 11,1. Vom Alten weist sie ins Neue Testament, über David und Salomon und viele andere führt sie zu Jesus Christus. Henrick Douwerman inspirierte sie zu einem seiner Meisterwerke: Vom Sockel, der Predella des Siebenschmerzenaltars klettert sie aus entfesseltem Rankenwerk zu beiden Seiten des Schreins hinauf bis zu Maria - da alles geschieht, wie es geschrieben steht - und verliert sich schließlich in dem fantastischen Gezweig des Gesprenges, wo nur noch die Vögel und die Engel zwitschern. Doch wer das Opernglas nimmt, kann dort oben auch eine Sibylle entdecken und den römischen Kaiser Augustus, in höflicher Anbetung versunken.

Unten aber, wo die Wurzel aus dem Schoß des schlafenden Jesse entspringt, sehen wir David, seinen Sohn. In einer wunderbaren Bewegung, mit dem einen Bein noch kniend, das andere vorgestellt, der Harfe zur Stütze, neigt er sich aus dem Gerank. Ganz noch Tradition und Erbe und doch wie im Aufbruch, als forderte er dazu auf, die Zeit des Glaubensgezänks und der Dunkelheit hinter sich zu lassen und ein neues Lied anzustimmen.

Ähnlich selbstwusst, schon in der Gestalt einer anderen Zeit, zeigt sich die Maria Magdalena des Arnt van Tricht auf der Bühne seines Dreifaltigkeitsaltars von 1535. Prunkvoll gekleidet, mit strahlender Haube und den Busen hoch geschnürt, blickt sie mehr auf als zu uns herab. Ihr Lächeln kann sich nicht entscheiden zwischen der Kurtisane, die sie war, und der reuevollen Sünderin, die sie sein soll, und das Gefäß in ihrer Hand - enthält es Salböl, für den Erlöser, oder Viagra?

Welch ein Kontrast dazu: die Skulptur des Christus auf dem kalten Stein; durch die Restaurierung wurde sie zu einer neuen, das heißt wieder zu der ursprünglichen Figur. Im 19. Jahrhundert, das Innigkeit gern zu Innerlichkeit verkitschte, hatte man ihr die Hand amputiert und durch eine andere ersetzt. Zu befremdlich war den wackeren Kunstfreundchen die Geste erschienen, zu grausam, fast irr. Jetzt sehen wir die Gestalt wieder, wie der (unbekannte) Meister sie schuf: Christus, dornengekrönt, auf der letzten Rast vor der Hinrichtung, in einem Krampf erstarrt. Wie im Ekel vor sich selbst, der Hinfälligkeit des eigenen Körpers, streckt er die Hand, zur Kralle gekrümmt, von sich fort: vollkommene Einsamkeit des Schmerzes. Eine ungeheuerliche Atmosphäre umgibt diese Gestalt, dem frömmelnden Geist des 19. Jahrhundert wohl ein Graus. Denn könnte dies nicht ein Christus ohne Glauben, ein Christus ohne Gott sein?

St. Nicolai sei kein Museum, sagt Pastor Robert Mertens beim Rundgang immer wieder, ein junger Mann mit federndem Schritt. Ein neuer Altartisch wurde aufgestellt, sozusagen der zehnte Altar der Kirche, geschaffen von Erwin Heerich. Ein strenges Möbel aus schwarzem Stein, logisch, geometrisch, protestantisch. Um so farbvollendeter sollen die 22 neuen Fenster strahlen; die alten, aus dem 19. Jahrhundert, gingen im Krieg zu Bruch. Der Wiesbadener Glaskünstler Karl-Martin Hartmann, Schüler Johannes Schreiters, hat sie entworfen, abstrakt, von einem feinen Muster aus wurzeljessezarten Mikrostrukturen durchwirkt. Die ersten sind schon eingebaut und umgeben Douwermans Wunder mit einem prächtigen, sanft rieselnden Leuchten. Bizarr allerdings die Idee, die Schutzverglasung außen zu verspiegeln. Ein Probefenster zum Marktplatz hin zeigt den Effekt, der heftig an die autistische Herrschaftsästhetik der siebziger Jahre erinnert, an Landesbankzentralen und Erich Honeckers Palast der Republik. Der Denkmalschutz hat denn auch schon sein Veto eingelegt.

Nein, diese Kirche braucht keine Spiegel. Man stelle sich nur vor ihre Altäre und sehe. Sehe all die Grimassen, vom Schmerz, vom Hohn verzerrt, all die Bosheit, das Unglück, die Qual. Die Dummheit auch und den Stolz. Die Sanftmut dann und das Glück, den Zweifel, die Liebe. Sehe in all diese längst vergangenen Gesichter und finde sie alle wieder, auf diesem großen Gotteswelttheater, alle die, die wir sind.

Vom 10. Dezember an ist St. Nicolai wieder geöffnet. Informationen: Tel. 02824/23 80 (Pfarramt) und 13 120 (Stadt Kalkar). Im Frühjahr wird im Deutschen Kunstverlag ein neue Kurzmonografie über die Kirche erscheinen; der Autor ist Guido de Werd

 
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