Lieber Tod als Kondom

Wie die Moral zum Aberwitz wird: Warum ein vatikanischer Bischof findet, dass es besser sei, eine Frau komme mit dem HIV-Virus in Kontakt, als mit einem Präservativ...

Nicht nur, dass jener gedachten Frau zugemutet wird, sich sehenden Auges mit der todbringenden Seuche anzustecken! Nicht nur, dass das Problem auch in der Struktur der moralischen Argumentation der Frau zugeschoben wird - der Herr und Mann Bischof hätte ja auch sagen können: "Wenn ein HIV-positiver Mann mit einer gesunden Frau verheiratet ist, darf er keinen sexuellen Kontakt mehr mit ihr suchen, nicht einmal mit Kondom." Das wäre zwar im Ergebnis nicht weniger absurd, aber doch eine Spur weniger frauenfeindlich.

Aber nun meint der Bischof eben, das Risiko einer Ansteckung sei "ihre Sache" - also die der Frau. Als ob dies nicht zumindest auch die Sache des Ansteckungsträgers wäre. Aber ist es denn wirklich nur die Sache der beiden, des Mannes wie der Frau? Das Verbot des Kondoms und jeglicher Familienplanung durch den Vatikan, soll dazu führen, dass jeder Geschlechtsverkehr zur Zeugung eines Kindes führt, wenn sonst kein "natürliches" Hindernis im Wege steht. Das heißt nun angewendet auf den Herrn Bischof Barragan: Ein Kondom findet er schlimmer als ein bewusst im katholischen Glauben gezeugtes aids-krankes Kind.

Das ist mir eine schöne Moral! Hier werden Prinzipien zum Selbstzweck, ohne Rücksicht auf Menschen und ihre Schicksale. Für verantwortliches Handeln in der konkreten Situation bleibt bei solchem Denken, das sich auf den Kreis eines Kondoms verengt, kein ernst zu nehmender Spielraum. Ein solches Denken kann aber nicht ernst genommen werden. Abgesehen davon, dass es schon gar nicht christlich ist. Joshua von Nazareth wurde gefragt, ob das Sabbatgebot, eines der strengsten Gebote der frommen Juden (und er selber war wahrlich ein frommer Jude!), - ob also das Gesetz es erlaube, dass am Sabbat gearbeitet und ein Menschenleben gerettet werde. Seine Antwort: Der Sabbat ist um der Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbat willen.

Aber nun ist dieser Bischof vielleicht identisch mit größten Teil des Vatikan, nicht aber mit dem größten Teil der katholischen Kirche. In der Praxis wird anders gehandelt (und gelehrt). Ein recht katholischer Frauenarzt wurde in den sechziger Jahren im Bergischen Land von einer Patientin aufgesucht, die von der "Pillen-Enzyklika" Pauls VI. tief irritiert wurde - aber fromm bleiben und lieben wollte. Der Arzt erklärte ihr sorgfältig alle "natürlichen" (und vatikanisch erlaubten) Methoden der Geburtenkontrolle (mit all ihren Ungewissheiten) - und verschrieb ihr dann eine Tablette, die sie regelmäßig einzunehmen hätte: damit sich ihr Zyklus so stabilisiert, dass die "natürliche" Methode auch einigermaßen verlässlich funktioniert. Welche Pille da verschrieben wurde? Dreimal dürfen Sie raten...

Vielleicht ist der Bischof Barragan ein wenig ehrlicher - und war jener Arzt viel menschlicher. Absurd ist das eine wie das andere - vor allem aber unchristlich.

 
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