M U S I K Der dritte Weg führt in die Seele
Musikalische Landschaftsmalerei aus Island und England: Sigur Rós und Radiohead halten die Schwebe zwischen Song und Sound
Man könnte dabei im Dunkeln sitzen, beim schwachen Echo der Straßenlampen und dem traulichen Glimmen der roten Stand-by-Leuchten, in den Klängen versinken und vom Rock 'n' Roll träumen, der angeblich schon manchem das Leben rettete. Man glaubt sie gerne, die alte Mär von der Musik, die sich immer wieder unerwartet aus Hinterhöfen, Vororten und kargen Landschaften erhebt und neugeboren in die Welt kommt. Umso schöner, wenn Märchen wahr werden.
Gefährlich nahe der Schablone, wenn diese Musik zudem aus Island stammt und so klingt, wie sich jeder Musik aus Island schon immer dachte. Mehr Island als Björk je sein kann. Pittoresk, wenn diese vier jungen Männer dann noch isländisch oder gar in der Fantasiesprache Hopelandish singen, darauf bestehen, ihre Musik sei von der Natur des Landes geprägt und dies auch noch zutrifft. Am besten, man arbeitet das betreffende Wortfeld gleich ab, um endlich zur Musik von Sigur Rós zu kommen: menschenleer, Vulkan, endlos, Kobold, Geysir, erhaben, Elfen, verlassene Nato-Kasernen, Gletscher, schweflig, Geröll, 280 000 Einwohner, Reykjavík.
Start. Orgelakkorde unter sphärischen Harmoniegesang gerührt, ein glockiger Marimbaton, der - bing! - die Wellen einer mit dem Bogen gestrichenen E-Gitarre zart punktiert, während über all dem Schwellen und Schweben eine hohe, feminine Stimme ihre Kreise zieht - i tju ... i tju - und sirenengleich "kommdochkommdoch" lockt: Svefn-G-Englar, das erste Stück auf der CD Ág“tis byrjun der Gruppe Sigur Rós. Man kennt das Genre in Variationen seit den siebziger Jahren, ob als süffige Teenager-Symphonien aus dem warmen Kalifornien, als Soundscapes von Pink Floyd, wann immer irgendwo ein Flügel in süßen Harmoniegewässern versinkt. Es ist der Engelsklang zum teuflischen Rock 'n' Roll, die fünfte Kolonne klassischer Romantik - ästhetisch korrekt bespuckt und verhöhnt. Kritischen Ohres ist dieser slow-motion-Rock nur schwer zu verantworten, und doch weiten diese Hymnen der Seeligkeit das Herz.
Etwas ist anders und neu an diesen Zeitlupen-Songs. Es sind kleine Störmomente: das sekundenschnelle Umkippen von Streicherklängen ins Handy-Piepen, ein Meeresrauschen, das unentschieden zwischen Original und elektronischer Kopie schwankt, dann für einen Moment die Stimme eines Opernsängers, ein plötzlicher Absturz des pompösen Streicherarrangements in den Keller, wo allein die akustische Gitarre schrammt - irritierende Fundstücke. Als wollten sie aufs Leben 2000 verweisen, auf den Bruch zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, als winkten sie uns verschwörerisch zu, ihr wisst schon, woher wir kommen, wovon wir träumen.
Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug seien unschlagbar, heißt es. Die Isländer Jon Thor Birgisson (Gesang/Gitarre), Kjartan Sveinsson (Gitarre/Keyboards), Georg Holm (Bass), und Ori Páll Dyrason (Schlagzeug) spielen ihre neuen Kompositionen zuerst in Konzerten, nehmen sie dann in vier Tagen auf und mixen danach vier Monate im Studio, um die Skizzen in Klanglandschaften zu verwandeln. Die Post-Song-Ära geht zu Ende: Es sind Lieder, ziemlich eindeutig, und doch überlappen sich die Stücke, wirken wie ein einziges schwebendes Klangzentrum, statisch und doch in Bewegung, nie tönt gebrochene Sehnsucht so wirkungsvoll wie mit dramatischem Gestus präsentiert.
Man muss erst mal kopieren, um einzigartig zu werden
1994 haben sich Sigur Rós in Reykjavík gefunden, als "Sieger Rose" zu übersetzen, zusammengeschrieben meint es schlicht den Namen von Sänger Jon Thor Birgissons Schwester. 1997 veröffentlichten sie das Album Von (gleichbedeutend mit Hoffnung), 1999 ihr zweites Werk Ág“tis byrjun (sprich: Augeitis Birrjün), meint: "Ein neuer, ein guter Anfang". Und sie sind so jung, wie man sein muss, um Musik zu machen, die so selbstbewusst klingt. "Wir sind keine Band", spricht die Website (www.sigur-ros.com), "wir sind Musik. Wir wollen keine Superstars oder Millionäre werden, wir sind dabei, die Musik und die Art, wie Menschen mit ihr umgehen, zu ändern. Und glaubt bloß nicht, wir könnten das nicht, wir werden es schaffen."
Es ist die alte Geschichte von jungen Männern, deren einzige Überlebenschance in der Enge ihrer Kleinstadtwelt darin besteht, zu kopieren, sich zu finden und zu unterscheiden, bis sie arrogant einzigartig sind. "Zeitlosigkeit ist unser Hauptanliegen. Wir wollen mit unserer Musik unsterblich werden." Oder, mit Ironie gesehen: "In Island ist es schwer, nicht berühmt zu werden." Es wird gelingen, mit sakralem Hall, mit Schwelgen, mit einer Musik, die so selbstverständlich in den Klangfundus von Ambient-Bastlern greift, dass die Vergleiche über die Zeilen schwappen. Um die betreffenden Links gleich mit einem Klick zu erledigen: Air / Polar / Portishead / Mercury Rev / Cocteau Twins / Mogwai / Low / King Crimson / Pavlov's Dog / My Bloody Valentine / Górecki / Miles Davis / Django Bates / Tindersticks / Codeine / This Mortal Coil ... Jemanden vergessen?
Und doch ist dies nicht die unendliche Fortsetzungsgeschichte vom Aufstieg einer Band, die Geburt einer neuen folkloristisch behauchten Hymnik, die diesmal aus Island kommt, das Feld ist weiter. Die Schnittmenge aus Ambient, elektronischen Geräuschexperimenten, Rocksongs und dem Instrumentarium klassischer Musik wird immer größer. Als wolle man aus all den verstreuten Fragmenten wieder eine mehrheitsfähige Einheit bilden - den third stream zwischen grenzenloser Computer- und erzählender Rockmusik.
Auch Radiohead, jene fünf britischen Jungs aus einer Kleinstadt bei Oxford, die 1993 mit ihrem depressiven Monolog Creep den tragisch Leidenden wieder eine mitfühlbare Stimme gaben, die nun schon lange 15 Jahre zusammen sind und deren Sänger Thom Yorke die magische 30 überschritten hat, auch sie haben jenen Schwebezustand zwischen Song und Sound erreicht, der an die Sound And Vision-Zusammenarbeit von David Bowie und Brian Eno Mitte der achtziger Jahre erinnert. Bedingt durch eine Schaffenskrise und den unvermeidlichen Ennui des Rock 'n' Roll, entstand ihr jüngstes Werk Kid A, ein Album, dessen Konzept vor allem im Zusammenkleben zerschlagener Lieder bestand. "Ich langweile mich. Mich langweilt dieses Rockding. Sie nicht?", fragt Thom Yorke. Das Pendel schlägt zurück: von John Cage zu Franz Schubert, von den Laptop-Klangsuchern und HipHop-DJs zu den Gitarrenbands. Doch nicht als Machtwechsel, sondern als Trinität von Geräusch, Raumklang und Lied: Instrumentale Labyrinthe entstehen, durch die sich die verfremdete Stimme des Sängers wie ein roter Klangfaden zieht, Saxofongebläse wie in freiesten Jazz-Zeiten, Kraftwerkschleifen, über die sich Melodien legen. Das ist kein Hype gelangweilter Kritiker, wie der Pop-Autor Nick Hornby im New Yorker vermutet, viel eher aus dem Bedürfnis entstanden, sich weder von Rocksongs überwältigen noch dem puren Ambient-Klang ausliefern zu lassen.
Mit Motion Picture Soundtrack schließt das Album Kid A, ein orgelgetragenes und harfenumschwärmtes Stück, das - wie vieles - ans Vorbild REM gemahnt und die Landschaftsbilder des amerikanischen Films zurückholt. Im Inneren des Booklets, vom Betrachter abgewandt, steht eine Familie, blickt in eine Schneelandschaft, aus Malerei, Fotografie, Computergrafik und Schriftzeichen gesampelt. Es ist die bildliche Entsprechung zur Musik: in Caspar-David-Friedrich-Distanz zum romantischen Sujet, elektronisch gemalt auf transparenter Leinwand.
"Wir blicken sehr stark in das Land hinein, versuchen, dort unsere Wurzel zu finden. In der Natur und Landschaft." Sagen Sigur Rós. Dass sie - ebenso wie Radiohead - große Vorbehalte gegenüber der Visualisierung ihrer Musik durch die Bubblegum-Bilder der Musikvideos hegen, erscheint logisch. Mag bei Radiohead der Wunsch im Vordergrund stehen, sich aus der Enge der Rock-Business-Erwartungen in unbegrenzte Klangwelten zu verlieren - How To Disappear Completely -, so mag die Musik bei Sigur Rós, die bei einigen Konzerten von Radiohead als Vorgruppe auftraten, aus dem Versuch entstehen, die Weite Islands in die Enge von Reykjavík zu holen, das manchmal wie ein Brennspiegel der Rockmusik erscheint. Dem Hörer schenken sie verwandte Musikbilder: Stimmen und Geschichten in künstliche, weite Landschaften gesetzt. Wohin der Blick sich wendet, bleibt offen.
Sigur Rós: Ag“tis byrjun (Fatcat 11) Radiohead:Kid A (EMI 27 753)
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