M E D I E N M O R A L Der Fall Joseph und die Medien

Zwei Interviews zu der Frage, wie gute Absichten zu einem journalistischen und politischen Debakel führen konnten

1. Interview mit Dagobert Lindlau, dem ehemaligen Chefreporter des Bayerischen Rundfunks

DIE ZEIT: Der Fall Joseph wurde ein Fiasko für die Medien. Dabei ging doch alles von einer guten Intention aus ...

DAGOBERT LINDLAU: Die Presse kommt immer dann in ein gefährliches Fahrwasser, wenn sie ungeprüft verlautbart, was man ihr sagt, oder aber, und das war offenbar hier der Fall, Fakten ignoriert, damit eine Geschichte zu den eigenen ideologischen Vorurteilen passt.

ZEIT: Solche Vorurteile bei der Bild-Zeitung, das ist doch erstaunlich.

LINDLAU: Erstaunlich ist, dass hier die Warnzeichen übersehen wurden, denn es ist ein in der Kriminologie ganz bekanntes Phänomen, dass Eltern sehr oft schwere und ganz grundlose Schuldgefühle haben, wenn ihr Kind zu Tode kommt. Diese Schuldgefühle ertragen sie nur, wenn sie sich ihre schmerzliche psychische Lage erleichtern, indem sie die Wirklichkeit umdeuten. Und das war hier ganz offenbar der Fall. Aber die Erfahrung der rechtsextremen Gewalttaten der letzten Zeit war offenbar für die Journalisten überwältigend und bestimmend.

ZEIT: Sie meinen, die öffentliche Stimmung hat den Tenor der Berichte schon vorgegeben?

LINDLAU: Ja. Ich habe das schon früher mit dem Kriminologischen Institut in Hannover erlebt. Es ist geradezu zum Seismografen für die ideologische Kontaminierung der öffentlichen Debatte geworden. Die haben mal Fragebögen an Gastwirte verschickt und gefragt, ob die Schutzgeld zahlen. Natürlich haben die meisten nicht geantwortet, und von denen, die geantwortet haben, hat kaum einer zugegeben, dass er erpresst wird. So ist man dann zu dem erwünschten Ergebnis gekommen, dass es organisiertes Verbrechen in diesem Deliktsbereich so gut wie überhaupt nicht gibt, obwohl alle polizeilichen Daten auf das Gegenteil hindeuten.

ZEIT: Also haben sich nicht nur die Journalisten verleiten lassen, sondern auch Wissenschaftler und Politiker?

LINDLAU: Ja. Dass Schröder diese offensichtlich verwirrte und zutiefst verletzte Frau empfangen und sogar seiner Solidarität versichert hat, bevor der Fall von der Justiz abschließend geklärt worden ist, grenzt an contempt of court. Der Unterschied zu den Medien ist aber: Ein Politiker kann so einen Fehler machen und dann einfach schweigen, aber Journalisten dürfen das nicht. Journalisten müssen richtigstellen, wenn ihnen ein Fehler unterläuft. Und das fällt zunehmend schwer. Die erbärmlichste Haltung ist: Es hätte doch wahr sein können, also haben wir in einem surrealen Sinn doch Recht. Wenn sich das breit macht, kriegen wir eine Berichterstattung, die den kriminellen Idioten von rechts auch noch in die Hände spielt, fürchte ich.

ZEIT: Woher kommt Ihrer Meinung nach die Tendenz, Geschichten nach Stimmungen statt nach Fakten zu schreiben?

LINDLAU: Ein Grund für die Fiktionalisierung der Berichterstattung ist sicher die so genannte Political Correctness, die ja bekanntlich von Mao Tse-tung stammt, der 1963 in einem programmatischen Aufsatz gefordert hat, Denken und Reden müssen den Zielen der KP entsprechen und nicht der Realität. Die Folgen waren dann 1969 die Gräuel der Kulturrevolution. Diese Forderung Maos ist dann in den siebziger Jahren über feministisch-maoistische Gruppen in den USA auch zu uns gekommen, nämlich als Forderung, öffentliches Reden und Denken müssen mit den liberalen Idealen übereinstimmen und nicht mit den Fakten.

ZEIT:Bild - ein spätes Opfer maoistischer und feministischer Gruppen?

LINDLAU: Ein völlig ahnungsloses natürlich.

ZEIT: Wie äußert sich das denn Ihrer Meinung nach konkret in der Arbeit der Medien?

LINDLAU: Na ja, die haben alle vergessen, was der Pulitzerpreisträger David Halberstam einmal formuliert hat: Ein Journalist muss sich zwei Fragen beantworten. Erstens: Stimmt die Information? Und zweitens: Hat die Öffentlichkeit ein Anrecht darauf? Wenn beides mit ja zu beantworten ist, dann muss publiziert werden, egal, wem es gerade nützt oder schadet.

ZEIT: Spielt nicht auch die zunehmende Konzentration im Mediensektor und seine gestiegene wirtschaftliche Bedeutung eine Rolle?

LINDLAU: Ach, das halte ich für eine Ausrede. Auch Zeitdruck und Konkurrenz, beides halte ich für Ausreden!

1. Interview mit Dagobert Lindlau, dem ehemaligen Chefreporter des Bayerischen Rundfunks

ZEIT: Welchen wesentlichen Unterschied sehen Sie zwischen der heutigen Medienlandschaft und jener zu Ihrer aktiven Zeit als Reporter?

LINDLAU: Der Unterschied ist, dass wir heute in einer irrsinnigen Flut von Informationen leben. Wir haben alle gedacht, dass das zu einer informierteren Gesellschaft führen würde, und da haben wir uns getäuscht. Wir haben völlig übersehen, dass Desinformation viel besser gedeiht, viel billiger zu produzieren, viel leichter zu transportieren ist als die Information - ein sehr gefährlicher Mechanismus, gegen den wir uns nicht zur Wehr gesetzt haben.

2. Interview: Siegrief Weischenber, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes (DJV)

DIE ZEIT: Anheizen statt Aufklären - ist das der Medienleitspruch 2000?

SIEGFRIED WEISCHENBERG: Ursprünglich heizen ja immer erst mal andere ein. Im Falle Sebnitz waren das einerseits die Eltern, andererseits Politiker, die mitmischen, weil sie denken, das ist ein Thema, bei dem ich selbst gut aussehe. Und dann läuft das irgendwann über die Medien. Einige reagieren noch zurückhaltend, ein einzelnes Medium wagt sich vor, und dann trotten alle, wie die Lemminge, hinter dem her. Das ist nicht mehr kontrollierbar. Danach, wenn der Katzenjammer groß ist, sind allein die Medien schuld.

ZEIT: Am Anfang stand bei den Journalisten doch die gute Absicht. Es war ja nicht verkehrt, rechtsradikale Umtriebe aufdecken zu wollen.

WEISCHENBERG: Im Journalismus ist gut gemeint das direkte Gegenteil von gut. Hier kam ja Verschiedenes zusammen: Das Thema "rechte Gewalt" war seit dem Anschlag von Düsseldorf auf der Tagesordnung, wahrscheinlich stärker als je zuvor. Nach dem Anschlag ist aber nicht mehr so viel passiert. Wir hatten eine große öffentliche Diskussion, aber wir hatten nichts, was für Journalismus sehr viel hergibt, weil Journalismus ja auch immer ereignisorientiert ist.

ZEIT: Gott sei Dank!

WEISCHENBERG: Ja. Andererseits gibt es die Forderung, unter anderem auch von mir, das Thema auf der Tagesordnung zu halten: Wir brauchen kontinuierliche Berichterstattung, wir brauchen Hintergrund. Dann gab es, das muss man auch positiv sehen, bei der Bild-Zeitung die Tendenz, sich ganz kritisch und intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen. Das war ja auch nicht immer so. Und dann kommt diese wunderbare Story auf den Tisch. Die ist wie gemalt. Alles passt zusammen: Da ist dieser kleine Junge, die bringen den um, und am Beckenrand stehen 200 Bürger und klatschen Beifall. Das haben wir ja alle vor Augen gesehen. Und das war, um es zynisch zu sagen, viel zu schön, um wahr zu sein.

ZEIT: Aber daraus wurde ...

WEISCHENBERG: ... ein totales Fiasko. Jetzt haben wir, intensiver als je zuvor, einen Ost-West-Konflikt, ein paar Politiker haben sich in fragwürdiger Weise aus dem Fenster gelehnt, und auch der Kanzler war bestimmt nicht gut beraten, hier nach dem Motto "Vier Millionen Auflage sind schon was" seiner Neigung zum Boulevardesken nachzugehen. Und Herr Biedenkopf hat einen Eiertanz der absonderlichsten Art vollführt, erst die Familie besucht, dann das Gerücht verbreitet, Spiegel TV hätte Jugendlichen Honorare gezahlt, damit sie rechte Parolen grölen, und dann noch den Ost-West Konflikt hochgezogen. Da bleibt ein Scherbenhaufen.

ZEIT: Welche Schlüsse muss man aus diesem Debakel ziehen?

WEISCHENBERG: Das Erste, was man verlangen muss, ist, dass wieder mehr Wert auf handwerkliche Sorgfalt gelegt wird. In diesem Fall war der Fehler der, dass die Recherche nicht ergebnisoffen geführt worden ist. An einer bestimmten Stelle hat die Bild-Zeitung die Fragezeichen weggelassen und etwas als Tatsache präsentiert, was bis dahin nur eine Vermutung sein konnte. Ein zweiter Punkt: Medien beziehen sich immer stärker auf Medien. Das, was man systemtheoretisch als Selbstreferenz bezeichnen würde, nimmt zu. Und daraus entstehen dann verhängnisvolle Kettenreaktionen. Aber jetzt sage ich mal was Positives: Ich stelle zunehmend eine Bereitschaft fest, in den Medien auch über die Medien kritisch zu verhandeln. Da ist vielleicht manchmal ein gewisses Maß an Heuchelei dabei, aber immer auch ein Bemühen, den Ruf der Branche zu retten.

ZEIT: Wie beschädigt ist er schon? Rechtsradikale grüßen sich mit "Presse lügt". Sind wir wieder auf dem Weg nach Weimar?

WEISCHENBERG: Die Gefahr besteht sicherlich. Aber solange es eine offene Aufarbeitung und Selbstkritik gibt, wird die Öffentlichkeit das auch goutieren. Ob man die Aufklärung, die die Bild-Zeitung am Samstag auf Seite 2 betrieben hat, auch für hinreichend hält, darüber kann man geteilter Meinung sein. Dort war ja eher der Tenor: Der Innenminister ist schuld. Journalismus darf aber auch nicht nach dem Prinzip Trial and Error verfahren. Aber ein Restrisiko bleibt: Alle großen journalistischen Leistungen von der Aufdeckung von Watergate bis zur Barschel-Affäre beruhten darauf, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt was riskiert hat. Wir würden den Journalismus kastrieren, wenn wir da Maßstäbe anlegen würden wie in der Wissenschaft.

Die Interviews führte Nils Minkmar

 
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