: Wer deutet die Welt?

Ein Streitgespräch zwischen dem Philosophen Lutz Wingert und dem Hirnforscher Wolf Singer über den freien Willen, das moderne Menschenbild und das gestörte Verhältnis zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

DIE ZEIT: Professor Singer, die Naturwissenschaft ist im Feuilleton angekommen. Freut Sie das, oder stimmt Sie das eher bedenklich?

WOLF SINGER: Es freut mich. Ich bin allerdings nicht ganz zufrieden mit der Erstauswahl der Beiträge, wie sie etwa in der FAZ abgedruckt wurden. In Fachkreisen sind diese Artikel sehr kritisch gesehen worden. Das meiste davon waren Spekulationen im datenfreien Raum - und das gilt sowohl für die Beiträge zur Gen- wie zur Nanotechnologie.

LUTZ WINGERT: Es ist gut, wenn naturwissenschaftliche Ergebnisse und fundamentale Hypothesen zur Diskussion gestellt, wenn Chancen und Risiken offen diskutiert werden. Wir machen die Erfahrung, dass die Verfügungsgrenzen über Leben, auch über personales Leben immer weiter herausgeschoben werden. Anscheinend lässt sich zwischen Natur und Kultur immer weniger danach unterscheiden, was vorgegeben und was gemacht ist. Solche Entwicklungen werfen die Frage auf, was sie für das Selbstbild des Menschen, überhaupt für unser Weltbild bedeuten.

ZEIT: Geht es dabei nur um Wahrheit und Erkenntnis?

WINGERT: Nein, ich vermute, dass dahinter ein Stück Utopiepolitik steckt. Hinter der marktgetriebenen Technik kommt plötzlich die Vision eines neuen Menschen zum Vorschein - ein Projekt, das bisher eher linke Politik gekennzeichnet hat. Es ist pikant, dass die Option auf Personenänderung nun im politisch konservativen Feuilleton euphorisch diskutiert wird.

SINGER: Noch bedeutender scheint mir, dass Erkenntnisse der Grundlagenforschung auch ohne Anwendungsbezug unser Menschenbild nachhaltig verändern. Mich erstaunt immer wieder, wie wenig so genannte kultivierte Kreise über naturwissenschaftliche Entwicklungen wissen. Das führt zu Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung und erklärt die unkritische Begeisterung über utopische Feuilletonartikel.

ZEIT: Woher kommt das Jubilatorische?