Gegen allzu große Vorzüge eines anderen gibt es nur ein Rettungsmittel: seine Biografie schreiben. Hat Goethe so nicht gesagt, aber Eckermann so verstanden. Ein sehr produktives Missverständnis, immerhin. Schreib meine Biografie, und schone mich nicht! Mach aus mir ruhig den Helden von antikem Format, der ich bin. Eine "unendlich schillernde Persönlichkeit - vollkommen ideal", die der amerikanischen Kultur zeigt, wie erledigt sie ist. Das dürfte Professor Alan Bloom, eine streitbare, hierzulande weithin unbekannte amerikanische Kapazität der politischen Philosophie auch so nicht gesagt (vielleicht aber gemeint) haben, als er seinen Freund Saul Bellow beauftragte, ein Buch über ihn zu schreiben. So hat es aber Bellow im Gespräch mit Fritz J. Raddatz beschrieben (ZEIT Nr. 30/00). Es geht nicht um das Porträt eines irgend verdienstvollen Schriftstellers, sondern um "eine Trophäe, die man liebt".

Bellows Schreiben grenzte im Grunde immer schon an Helden- und Heiligenverehrung, an sublime Hagiografie. Aber dieser unorthodoxe Professor dürfte kein leichter Brocken für seinen Biografen sein, wenn er so "vollkommen ideal" und damit so gar kein idealer Bellow-Held ist. Das waren immer unheilverliebte Versager, von Schuld und Sühnekomplexen gebeutelte Heroen des Scheiterns: Moses Elkanah Herzog, Charlie Citrine (in Humboldts Vermächtnis) oder Mr. Sammler. "Luftmenschen", deren geistiges Leben sich weit über der Traufhöhe des Durchschnitts abspielt, während sie mit offenen Schnürsenkeln durchs Leben stolpern, immer in der Klemme, in irgendeinem Schlamassel, aus dem sie von teuren Experten - Psychiatern, Scheidungsanwälten - befreit werden müssen. Ihr einzig unverlierbares Kapital: ein schockartig aufflackernder Witz, der von Hysterie bisweilen kaum zu unterscheiden ist.

Über solche Typen kann Bellows Auftrags-Held, sein "guter Freund Professor Ravelstein" alias Alan Bloom wahrscheinlich nur brüllen vor Lachen, wobei er aussieht wie "das sich aufbäumende Pferd auf Picassos Guernica". Groß wie sein Gelächter ist alles an diesem Mann. Seine Statur. Seine Seele. Seine mitreißende geistige Energie. Selbst die Kaffeeflecken, mit denen er sich Schlips und Jackett zu bekleckern pflegt, weil seine großen Hände zittern, wenn sie so "kleine Aufgaben verrichten sollen" - selbst die haben Format. Sein großer kahler Schädel ist so fantastisch, dass man unwillkürlich darauf nach Fingerabdrücken dessen sucht, der ihn geformt hat. In diesem prächtigen Globus von Schädel pflegt Ravelstein "entspannten Umgang mit großen Worten, wichtigen Themen und berühmten Männern, mit Jahrzehnten, Jahrhunderten, ganzen Zeitaltern". Platos Ideenlehre, die Geheimnisse des Maimonides, Nietzsches Übermensch - dies alles lehrt Ravelstein nicht nur, er verkörpert es. Den Italienern bringt er Machiavelli, den Engländern Shakespeare bei. Und die Studenten sind "verrückt nach ihm". In seinem stets überfüllten Seminarraum "hustete, stotterte, rauchte, brüllte, lachte er ... reizte sie zum Kampf Mann gegen Mann, prüfte sie, hämmerte er auf sie ein: ,Was hast du deiner Seele in dieser modernen Demokratie zu bieten?'"

Er sammelte Menschen, Quimper-Teller und Hermès-Krawatten

Zum Dank werden sie ihren Erzieher später aus ihren hohen Ämtern regelmäßig mit frischem Insiderklatsch aus der Downing Street oder dem Kreml beliefern. Denn groß ist auch Ravelsteins Bedürfnis nach Klatsch, der bei ihm aber nicht Klatsch, sondern "Sozialgeschichte" ist. Mit offenem Maul wie die Giganten der Meere scheint dieser Mann durch die Welt zu kreuzen und raue Mengen an Wirklichkeit zu vertilgen, um sein System einzuheizen. Er ist ein Gourmet, der alles sammelt, was schön und teuer ist. Das können Menschen sein, die noch Picasso und Gertrude Stein gekannt haben, oder auch luxuriöse Nippes wie Quimper-Teller oder Krawatten von Hermès.

Um sich diesen Luxus leisten zu können, hat Ravelstein schließlich ein Buch gegen die "geistige Auflösung der USA" geschrieben, das ihn quasi über Nacht reich (auch an Feinden) machte - vom platonischen Tellersammler zum Millionär. Endlich kann er sich seinen byzantinischen Lebensstil auch leisten. Seinen Freund Chick alias Saul Bellow, der ihn zu dem Bestseller überredet hatte, ins teure Pariser Hotel Crillon einladen. Ihn stundenlang durch Edelboutiquen schleifen auf der Suche nach einem atemberaubenden Mäntelchen von Lanvin, um anschließend bei Lucas Carton seine Version von Platos Gastmahl abzuhalten. Das heißt sprühend vor Bonmots, vor metaphysischer Dringlichkeit die Freundschaft und den Eros begießen - und das neue Jackettchen.

Chick - auch ein erfolgreicher Autor - und Ravelstein sind seit langem eng befreundet, ihre Rollen klar verteilt: Ravelstein teilt (liebevoll) aus, Chick, der um mehr als zehn Jahre Ältere, steckt (liebevoll) ein. Für Chick ist Ravelstein der denkbar vollkommenste Mensch, fast schon ein Gott. Gott als schwuler, nein, bitte "invertierter" jüdischer Intellektueller aus dem Mittleren Westen. Die Vision würde Ravelstein gefallen. Aber er wird über sein Porträt, das uns hier beschäftigt, nicht mehr lachen können, denn seine Aids-Krankheit wird ihn vorher besiegen.