E L E G I E N Gut geklagt ist halb gewonnen
Elegien sind ein schwacher Trost. Aber was hat der, der nicht einmal Elegien hat?
Wenn der Mensch vielleicht auch nicht zum Klagen geboren ist, so ist er doch wie geschaffen dafür, und jedenfalls klagt er, seit er herausgekriegt hat, wie gut er das kann: als hätten die Götter ihm die Stimme gegeben, weil ihnen nichts so schön klang wie Klagen. Es scheint ihnen gegangen zu sein wie jenem indischen Fürsten, der, wenn ihm so zumute war, ganze Herden von Elefanten (indischen, das sind die mit den kleineren Ohren) in tiefe Schluchten jagen ließ, weil er so gern zuhörte, wie sie brüllten, wenn sie stürzten - der Dichter Sebald erzählt, glaube ich, diese Geschichte irgendwo; kaum einer wiederum kann ja schöner als er, elegischer, um das Wort nun einmal zu sagen, die Welt beschreiben als die große Tiefebene der ewigen Klagen.
Unvergesslich zum Beispiel, wie einmal ein gewaltiger Sturm ihm eines Nachts alle alten, großen, schönen Bäume umhaute, die seit Jahren, ach, was sag ich, seit Jahrhunderten sein Haus in England umstanden hatten: weg nun alle, und als der Sturm vorbei war, hätten die Sterne geschienen wie noch nie; und als der März kam, war überall um das Haus herum, wo sonst Anemonen geblüht hatten, Schlamm und noch mal Schlamm gewesen.
Wie ja auch Heine schon einmal (das füge ich jetzt hinzu) in der Natur so entsetzlich elegisch geworden war:
Verdrossnen Sinn im kalten Herzen hegend,
reis ich verdrießlich durch die kalte Welt,
zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält
feucht eingehüllt die abgstorbne Gegend.
Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
das rote Laub, das von den Bäumen fällt,
es seufzt der Wald, es dampft das fahle Feld,
nun kommt das Schlimmste noch, es regnet.
So ist der Mensch, genau so, und er kann wahrscheinlich nichts dafür. Und im Grunde ist die große Frage allen Klagens, wenn also das Klagen selbst nun einmal sein muss: Muss die Klage, soll sie, darf sie schön klingen? Und in wessen Ohren? Oder ist sie, solang sie schön klingt, oder gar schön klingen soll, noch gar keine richtige Klage? Die Alten hatten ihren Orpheus, der so schön um seine geliebte Eurydike (eine Schlange hatte sie gebissen) klagte, dass, wie Rilke einmal, ihn anredend, in fast neidvoller Anerkennung sagt:
Dein Klang noch in Löwen und Felsen verweilte
und in den Bäumen und Vögeln. Dort singst du noch jetzt.
O du verlorener Gott!
Und dann war die biblische Menschheit da und mit ihr Hiob, der große Schreihals Gottes, kein Sänger mehr im Leid, kein Dichter, einfach nur noch ein Schreihals. Offenbar kannte er seinen Gott und wusste, dass den die Schönheit nicht so richtig rühren würde (in unsern Tagen hat Thomas Mann dann in seinem Joseph den gewiss etwas langatmigen, aber doch wunderbaren Versuch gemacht, Gott zur Poesie zu bekehren).
Seither, also seit Hiob, wiegt bei den wirklich ernsthaften Menschen, bei Tolstoj etwa oder bei Erich Fried, ein wirkliches Leid immer noch sämtliche Poesie auf, ja, es verdächtigt sie der Unterschlagung der Wahrheit zugunsten einer Schönheit, die also zu einer falschen Verschleierung geworden zu sein scheint.
Wenn Tolstoj einmal sagt, kein Buch oder Gedicht oder was er da nennt wiege das Weinen eines Kindes auf, dann muss ja jeder zustimmen, der sich nicht um seinen moralischen Kredit bringen will, aber solang er bei Sinnen bleibt, wird er sich auch sagen, dass Tolstoj nicht ganz Recht haben kann und dass seine Idee ein bisschen infam ist oder ein bisschen dumm. Und Erich Fried versteigt sich in einem 45-strophigen Gedicht (in unserm Buch hier ist es abgedruckt, die bisher zitierten sind es nicht) zu dem Gedanken, eine Klage um einen Tod müsse geradezu grausam und hässlich sein, weil dieser Tod selbst auch grausam und hässlich war.
Da hat die Schönheit des Klagens dann wirklich aufgehört, aber, wenn man wieder bei Sinnen ist, dann begreift man, dass in so einem Fall Schönheit ohnehin keine Chance hat. Vergleichbares wird man fast immer finden, leider Gottes bei einem, dem ohnehin nicht Poesie in dem Maße gegeben war (von Klugheit jetzt geschwiegen), dass Löwen ihm hätten zuhören mögen, und geschwiegen auch noch einmal von jenen Göttinnen allen, die Schiller nennt, wenn er meint, es sei doch eben schön, ein Klaglied zu sein, und nur das Gemeine gehe klanglos hinab in den Orkus oder wohinein und hinab nun immer es muss: wenn das Schöne vergeht, wenn das Vollkommene stirbt, wie er sagt.
Aber jetzt zur Geschichte des Elegischen und des Klagens, wir wollen ja auch etwas lernen. Wie der hervorragende Referent des betreffenden Artikels in der Kurzfassung von Paulys Realenzyklopädie des Altertums ausführt, liegen die Ursprünge der Elegie völlig im Dunkeln; und im 4. Jahrhundert folgt auch schon ihr Niedergang. Dem Namen nach hängt sie mit der Flöte zusammen, mit kleinasiatischen Trauergesängen; nieder geht sie dann, wie alles, was hier groß wurde, in Griechenland. In der hellenistischen Dichtung wird sie zu einem exklusiven Kunststück, bald ist dann die Liebe, und zwar meistens die unglückliche, ihr hauptsächlicher Gegenstand; wobei die einen sagen, subjektives Erleben herrsche vor, die andern, nein. Aber auch Trauergesänge und Klagen gibt es natürlich, schöne Grabepigramme oder -gedichte, hier ist eines, wenngleich ein neues, aber es ist so schön, dass ich's gleich bringe, eine Elegie auf Alfred Wegeners Grab im Eis; Alfred Wegener, ein Cousin Pauls übrigens, der 1914 den Golem drehte, war der zeitlebens verkannte große Entdecker der Kontinentalverschiebung, für die er bis zu seinem Tode, besonders auf Expeditionen in Grönland, Beweise suchte:
Einen Erdteil aus Eis erhieltst du zum Sarkophag,
für dich allein, du Bescheidener, einen Blumenhag
ewigen Firns, der dir blüht und in welchem du sinkst,
in der Rosigkeit deines Lächelns Frische des Winters trinkst,
tausend und tausend sich häufende Jahre Schnee,
Flockenjahrhunderte, funkelnden Stillesee.
Europa verwuchert im Urwald - Berlin und Paris,
Kathedralenschutt, Sage von einstigem Paradies;
du aber, Wegener, nun auf der Gletscher Grund,
rollst mit dem Schotter unter der Dämmerung und
hörst einen Aufruhr, nahenden Jüngsten Tag,
der dich in Brodem und Brandung wiederum finden mag
Ich werde nachher sagen, wer dieses merkwürdig schöne Gedicht geschrieben hat. Zunächst weiter mit der Geschichte, denn dann kommt die römische Elegie, aber auch deren Anfänge verlieren sich wieder im Dunkeln, zum Beispiel bei Ennius, den keiner kennt. Aber dann irgendwann kommt der herrliche Catull, bei Gott, jeder ist zu bedauern, der ihn nicht liest, ihm folgen Tibull, Properz, Ovid, und immer mehr wird das Hauptthema nun wirklich die Liebe. "Aus Erlebtem und Erdachtem", so der Referent (Karl Vretska, Graz), "formt der Dichter, literarische Tradition mitverwebend, ein Kunstwerk persönlichen Charakters, keinen bloßen Abklatsch der Wirklichkeit" - leicht ließe sich hier einwenden, dass diese Definition für fast alle Gedichte gilt, aber das macht erstens nichts, und zweitens ist eben auch fast jedes Gedicht irgendwie eine Elegie, oder nicht? So wie wir gebaut sind, wir ewig Klagenden?
Aber dann kommt auch schon wieder der Niedergang, ein paar christliche Elegiker noch, und Ende. Später dann, im Zeitalter der Nationalsprachen, trennte sich die Elegie dann vom bis dahin vorherrschenden Distichon (Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,/ dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt, Schiller, wie gesagt), fast nur im Deutschen würden noch, so endet der Referent spürbar lustlos, Elegien im alten Maße gedichtet.
Also zusammengefasst: Die Elegie ist inhaltlich zuerst vielleicht etwas eher Trauriges, nimmt dann die Form von Hexameter und Pentameter an, in der sie alles enthalten kann, zum Beispiel sind noch in den ersten bekannten Anfängen patriotische Kampfaufrufe beliebt, aber natürlich auch Trauriges; vor allem wird die Liebe ihr Thema, die ihrerseits, sobald vor allem über sie Gedichte entstehn, natürlich auch oft so ihre Dunkelheiten, ihre Schattenseiten hat, schönes Beispiel: Goethe, der, völlig in klassischen Distichen, seine doch eher lustvollen Römischen Elegien schreibt, und später, als er die Römer lange hinter sich gelassen hat und weißhaarig gern in Marienbad die süße Ulrike geheiratet hätte, aber eine Abfuhr kriegt, eine deutsch gereimte Liebesklage anstimmt, der er den Titel Elegie gibt.
Um auch hier den Niedergang sogleich ins Auge zu fassen, so parodiert diese Elegie rund 170 Jahre später ein Dichter, als er zufällig, oder weil er vielleicht auch das Ding schon in der Tasche hatte, in Marienbad ist, und schreibt, dieser elegische Schuft, wie man ihn mit Hamlet nennen möchte (es ist wieder Sebald, den wir schon kennen, und dieses Gedicht ist das vorletzte in unserm Buch hier, letztes Jahr entstanden): Mir aber wollte es / nicht recht gefallen, nämlich jenes goethesche Gedicht; ihm sei, schreibt er, eine Dochtschere, vermutlich aus Ulrikes Besitz, näher gegangen, desgleichen seien ihm dies ein Paar Pulswärmer Ulrikes.
Nun ja, so geht es Leuten, die den Puls nicht mehr fühlen, möchte man sagen, so platt das wäre, sie nehmen eben die Pulswärmer; jedem das Seine, römisch gesprochen. Oder wie Properz, an sein Grab denkend, einem, der ihn schmähen sollte, einmal in zwei schönen Distichen zuruft, deutsch jetzt in Prosa:
Und du, wenn auch du dich einmal deinem Ende näherst und dein Haar weiß ist, so denke dran und geh diesen Weg zum Stein, der mein Gedächtnis bewahrt. Doch inzwischen hüte dich wohl, mich zu verachten, auch wenn ich begraben bin: die Erde spürt und weiß recht gut, was geschieht.
Unter uns: ein schwacher Trost, nicht wahr? Ja, das ist es, was man im Grund eben über alles Elegische schreiben kann: ein schwacher Trost. Doch andrerseits, was hat denn der, der nicht einmal eine Elegie hat, diesen schwachen Trost? Der hat nichts, gar nichts. Das ist alles Gedichtete: ein schwacher Trost, aber gegen ein Nichts.
Das erwähnte Buch, das ich hier vor mir habe, enthält, wie der Untertitel sagt, deutsche Elegien des 20. Jahrhunderts. In einer ersten Abteilung, die bis 1926 reicht, geht es mit Mombert los, dann kommt Rudolf Borchardt mit einem fast privaten Gedicht auf eine geliebte Vivian, Saturnische Elegie, terzinenartig, sehr sehr gut, wie immer, wo Borchardt traditionell sein darf, dort dann auch mit sehr schönen Erfindungen wie diesem Wind:
... und immer frischen
Hauch atmend geht der tagelange Wind
hin, her und hin, und wo die Lippen glühen
- aber dann macht er seine typischen gedichtverderbenden Fehler wieder dort, wo er exaltiert ist; aber anders als etwa bei Rilke, dessen gelegentliche Exaltationen Versuche sind, mit Mitteln, die sich vielleicht nach einiger Zeit als untauglich erweisen, Sachen zu sagen, die wirklich sehr schwer zu sagen waren und wofür er noch kein richtiges Vokabular hatte, anders also als bei Rilke haben Borchardts Exaltationen ihren wahren Grund in einer gewissen indiskreten Nähe, in die ihn seine starken, namentlich männlichen Empfindungen oft treiben, etwa, wenn ihm, in dem allzu hohen Ton, den er dann leider anschlägt, das "edle" Schreiten seiner Freundin "heilig" vorkommt, und "gnadevoll" erwidere sie seinen Gruß und sei eine "Halbgöttin" (ich kann das alles verstehn, bloß macht das ja noch kein Gedicht), und er dann, im Weiterdichten, im Grunde nur ein hinreißend sonderbares, ziemlich großes Ölgemälde von Burnet-Jones beschreibt, diesen Heruntergang von einem Dutzend wie geklonter Mädchen (wo jede jeder gleicht, sagt Borchardt sehr hübsch, auch in seinen Fehlern hat er was) eine goldene Treppe von oben mit Instrumenten in den Händen herab.
Die Lasker-Schüler dann, o je, o je, Becher, Ehrenstein, Haringer und Stefan George und Weinheber, etwas verloren dazwischen Trakl, Gott ja, und dann Rilke, unvergleichlich, doch, mehr und mehr, aus den Elegien, die sicher so heißen, weil sie sich sehr schön ans alte Versmaß anlehnen, denn eigentlich könnten natürlich eine Menge der Orpheus-Sonette, ich habe daraus ja zitiert, ebenso gut Elegien heißen, etwa dieses vorvorletzte Stück aus dem ersten Teil, das losgeht:
Sollen wir unsere uralte Freundschaft, die großen
niemals werbenden Götter, weil sie der harte
Stahl, den wir streng erzogen, nicht kennt,
verstoßen ...
Diese gewaltigen Freunde, die uns die Toten
nehmen
Rilke: eine Bemerkung noch wegen seines in dieser Anthologie so spürbaren enormen Einflusses, bis in unsre Tage. Botho Strauß zum Beispiel, von dem diese Anthologie ein langes Gedicht enthält, schreibt darin, ich reiße das natürlich aus dem Zusammenhang heraus:
Sind wir nicht Aufklärer in des Dunklen Pflege?
- und egal jetzt, ob wir solche Aufklärer nun sind oder nicht: Hier geht es um den vorangestellten Genitiv, des Dunklen Pflege. Nämlich in der gesamten elegischen deutschen Dichtung, soweit sie den hohen Ton hat, und das hat sie wahnsinnig oft, gerade bei Pathetikern wie Broch etwa (von den noch viel schlechteren Lyrikern, von deren Gedichten dieses Buch leider übervoll ist, will ich schweigen), überall ist dieser elend vorangestellte Genitiv eigentlich das, was solche Verse dann von schlichter Prosa unterscheiden soll und dies natürlich auch tut. Gleich danach benutzt Strauß den hohen gnomischen Ton, den der rätselvollen wohl- und tief klingenden Wahrwörter wie von weit her, mindestens aber von Hölderlin:
Ruhe ist nirgends im All außer im lichten
Bewusstsein
des Menschen.
Stille des Seins ...
und so fort, was ja nun wirklich nicht etwa eine sehr gewagte, sondern einfach eine x-beliebige Behauptung ist, leicht ließen sich da Dutzende andrer dichten, und dann versetzt sich Strauß ganz in Rilke hinein und schreibt, als zitierte er ein paar irgendwo nachgelassene Verse: Immer gilt es, unsere Ruhe rein und bereit zu halten ... nun ja, das ist noch nicht so ganz gelungen rilkisch, aber jetzt: ... und ein geordneter Aufstieg zu sein - also natürlich, Rilke selbst würde protestieren, aber für einen, der ihn nicht versteht, ist das eben elegisch im Sinne Rilkes.
Aber wie hat Rilke selbst das nun eigentlich gemacht? Hier ein Stückchen aus der siebenten Elegie, Görner druckt sie ab:
Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer
geringer
schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes
Haus war,
schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu
Erdenklichem
völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.
Oder ein Stückchen noch aus der von Görner ebenfalls zitierten zehnten Elegie:
Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der Älteren eine,
der Klagen,
nimmt sich des Jünglings an, wenn er fragt: - Wir
waren,
sagt sie, ein Großes Geschlecht, einmal, wir Klagen.
Die Väter
trieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei
Menschen
findest du manchmal ein Stück geschliffenes Ur-Leid
oder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn.
Ja, das stammte von dort. Einst waren wir reich.
Das ist eine völlig einfach hinredende Sprache, nur oft ist etwas noch nicht so ganz Ausgedrücktes dabei, die Sprache stockt, etwas Neues kommt: nicht durchweg vielleicht Gelungenes, jedenfalls soweit wir das bisher erkennen können, aber das Wagnis wird deutlich, das Rilke da eingehen musste. Bei Strauß und andern Epigonen (jedenfalls das Lyrische angehend bei Strauß) wird etwas schon völlig Begriffenes nur noch einmal gesagt, und zwar mit sozusagen aufgeladener Bedeutung, die einen andern Ton zu erfordern scheint: den man sich eben wie aus dem Regal nimmt.
Manchmal ist, in aller Konvention, eine Empfindung, etwa also der Schmerz hier im elegischen Feld, so groß und wahr, dass sie sich gewissermaßen überstürzt. Ich erinnere mich, dass ich vor grausam vielen Jahren bei Carossa nur diesen Schmerz gehört habe, noch nicht das Vergriffene des Tons, das nicht Gekonnte, erst jetzt kann ich nur unter großer Beklommenheit weiterlesen, wie hoffend, dass mir keiner über die Schulter sieht, wenn sein Klagegedicht, die so genannte Abendländische Elegie, mit diesem so übergroßen Kalauer anfängt, dass man ihn fast nicht sieht (etwa, wie man das Zuckerbäckerhafte an einem Wolkenkratzer leicht übersehen kann):
Wird Abend über uns, o Abendland?
Ja, wessen Auge würde da nicht lieber trocken bleiben? Baermann-Steiner dann auch im hohen Ton, schwer erträglich, Yvan Goll macht es nun tatsächlich nicht unter Hiob, Hesse, nun ja, Rudolf Alexander Schröder, dito. Aber dann, im ganz hohen Ton, Lernet-Holenia, mit einem überlangen Gedicht, betitelt Germanien, Inhalt: gewaltige Klage über das, was Deutschland aus sich gemacht hat. Es gibt mehrere solcher Klagen, aber dieses Klagen ist doch ein bisschen sehr wohlfeil, und ich geniere mich, wenn ich unsre Dichter sich beklagen höre über das entsetzliche Leid, das doch hauptsächlich wir den andern gebracht haben, oder war das gar nicht so? Sind wir etwa die Beklagenswerten, weil wir so übel waren, wir, die wir einst so gut gewesen zu scheinen? Sind wir beklagenswert, weil wir durch unsre Schandtaten das Land zugrunde gerichtet hatten?
Und dann noch, technisch jetzt, Räsonnements, wie sie im Barock einmal schön waren, wenn etwa Paul Fleming über die Zeit nachdenkt:
Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich.
Dies kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich.
Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen.
Doch aber muss der Mensch, wenn sie noch
bleibet, weichen.
Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit,
Nur daß ihr weniger noch als was die Zeit ist seid.
- Räsonnements, die jetzt aber, bei Lernet-Holenia, zu bloßer Routine verkommen sind, zu Blödelei fast, ungewollter:
... Zwar
kommt alles, was noch ist, von dem, was war,
und alles Kommende von dem, was ist,
und alles kehrt einst wieder, aber nicht
als gleiches, sondern wie ihr selber seid
und nicht mehr seid, was ihr gewesen, wird
auch, was noch sein wird, sein und nie mehr sein ...
- und so fort: Das hat keinen Sinn mehr und kaum Verstand. Und dann, unmittelbar anschließend, ist Celans Todesfuge abgedruckt, und daran unmittelbar anschließend ein doch schon wieder recht gottesfroh klingendes Klagelied von Elisabeth Langgässer aus ihrer Kölnischen Elegie (schade, dass dagegen Gertrud Kolmar so überaus schwach vertreten ist). Nichts gegen Gott und die Seinen, wirklich nicht, vor allem jetzt kurz vor Weihnachten nicht, darum geht es hier ja auch nicht; nur kann, wenn ich so sagen darf, Celans Gedicht zwischen Lernet-Holenia und der Langgässer nicht eigentlich atmen, das ist es.
Selbst das aber würde ich kaum, jedenfalls kaum als Einwand, sagen, wenn wir Celans Gedicht nicht in ganz anderer Nachbarschaft schon gesehn hätten, nämlich in Hans Hartungs Luftfracht, jener großen Anthologie internationaler Poesie aus dem Jahre 91, das war 30 Jahre nach Enzensbergers fast schon legendärem Museum der modernen Poesie. Bei Hartung steht Celans Gedicht zwischen einem Gedicht von Senghor, aus dem Senegal, und einem Gedicht von Weißglas, einem Schulkameraden Celans, dann folgt ein Gedicht von Nelly Sachs (O die Schornsteine / auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes ...), vor dem Gedicht Senghors steht ein kleines Gedicht von René Char - und jetzt lebt Celans Gedicht, es begreift sich, so möchte man das sagen; fast begreift es sich besser als wir's ohne diese Zusammenhänge begreifen würden.
In gewisser Hinsicht kann unser Anthologist Görner nichts dafür, er hat keinen Senghor, keinen Char; nur: Warum hat er sie nicht? Natürlich, er macht eine Anthologie deutscher Gedichte. Nur: warum eigentlich? Ich glaube, wenn diese großen internationalen Anthologien, Enzensbergers von damals, Hartungs von neulich, eines gezeigt haben, dann dies: Wie wenig vernünftig, und außerdem, wie absolut unnötig es ist, wie sinnlos im Grunde, eine Anthologie in diesem Falle auf deutsche Gedichte zu beschränken (wobei ich für jetzt ganz von der angedeuteten Peinlichkeit absehe, dass ausgerechnet wir die großen Klagenden sein sollen über dieses Jahrhundert). Wie man allein schon an Celans Nachbarschaften sieht, gibt es im Grunde so wenig so etwas wie Deutsche Elegien, dass die bloße Idee davon der zugrunde liegenden, an sich nicht verkehrten Idee, Klagen des Jahrhunderts zu sammeln, fast ihre ganze Wahrheit nimmt.
Manches ließe sich noch sagen, etwa über Jürgen Becker, in dessen etwa 350. Vers es endlich nicht mehr regnet, sodass er jetzt Holz sägen gehn kann, Zeit war es schon längst dazu geworden.
Nun noch etwas Schönes, etwas Gutes jetzt, ich will auch das Versprechen einlösen, das ich oben bei dem Gedicht über Wegeners Grab gegeben habe (es stammt von Albin Zollinger), Görners zweite Abteilung, 1927 bis 1943, etwas drollig "Unordnung und spätes Leid" überschrieben, hat einen Haufen wirklich mittelmäßiger bis schlechter Gedichte (Görner ist ein Genie im Aussuchen schlechter Verse), Karl Kraus, Klabund, Werfel, Stefan Zweig, Wolfskehl, Wildgans, Erich Mühsam - und dann, plötzlich (aus heiterm Himmel, möchte man sagen, wenn er's wäre), und als wäre dies der eigentliche Ertrag der ganzen Anthologie, und vielleicht ist er's ja, zwei, drei Wunder, Juwelen, leuchtend und schön, und eigenartig, und als hätten wir selbst die kleinen guten Sachen von Carossa oder von Konrad Weiß oder von vielen andern, Britting sogar, oder die wenigen guten Stücke von Weinheber (aber das sagt alles viel zu wenig, also: als hätten wir tausend Sachen, die wir einst liebten) niemals zu lesen brauchen, wenn wir gekannt hätten, was, innerhalb der ganz kurzen Jahre, die er nur hatte (aber nun ist er fast wie mitvergessen, eine Elegie geworden durch die Zeit, die auch Gedichte, ganze geliebte Poesien mitnimmt), dieser Albin Zollinger damals geschrieben hat, hier ein direkt Elegie betiteltes Gedicht von 1933:
Wenn ich sage, ich sitze und bin hier einsam,
so klag ichs im Ernste, nicht um mich zu schmücken.
Aber ihr kommt nicht!
Die Sonntage stehn still mit
hängenden Kränzen der Verträumung.
Und ihr lustwandelt in freundlichen Gewändern,
angebetete Menschen.
Aber wenn ich euch suche
ist euer Gruß wie ein Schild,
ein fremdes Land eure Sprache.
Ihr seid in den Abendröten, schön und golden und fern
und ich folge euch.
Aber ich dämmere nur wie euer Schatten.
Und geht das Licht
und geht ihr selber, ihr Süßen -
wohin soll ich mich wenden?
Unerhörte Klagen Deutsche Elegien des 20. Jahrhunderts; hrsg. von Rüdiger Görner; Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2000; 250 S., 39,80 DM
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