R O M A N Ein kalter Romantiker
Über Gustave Flaubert und "Die Erziehung der Gefühle"
Es gibt Texte der literarischen Prosa, die nie etwas von ihrer Kraft zu verlieren scheinen. Egal, wie oft man sie schon gelesen hat, bei jeder Lektüre entfalten sie ihren Zauber aufs Neue. Allzu viele sind es nicht, jeder Leser hat seinen eigenen Kanon, aber gewiss gehören dazu: Tschechows Dame mit dem Hündchen, jene Passage aus Prousts Recherche, als Marcel zum ersten Mal den Mädchen am Strand von Balbec begegnet, der Anfang von Camus' Der Fremde, Flauberts Ein schlichtes Herz und eben auch und vor allem dessen L'Éducation sentimentale.
Man liest und staunt und fragt sich: Wie ist das nur gemacht? Weder eine Analyse des Inhalts noch eine des Stils will das Geheimnis preisgeben, und so bleibt zu vermuten, dass all diesen Herzenstexten etwas eignet, was Franz Fühmann in seinem gleichnamigen großen Essay einmal "Das mythische Element in der Literatur" genannt hat: Eine Erfahrung und eine Form finden so glücklich zusammen, dass wir sie künftig nur noch als untrennbare Einheit denken können.
Als Gustave Flaubert am 12. Dezember 1821 im Krankenhaus von Rouen geboren wurde, schüttelte Frankreich soeben mit dem napoleonischen Größenwahn auch die Errungenschaften der Revolution ab. Als er am 8. Mai 1880 in seinem Haus in Croisset an einem Schlaganfall starb, war erstmals, fast 90 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, ein Republikaner zum Präsidenten der Republik gewählt worden.
Dazwischen lag jene lange wechselvolle Phase, in der das Bürgertum seine Macht mit allen Mitteln - friedlichen wie blutigen, legalen wie kriminellen - zu konsolidieren suchte, in der es aber auch einsehen musste, dass ihm große Gesten nicht sonderlich gut stehen. Diese Einsicht war schmerzlich, denn selbst jener, der um die Profanität seiner Bedürfnisse weiß, würde sie doch allzu gerne im Gewand eines Helden befriedigen. Wo aber die Produktion von immer mehr Reichtum das einzige Ziel ist, wird jede Moral, jedes Ideal, jede Tugend zur auswechselbaren Staffage. Der Bürger imitiert den Grafen, die Bankiersgattin gibt sich verworfen wie eine Kurtisane, um endlich doch zur Frömmlerin zu werden, und die Heranwachsenden wechseln ihre Träume wie die Zeit ihre Geister. Alles scheint sich zu drehen, man taumelt beim Tanz, wenn schon nicht durch die Klassen, dann wenigstens über die Partys, und zappelt, um die Fesseln seiner Herkunft oder immerhin die Langeweile loszuwerden. Am Ende aber fällt mit den Schutzzöllen auch die Treuepflicht in der Ehe, und das Individuum, eben noch stolz auf seine frisch gewonnene Selbstbestimmung, steht da: frei, aufgeklärt und gerade so viel wert wie sein Bankkonto.
Aus großen Leidenschaften wurden mickrige Begierden
Als im Jahr 1856 Flauberts Madame Bovary erschien, war die transformation de Paris in vollem Gange. Haussmann "schlitzte", wie er selbst es nannte, "dem alten Paris, dem Quartier der Aufstände und der Barrikaden den Bauch auf", und die Arbeiter bekamen Lohn dafür, dass sie ihre alten Viertel abrissen, die Straßen zu Boulevards verbreiterten und sich damit selbst aus der Stadt vertrieben. In dieser Atmosphäre, da alles möglich und käuflich schien, reagierte man empört auf den Roman einer provinziellen Ehebrecherin. Empört und entzückt - und beides aus demselben Grund.
Der Autor hatte eine kleine Episode aus dem wirklichen Leben zur Vorlage genommen und daraus etwas Unerhörtes gemacht. "Ich werde der Löwe der Woche werden", schrieb Flaubert an seinen Bruder Achille, "alle Weibsbilder von Rang reißen sich die Bovary aus den Händen, um Obszönitäten darin zu suchen, die sie nicht enthält." Man klagte ihn an - "Verstoß gegen die öffentliche Moral und die Religion" lautete der Vorwurf; er wurde freigesprochen. Und, wie es immer ist, der Skandal machte das Buch zum Erfolg.
Die eigentliche Sensation des Romans bestand jedoch darin, dass Flaubert der Sensation auswich. Denn hier hatte sich zum ersten Mal ein Autor einer trivialen Begebenheit angenommen, nicht etwa, um daraus kolportagehaftes Kapital zu schlagen, sondern um ebenso minuziös wie mitleidlos die Banalität des bürgerlichen Alltags zu zeigen und gleichzeitig noch dessen Kehrseite, die hochfliegenden romantischen Träume, zu decouvrieren. Es half nichts, dass Flaubert und seine intelligenteren Bewunderer immer wieder auf die literarischen Aspekte der Madame Bovary hinwiesen, für das Publikum blieb er der Chronist des Ehebruchs und damit ein Autor, von dem man Pikanterien erwartete.
Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Zunächst mit Salammbô, und mehr noch mit der Erziehung der Gefühle, dem Roman der enttäuschten Hoffnungen schlechthin. "Ich möchte die geistige Entwicklung der Männer meiner Generation darstellen, die gefühlsmäßige Entwicklung, müsste man genauer sagen ... Es ist ein Buch von Liebe und Leidenschaft, aber von heutiger, also passiver Leidenschaft", schreibt Flaubert an seine Brieffreundin Marie-Sophie Leroyer de Chantepie.
Frédéric Moreau, Student aus der Provinz, verliebt sich in Madame Arnoux, die Frau eines Pariser Kunsthändlers, und hofft mithilfe einer Erbschaft Karriere in der Hauptstadt machen zu können. Mit diesem einen Satz sind die drei Säulen benannt, zwischen denen sich das Leben des unheroischen Helden bewegt: Liebe, Geld, Kunst. Aber Frédéric ist ein ganz und gar unentschlossener, wankelmütiger Mensch. Bevor sich seine Wünsche noch erfüllen können, lässt er sie fallen und versinkt in Müßiggang und Träumerei. Indem Flaubert eine ganz und gar mittelmäßige Hauptfigur wählt ("Mittelmäßige Leute" hätte er das Buch fast genannt), schreibt er den am wenigsten mittelmäßigen Roman, der sich denken lässt.
Frédéric ist von allem ein bisschen, nichts richtig, und manchmal auch das Gegenteil. Während seine republikanischen Freunde über Politik und Kunst debattieren, schaut er aus dem Fenster. Wo ein anderer eine Niederlage zum Ansporn nimmt, will er sich umbringen; und kann sich doch auch dazu - "aus Erschöpfung" - nicht wirklich entschließen. Er hält sich so lange alle Möglichkeiten offen, bis er keine mehr hat. Denn als alles erreicht ist, ist auch alles zu Ende.
Nach 27 Jahren taucht die Angebetete von einst bei ihm auf und gesteht ihm ihre Liebe: "Als sie zurückkehrten, nahm Madame Arnoux den Hut ab. Die Lampe, die auf einer Konsole stand, beleuchtete ihr weißes Haar. Das war wie ein Stoß in die Brust. Um ihr die Enttäuschung zu verbergen, kniete er nieder, und ihre Hände fassend, begann er ihr Zärtlichkeiten zu sagen ... Auf dem Trottoir winkte Madame Arnoux eine vorüberkommende Droschke heran. Sie stieg ein. Der Wagen verschwand. Und das war alles."
Die Erziehung der Gefühle bezeichnet also keinen Prozess der Vervollkommnung, sondern einen der Abstumpfung, des Alterns. Und so endet dieses Buch mit der Erinnerung an einen Bordellbesuch und dem Satz: "Das ist doch das Beste, was wir erlebt haben!"
Die großen Leidenschaften erweisen sich als mickrige Begierden, die ehrgeizigen Träume schrumpfen zu hastiger Vorteilnahme. Verwunderung, ungläubiges Staunen entstehen nur dort, wo eine Handlung einmal nicht von Eigennutz diktiert ist. Wer liebt, macht sich lächerlich, vor allem aber verletzlich in diesem Kosmos der Verwertbarkeit. Und so gilt das Eingeständnis zu lieben als ein Zeichen von Schwäche, mehr noch, von Idiotie. Gefühle sind dazu da, verborgen oder bloß behauptet zu werden. Die Lüge wird so sehr zum Normalfall, dass selbst die Lügner sie nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden können: "Madame Dambreuse log weniger, als sie glaubte", heißt es an einer Stelle über jene Großbürgerin, deren Zuneigung zu gewinnen Frédéric günstig erscheint: "Er bediente sich der alten Liebe. Wie durch sie inspiriert, sagte er ihr alles, was Madame Arnoux ihn damals hatte fühlen lassen."
Als L'Éducation sentimentale 1869 erschien - das Second Empire schlitterte seinem Bankrott entgegen, alle Kredite waren verspielt, die Gesten der Empörung hatten sich erschöpft -, traf der Roman auf fast einhellige Ablehnung der führenden Rezensenten. Hatte bei Veröffentlichung von Madame Bovary der moralische Skandal noch den ästhetischen überdeckt, so formulierte die Kritik nun endlich ihre wahren, dem Werk Flauberts angemessenen Einwände. Man hielt dem Autor seinen "radikalen Materialismus" vor, dass er, wie d'Aurevilly schrieb, "das Atom aufbläht, den Elefanten dahintüpfelt", dass seinem Roman die Synthese, der erzählerische Bogen fehle und das Buch stattdessen mit Deskription befrachtet sei. Es waren die Gegner, nicht die wenigen Bewunderer dieser "Geschichte eines jungen Mannes", die am genauesten die Qualitäten der Arbeitsweise Flauberts beschrieben, indem sie diese als Makel verwarfen.
Die L'Éducation sentimentale bezeichnet zugleich den Höhe- und Endpunkt des bürgerlichen Romans. Danach, nein, mit diesem Buch beginnt die Moderne. Hier, sagt Marcel Proust in seinem Aufsatz von 1921, ist "die Revolution vollendet; was bis zu Flaubert Aktion war, wird Impression". Kaum je zuvor und selten danach ist so gründlich eine Erfahrung beschrieben worden, die man später als Entfremdung bezeichnet hat.
Aber Flaubert beklagt sie nicht, er zeigt sie, indem er sie in seine Schreibweise transportiert. Bei ihm sind es nicht die Figuren, die handeln, sondern die Dinge. Die Menschen, während sie noch glauben, Herren ihres Schicksals zu sein, werden gehandelt. Die Kausalitäten haben sich aufgelöst; nicht die Handlung schreitet fort, sondern die Zeit. Der einzige Erzählbogen dieses Romans, der keine Hierarchien kennt, ist ein natürlicher: das Altern. Der einzige Plot: das geschriebene Leben.
Es war ebenfalls Proust, der auf eine andere, geradezu geniale Erfindung in diesem Roman hinwies, auf die Auslassungen, jene blancs, die übergangslos das Geschehen von einer in eine andere Zeit springen lassen. Eben noch bekommen wir erschütternde Einzelheiten aus dem Alltag unseres Helden berichtet, dann endet das Kapitel, und ein neues beginnt: "Er reiste. Er lernte die Melancholie der großen Schiffe kennen, das kalte Erwachen im Zelt, den Rausch von Landschaften und Ruinen, die Bitterkeit abgebrochener Freundschaften. Er kehrte zurück. Er ging unter Menschen, hatte noch andere Liebeserlebnisse ... Jahre vergingen; und er litt unter der Untätigkeit seines Verstandes und der Trägheit seines Herzens."
Der Künstler muss genauso teilnahmslos sein wie Gott
In der Literaturgeschichte hält sich ein Bild Flauberts, an dem dieser mit großem Eifer selbst gearbeitet hat, nämlich das des kalten Stilisten. Der Künstler, so wiederholt er in zahllosen Briefen, müsse unparteiisch, teilnahmslos und unpersönlich sein wie ein Gott. "Jammern wir über nichts! Über alles klagen, was uns betrübt oder aufreizt, heißt über das Wesen des Daseins selbst klagen. Wir sind geschaffen, um es darzustellen, sonst nichts weiter. Machen wir das zur Religion." Und schon während der Arbeit an Madame Bovary hatte er bekundet, "ein Buch über nichts" schreiben zu wollen, "ein Buch ohne äußere Bezugspunkte, das nur durch die innere Kraft des Stils zusammengehalten würde". Und: "Ich will, dass es in meinem Buch keine einzige Bewegung oder Reflexion des Autors gibt."
Und doch ist auch das nur die halbe Wahrheit. Wenn Flaubert kalt gewesen sein sollte, dann nur im Sinne von Alfred Anderschs "kaltem Romantiker". Denn ebenso zahlreich wie die Belege für seine Stilbesessenheit sind jene für seine Erregbarkeit. "Als ich vorhin das Wort Nervenanfall schrieb", berichtet er in einem Brief an Louise Colet, "war ich so in Fahrt, ich habe so laut gebrüllt, ich habe so tief gefühlt, was meine kleine Frau empfand, dass ich selber Angst hatte, einen zu bekommen." Und an Ernest Feydeau: "Die Bürger ahnen nicht, dass wir ihnen unser Herz servieren." Wer ermessen möchte, wie hoch der Preis für Flauberts poetische Kaltblütigkeit war, möge noch einmal den wunderbaren Aufsatz Heinrich Manns aus dessen Sammlung Geist und Tat lesen.
In Abwandlung eines Wortes von Nabokov könnte man sagen: Nicht Flaubert ist berühmt, sondern Madame Bovary. Der Misserfolg seiner anderen Bücher hält bis heute an. Hoffen wir, dass sich das nun mit der ebenso schönen wie verdienstvollen Werkausgabe des Haffmans Verlages ändert. Dort ist soeben Die Erziehung der Gefühle in einer neuen Übersetzung von Cornelia Hasting erschienen, eine Übertragung, die nicht immer elegant klingt, die aber (vor allem im Satzbau) näher am Original bleibt als ihre Vorgänger. Und zum ersten Mal erhalten wir hier auf Deutsch die Auszüge aus Flauberts Notizbüchern, die sich auf Die Erziehung der Gefühle beziehen.
Wünschen wir dieser Ausgabe schon deshalb Erfolg, damit in der nächsten Auflage die Fehler getilgt und der schöne, für Flauberts Stil so ganz und gar typische dritte Absatz des Romans wieder eingefügt werden kann. Denn der ist aus unerfindlichen Gründen verschwunden.
Gustave Flaubert:Die Erziehung der Gefühle, Geschichte eines jungen Mannes Roman; aus dem Fanzösischen neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Cornelia Hasting; Haffmans Verlag, Zürich 2000; 607 S., 59,- DM
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