Was unterscheidet Menschen von Göttern? Nicht, dass die Letzteren ewig, unsterblich wären. Ihr Sterben zieht sich nur länger hin. Aber dann kommt auch für sie die Stunde, in der man endgültig von ihnen Abschied nimmt. Und in den zum letzten Mal vollen Tempeln oder Kirchen stimmen die hinterbliebenen Menschen ihren Abgesang an.

Manchmal mischen sich auch solche unter die Trauergemeinde, die eigentlich nicht dahingehören, "toll" gewordene Menschen, "bleiche Verbrecher", die das Ihrige zum Tod der Götter beigetragen haben. Ja, es kommt vor, dass sie sich noch am Sarg eines toten Gottes als Gottesmörder bekennen. Die Vermutung mag dann nahe liegen, dass sie in einer besonders inständigen Beziehung zu dem Hingeschiedenen gestanden haben. Andere aber nehmen nicht einmal mehr an der Beerdigung selbst teil, höchstens, dass sie noch einen Nachruf schreiben, in dem der Geschichte des nun toten Gottes gedacht wird, der Geschichte einer Agonie und besonders der Rolle jener, ohne die der Gott wenigstens etwas unsterblicher gewesen wäre ...

Vierzig Jahre liegen zwischen der Verkündigung des Gottestodes durch Friedrich Nietzsches "tollen Menschen" und Fritz Mauthners vierbändigem Opus magnum Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande (1920-1923). Während der seiner Herkunft entlaufene "kleine Pastor" Nietzsche aber als leibhaftiger Antichrist und Stifter einer atheistischen Gegenkirche noch seine alt-neuen Bannflüche schleudern muss, kann Mauthner sich mit der Rolle des Atheismushistorikers begnügen, der nur noch den Totenschein auszustellen hat. Nietzsche kämpft noch, tötet, mordet den Gott - Mauthner stellt die Diagnose seines geschichtlichen Endes. Er ist der Thanatologe des toten Gottes, Historisierung ist die zeitgemäße Form der Todesanzeige.

Weitere vierzig Jahre freilich dauert es, bis der DDR-Historiker Hermann Ley seine Geschichte der Aufklärung und des Atheismus (begonnen 1966) mit deutsch-demokratischer Gründlichkeit und dem Fortschrittsbewusstsein der "ecclesia militans et triumphans" des aufgeklärten Materialismus auf nicht weniger als neun Bände bringen kann. Und selbst die sind noch ein Fragment: Das Projekt gedeiht nur bis zum Testament des Abbé Meslier und Rousseau. Dann wird der Abbruch durch das Ende der DDR erzwungen. Auch der reale Sozialismus ist tot.

Wiederum viele Jahre hat es gedauert, bis jetzt der französische Historiker Georges Minois seine Geschichte des Atheismus mit dem Beginn eines "postatheistischen" Zeitalters beendet, das nicht etwa ein theistisch restauriertes ist, sondern von den alten Kämpfen nichts mehr weiß.Kurzum: Erst wenn die Götter so tot sind, dass auch ihre Gegner kaum noch leben, ist die Stunde der Historiker wirklich gekommen. Hegels nur scheinbar so vertraute "Eule der Minerva", diese Spezialistin für Götterdämmerungen, beginnt, recht besehen, nicht schon bei einbrechender Dämmerung, sondern erst bei vollendeter Dunkelheit ihren Flug.

Minois nennt Mauthners Riesenwerk, das nach einem längst vergriffenen Neudruck 1989, in dem der Druckfehlerteufel eine wahre Satanokratie errichtet hatte, dringend einer zuverlässigen Neuausgabe harrt, das "vollständigste". Diese honorige Einschätzung ist trotz einiger Lücken bei Mauthner zutreffend. In wie viele Winkel leuchtet er hinein! Wie viele längst vergessene Autoren hat er wieder entdeckt!

Aber Minois, der mit einer Fiktionsgeschichte der Hölle und einer Geschichte des Selbstmords vorgearbeitet hat, kann die neuere Forschung nutzen, vor allem die französische Sozialhistorie der letzten Jahrzehnte. Über die Geschichte des französischen Atheismus zumal war noch nie so viel so gründlich zu erfahren, und zwar nicht nur über die "theoretischen Atheisten", sondern auch über die "praktischen", über die klugen und "coolen" Libertins der Städte ebenso wie über trotzige Bauern.