Gab es ihn oder gab es ihn nicht, den umstrittenen deutschen Sonderweg?

Eine Umfrage unter deutschen Historikern würde vermutlich zu einem negativen Ergebnis führen. Da es in der Geschichte keinen Normalweg gibt, so lautet die gängige Antwort, ist es sinnlos, irgendeinem Land einen Sonderweg zuzuschreiben. Allenfalls könnte man alle Geschichte als eine Geschichte von Sonderwegen bezeichnen.

Dennoch geht es dem Begriff des deutschen Sonderwegs wie der Natur bei Horaz: Man versucht ihn mit der Heugabel auszutreiben, und er kehrt doch immer wieder zurück. Deutsche Gelehrte, Schriftsteller und Publizisten, die vor 1945 von einem besonderen deutschen Weg sprachen, meinten das in der Regel positiv, im Sinne einer deutschen Sendung, deren Eigenart uns noch beschäftigen wird. Nach 1945 setzte sich, vorbereitet von Autoren des deutschen Exils, eine andere, kritische Deutung des deutschen Sonderwegs durch. Die "deutsche Katastrophe", von der Friedrich Meinecke 1946 im Rückblick auf die Herrschaft des Nationalsozialismus sprach, erschien nun als Folge einer historischen Abweichung Deutschlands vom Westen, wobei der Begriff "Westen" für die universale Geltung der Menschenrechte und für Demokratie stand.

Die Machtübertragung an Hitler, ein Gemeinschaftswerk von "nationalen" Massen und "nationalen" Machteliten, war weder ein unvermeidbares Ergebnis der Staatskrise der Jahre 1930 bis 1933 noch ein zufälliges Ereignis. Der 30.

Januar 1933 hat eine Vorgeschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Einen Strang dieser Vorgeschichte hat Hitler selbst aufgedeckt.

In der Nacht vom 17. zum 18. Dezember 1941 bemühte er sich im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze bei Rastenburg um eine historische Einordnung der "Machtergreifung": "Ich sagte mir, das Jahr 1933 ist nichts anderes als die Erneuerung eines tausendjährigen Zustandes. Der Begriff des Reiches war damals fast ausgerottet, aber er hat sich heute siegreich durchgesetzt bei uns und in der Welt: Man spricht von Deutschland überall nur als vom Reich."

Die fatale Wiederkehr der Reichsidee nach Versailles