Auf der weißen Leinwand erscheint ein geflügelter Bote. Etwas gerupft schaut er aus, als wäre er eben noch einmal davongekommen. Nach einer langen Reise durch die Finsternis setzt er zur Landung an, endlich. Das weiße Tuch fährt empor und gibt die Bühne frei.

Da steht er nun, leibhaftig und in eiliger Mission. Dringlich ist sein Anliegen, er hat unfrohe Kunde aus Österreich mitgebracht. Alle sollen sie hören, die Lage ist ernst

wer immer noch nicht versteht, der wird an diesem Abend verstehen. Noch immer sind nicht alle - überall - alarmiert. Der rastlose Engel muss weiter, die Ahnungslosen zu suchen. Er entschwindet, kaum dass er sein Päckchen abgeladen hat, wieder himmelwärts - und hinterlässt uns Das Lebewohl, einen Haider-Monolog, Elfriede Jelineks Antwort auf die Regierungsbildung von FPÖ und ÖVP.

Das Spiel kann beginnen. 13 Gestalten stürmen die Bühne des Berliner Ensembles. Wild schwenken sie ihre blau-schwarzen Fahnen. Parteitag und Prozession, Alpenland in Haiderhand. Ein farbenfroher Spuk ist das, männerbündisch, alt und jung, grau und blond im Sieg vereint: "Das Land gehört uns, nach langer glücklicher Reise, da wir pflügten durch das, was da nutzlos gebrüllt vor unseren Bug. Der Zorn der Schreiber, ihr Gift hielt uns nicht auf." Ein vor Zuversicht schwitzendes Kollektiv nimmt die Heimat in Besitz. Keine Ewiggestrigen, nicht nur jedenfalls, sondern zeitgemäße, vor allem sportliche Charaktermasken sind hier zugang. Allzeit gewaltbereit, trainieren sie in der sterilen Alpenkulisse - blauer Himmel, weiße Berge, grüne Täler - wie in einer Sporthalle. Die Botschaft ist klar, ein Dreisatz der Gewissheit: Österreich ist ein großes Fitnesscenter

Sportler sind Krieger

Österreich treibt in die totale Mobilmachung. Patriarchal-brutal: Das Land ist eine Frau, die genommen werden will!

Die Regisseurin Ulrike Ottinger hat Jelineks Monolog auf 13 Figuren verteilt.