O doch, es gibt noch feinfühlige Kultur-Menschen in Deutschland. Ausgerechnet am 109. Todestag seines Urahns Heinrich von Kleist, am 21. November, hat ein ahnungsloser Herr von Kleist-Retzow, Vorsitzender des Kleist-Museums-Vereins, die Chuzpe, einen international angesehenen Wissenschaftler zu entlassen.

Eben hat der seit fünf Jahren amtierende Direktor das Kleist-Museum umgekrempelt zu einer anerkannten Forschungsanstalt, umgebaut zu einem der schönsten Literatur-Museen in Europa (ZEIT Nr. 43/00) - da stellen ihm seine Oberen den Stuhl vor die Tür. Ja, Hans-Jochen Marquardt, aus Pretoria an die Oder gekommen, war unruhiger als die im DDR-Trott vor sich hin werkelnden Mitarbeiter eines verschlafenen Museums. Das wurde ihm mit Dienst nach Vorschrift gedankt. "Kleist-Stadt" wagt sich im Poststempel eine Gemeinde zu nennen, die in diesem Jahr ihr einziges - das "Kleist"-Theater - zu schließen den selbstmörderischen Mut hatte. Wie Marquardt ist es schon so manchem ergangen in dieser dumpfen Stadt. Konnte sich nicht schon Kleist nur durch Flucht retten? Selbst die alte SED-Postille Neues Deutschland fühlt sich an den "Tiefschlaf" der DDR erinnert. Dass Wissenschaftler aus aller Welt gegen eine politisch unkluge, unwissenschaftliche - unmenschliche - Entscheidung protestieren, stört Kleist-Kleinstkrämer nicht.