Zlatko, der fröhliche Automechaniker aus der Big-Brother-Show und Schrecken aller Kulturkritiker, schien mit seinen Liedern und Auftritten ein massenhaftes Recht auf Unbildung gleichzeitig einzuklagen und als erfolgreich Eingeklagtes auch schon zu feiern. Seht, so wollten seine Promoter uns bedeuten, wie schön und ganz bei sich selbst der Mensch ist, der von Shakespeare nichts weiß.

Das Fernsehen, das diese Botschaft für uns vor ein paar Monaten organisierte, triumphiert derzeit jedoch mit ihrem genauen Gegenteil. Günter Jauchs Ratespiel inszeniert geradezu antithetisch eine Feier populärer Gelehrsamkeit alle, alle machen mit und berauschen sich an der Suche nach entlegenen und entlegensten Begriffen. Wer immer dem Fernsehen eine Neigung zur Entsublimierung, zu Körperkult und verdinglichter Erotik übellaunig nachsagen wollte, müsste sich eines Besseren belehrt fühlen. Hier erleben wir das Drama des Wissens und Nichtwissens, die Bergsteigerei ins Zerklüftete und Unwegsame des gewaltig angehäuften Zivilisationsbesitzes, und siehe da, diese Kletterer, die nicht mit Muskeln protzen können und keine Tätowierungen zeigen, erregen uns genauso mit ihren höchst unkörperlichen, nämlich geistigen Fähigkeiten.

Es stimmt ja gar nicht, dass Bildung außer Kurs zu geraten droht hier zahlt sie sich in barer Münze aus, und das geistige Selbstvertrauen ist der Einsatz in dem Glücksspiel, das nicht zufällig so heißt. Denn ein Spiel ist es, was auch darauf verweist, dass Geistmenschentum spielerisch, anmutig und leicht sein kann und nichts übellaunig Vermickertes haben muss. Zugleich zeigt es, dass nicht nur ein Aktienpaket oder stumpfer Gewerbefleiß zum Glück führen, sondern auch die hellwache Lektüre vielbändiger Konversationslexika.

Letzteres ist vielleicht das Einzige, das sich an dem Spektakel beklagen lässt: dass es dann doch ein ziemlich ungeordnetes, seriell und zufällig ins Spiel gebrachtes Wissen vorführt. Es geht nicht um Zusammenhänge und Hierarchien. Aber ist nicht auch dies lehrreich und ehrlich? Nebeneinander in unserer Gesellschaft, dann aber auch urplötzlich seltsam verzahnt, begegnen uns Details aus allen Wissensgebieten, die moralische Aporie neben der elektrischen Zahnbürste, die juristische Kniffligkeit neben dem Gummihammer zum Ausbeulen von Autoblechen. Unser Leben ist kompliziert geworden, aber die Menschen haben Freude daran. Mit jeder neuen Technologie eröffnet sich ein neues Wissensgebiet und mit jedem Wissensgebiet eine neue Gewinnchance! Das Labyrinth ist groß, es wächst, aber mit ihm wächst auch das Glück der Ecken, um die man biegen kann.

Darum auch zeugt die fortschrittsfeindliche Mäkelei der Intellektuellen, dass sie sich mit Recht als solche nicht bezeichnen dürfen: Sie sind es, die sich verbunkern, nichts lernen wollen, bei Günter Jauch blöd herumstehen würden und einen Hauptgewinn niemals aus unserer fröhlichen, sportiven und durch und durch humanen Wissensgesellschaft ziehen können. Fortbildung statt Kulturpessimismus, das ist die Losung, die dem Verdrossenen aus jeder Sendung entgegenschallt. Möge er sie doch aufnehmen und mit dem Geschimpfe auf das Fernsehen aufhören! Es ist kein Ruin der Aufklärung, der dort betrieben wird, es ist die Aufklärung selbst, die sich in den Studios anmutig und gut gelaunt vollzieht.

(B) Innovation Das Ratespiel Wer wird Millionär? imitiert die Gesellschaft der Gesellschaft. Es macht die unendliche Komplexität sozialer Systeme auch für das Normalindividuum fassbar. Es erzeugt die Illusion, es gebe in sozialen Systemen Alternativen und Wahlmöglichkeiten: Wer keine Wahl mehr hat, darf raten. Typisch für diese operative Fiktion ist die Frage des Moderators, ob ein "Autopilot" oder ein "Autist" Flugzeuge steuert. Die Frage suggeriert dem Teilnehmer eine Alternative, die es als Individuum nicht mehr besitzt.

Faktisch funktioniert in der Wirklichkeit sozialer Systeme das Individuum nämlich längst als autistischer Autopilot, der seinen künstlichen Horizont mit der Illusion beleuchtet, er könne frei wählen. In Wirklichkeit bleibt dem Individuum nichts anderes als die freie Entscheidung, sich für die Anpassung seines psychischen Systems (vulgo: "Seele") an das soziale System zu entscheiden.