Größe hat ihren Preis. Zumindest solange es noch Kartellwächter gibt, die die Fahne des Wettbewerbs hochhalten. Obwohl Bundeswirtschaftsminister Werner Müller ihre Bedenken für einen "schlechten Witz" hielt, wollten deutsche und europäische Wettbewerbshüter die geplanten Fusionen des Stromgiganten RWE mit VEW sowie zwischen PreussenElektra (Veba) und Bayernwerk (Viag) nicht einfach akzeptieren. Weil das entstehende Duopol rund drei Viertel der Stromerzeugung kontrollieren würde, sich gegenseitig nicht weh tun und den vor nicht einmal drei Jahren erst liberalisierten Strommarkt "weitgehend vom Wettbewerb abschotten" würde, verdonnerten sie die Konzerne zu Auflagen: Dazu zählt der Rückzug aus der ostdeutschen Veag, die zu mehr als 80 Prozent RWE und dem aus Veba und Viag neu entstandenen E.on-Konzern gehört. Durch den verordneten Verkauf sollte ein unabhängiger Stromkonzern heranwachsen - im Kern bestehend aus der Veag und der Laubag, die ebenfalls den Veag-Eigentümern gehört. Die Braunkohle der Laubag verstromt die Veag, und so entstünde eine neue "aktive Kraft", hoffen die Kartellwächter.

Mit ihrer Auflage lösten die Aufseher eine neue Runde im mittlerweile internationalen Strommonopoly aus. Das Fusionsfieber grassiert in der Branche, seit hierzulande Ende April 1998 die staatlich geschützten Versorgungsmonopole fielen. Seitdem sucht jeder der insgesamt rund 500 Stromerzeuger, die meisten davon lokale und regionale Versorger, sein Heil in Kooperationen und Fusionen. Weil Deutschland der größte europäische Strommarkt ist, mischen im elektrischen Monopoly freilich auch ausländische E-Werke heftig mit: Europas größter Stromkonzern, die französische EdF, steigt bei Deutschlands Nummer 3, der Energie Baden-Württemberg (EnBW), ein

der schwedische Staatskonzern Vattenfall, Europas Nummer 5, wird Mehrheitsaktionär bei der HEW.

Mit der Auflage an RWE und E.on, sich von der Veag zu trennen, stand plötzlich die Nummer 4 der hiesigen Stromkonzerne auf einer Verkaufsliste.

Kein Wunder, dass ein Hauen und Stechen um die künftige Eigentümerschaft losbrach. Der erzwungene Eigentumswechsel wurde nicht unkomplizierter dadurch, dass auch die Politik Mitspracherechte reklamiert - verbrieft in geheimen Verträgen, auf die sich die Treuhandanstalt 1994 bei der Privatisierung des Erbes der ostdeutschen Stromwirtschaft mit den westdeutschen Energiekonzernen einigte. Noch unübersichtlicher wurde die Lage, weil sich die Wessi-Konzerne laut Kartell-Auflage auch von ihren Anteilen am fußlahmen Berliner Versorger Bewag trennen müssen. Käme es nicht zu einer "großen" Lösung - Bewag und Veag in einer neuen Hand -, fürchten die Berliner wohl zu Recht, im Stromwettbewerb isoliert zu werden und auf der Strecke zu bleiben.

Mitte dieser Woche lief die Frist für den Verkauf der Anteile ab und damit für "eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen in der Energiepolitik", wie der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Michael Müller, sagt. Gepokert wurde bis zum Schluss - und selbst die längst zu erbitterten Konkurrenten gewordenen, freilich in einer Zwangsgemeinschaft vereinten Unterhändler von E.on und RWE waren nicht vor Überraschungen sicher. Mal schien alles auf den an der Veag interessierten amerikanischen Konzern Southern Energy zuzulaufen, dann wieder lag der schwedische Versorger Vattenfall vorn. Urplötzlich zog jemand die "spanische Karte" - den Tausch der Veag-Kraftwerke gegen Stromfabriken der zwei fusionswilligen spanischen Unternehmen Endesa und Iberdrola

dann wieder wurde sie ebenso schnell wieder fallen gelassen. An den Veag-Beschäftigten, vom Vorstandschef bis zum Betriebsrat, lief das Pokern und Feilschen weitgehend vorbei. Am Ende (kurz vor Redaktionsschluss) deutete sich gleichwohl eine Lösung an, die sich die Veag-Mannschaft gewünscht hatte: "Ihr" Unternehmen geht an Vattenfall/HEW.