Viele Sorgen ihres Landes führen Inder auf die Sünden ihrer ehemaligen britischen Herren zurück: Nach der uralten Machtformel aller Imperialisten hätten sie geteilt und geherrscht, Hindus, Muslime und Sikhs so aufeinander gehetzt, dass die Nachfolgestaaten ihres Kolonialreichs bis heute keinen Frieden finden, die gewachsenen bäuerlichen und handwerklichen Strukturen zur bequemeren Ausbeutung des Landes zerstört und das fast überwundene Kastenwesen wiederbelebt.

Dagegen sehen konservative Briten den Imperialismus immer noch so, wie Rudyard Kipling ihn vor hundert Jahren in hymnischen Versen feierte: als Die Last des weißen Mannes, als selbstlosen Opfergang zum Wohl der "dumpfen Völker". Es sei doch die Londoner East India Company gewesen, die den Bewohnern des Subkontinents die Pax Britannica schenkte und ihnen Naturwissenschaften und westliches Nützlichkeitsdenken beibrachte. Zwar sei richtig, dass Inder lange vor den Europäern die Zahl Null und das Schachspiel kannten und auch in Literatur, Kunst und Philosophie Hübsches leisteten, aber nur, weil die Kompanie Schulen mit englischem Lehrplan gründete, säßen sie heute vor Computern statt vor Schachbrettern.

Nun war das Bildungsprogramm der Ostindischen Kompanie alles andere als eine zum Wohl der Inder geschulterte "Last des weißen Mannes". Initiator war der Historiker Thomas B. Macaulay, von 1834 bis 1838 Mitglied im Obersten Rat der Kompanie in Kalkutta, ein Utilitarist, der Inder eigentlich für "Wilde"(savages) hielt, aber eben doch für nützliche. Daher verlangte er, "eine Klasse zu bilden, die Dolmetscher zwischen uns und den Millionen sein kann, die wir beherrschen, indisch in Blut und Hautfarbe, aber englisch in Geschmack, Denken, Moral und Intellekt". Die Kaufleute hatten sich überfressen. Ihr zusammengeraubtes Großreich war nur noch mithilfe einer loyalen einheimischen Oberschicht regierbar.

Dabei war die Londoner Kompanie einst nur als Spätstarter und krasser Außenseiter in das Wettsegeln der Europäer nach "Ostindien" gegangen. Während des ganzen 16. Jahrhunderts mussten Engländer und Niederländer zusehen, wie Spanier und Portugiesen die neuen Weltgegenden plünderten, die sie sich 1494 im Vertrag von Tordesillas geteilt hatten. Dabei war "Westindien" an Spanien, "Ostindien", der gewaltige Raum zwischen Afrika und den Molukken, an Portugal gefallen. Erst nachdem sich die sieben niederländischen Nordprovinzen 1581 von spanisch-katholischer Herrschaft befreit und Stürme und englische Breitseiten die Armada Philipps II. 1588 aus dem Ärmelkanal geblasen hatten, war der Weg frei.

Die Händler an der Themse galten als arme Schlucker im Vergleich zu den Niederländern. Während diese schon daran gingen, Portugals ostindische Stützpunkte zu erobern, kratzten die Londoner noch ihr Anfangskapital zusammen, und als sie endlich vier kleine Schiffe kaufen und ausrüsten konnten, durften sie immer noch nicht segeln, weil ihnen ihre Königin das nötige Privileg zunächst verweigerte.

Elisabeth I. steckte in einem Dilemma. Sollte der Ostindienhandel ihrer Untertanen Gewinne bringen, stünde ihr ein saftiger Anteil zu, und Geld brauchte sie dringend. Frieden brauchte sie aber auch. Seit 1580 regierten die Könige von Spanien auch über Portugal. Ließ sie ihre Untertanen in deren indisches Reich segeln, waren Konflikte nicht zu vermeiden. Die Friedensgespräche, die ihre Diplomaten just in Bologna mit den Spaniern führten, müssten scheitern.

Ihre Zurückhaltung nützte nichts. Im Sommer 1600 wurden die Verhandlungen ohne Ergebnis abgebrochen. Daraufhin siegelte die Königin am 31. Dezember 1600 das Privileg der "Kompanie Londoner Kaufleute für den Ostindienhandel", vorsichtshalber mit dem Zusatz, die Rechte anderer "christlicher Fürsten" seien auf der Reise zu achten. Was sie von solchen offiziellen Bekundungen königlicher Friedfertigkeit zu halten hatten, wussten die Kaufleute. Auch Englands Freibeuter, die Spaniens westindische Silberflotten plünderten, hatte Elisabeth vor aller Welt laut verdammt, still ermutigt und noch stiller abkassiert.