Kultur ist unter Rechtfertigungsdruck geraten. Der Befund ist paradox. Denn einerseits wird von dem, was wir alltagssprachlich und traditionell unter Kultur verstehen, von Kunst, Literatur, Theater, Wissenschaft immer mehr produziert. Allein Berlin verfügt über drei staatliche und drei private Opern, die Zahl der Orchester im ganzen Land geht in die Hundert, die festen Bühnen und unfesten Theaterensembles sind kaum zu schätzen. Überall schießen neue Museen aus dem Boden, die Zahl der Hochschulabschlüsse wächst und wächst, seltsame Berufe und Ausbildungsgänge mit dem Ziel der optimierten Kulturvermittlung verblüffen das Publikum. Andererseits haben alle diese Einrichtungen wachsende Schwierigkeiten. Finanzielle Notlagen sind nur der Ausdruck eines dramatischen Akzeptanzproblems. Aus Kreisen von Politik und Wirtschaft schlägt ihnen offener Missmut entgegen. Warum sollte Geld, dass für soziale oder infrastrukturelle Aufgaben fehlt, ausgerechnet in eine Sphäre fließen, in der weder Not noch Notwendigkeit, sondern der schiere Überfluss regiert?

Kleiner Mann zahlt große Oper?

In Linz hat kürzlich die FPÖ gegen den Neubau des Opernhauses mit Plakaten mobil gemacht: "Kleiner Mann zahlt große Oper". In der folgenden Volksbefragung entschied sich der kleine Mann gegen seine Ausbeutung. Manche haben allerdings auch opponiert, weil sie lieber Erhaltung und Ausbau der alten Bühne hätten, was den kleinen Mann noch wesentlich teurer kommen würde.

Man wird also aus dem österreichischen Beispiel nicht schließen können, dass jede Abstimmung zur Niederlage der Hochkultur führen wird. Es hat sich aber gezeigt, wo man den Graben ziehen muss, wenn man sie zu Fall bringen wollte.

Dasselbe offenbart sich fast monatlich, wenn das Berliner Abgeordnetenhaus über die Finanzierung der notleidenden Kulturinstitute berät. Es werden zwar alle Tariferhöhungen an den Bühnen umgesetzt, aber der Etat nicht erhöht, aus dem sie gezahlt werden müssen. So schmelzen die ungebundenen, also künstlerisch einsetzbaren Mittel. Das Parlament scheut die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften

den Verfall der Kunst scheut es nicht.

Man könnte nun wohl vermuten, dass der neue Rechtfertigungsdruck, der auf der Kultur ruht, etwas mit ihrem Wachstum zu tun hat. Die Argumente der Kritiker zielen jedoch nicht auf die Quantität der Institutionen, sondern auf ihre Berechtigung überhaupt. Sie bezweifeln die demokratische Legitimation. Warum soll öffentlich gefördert werden, was nur wenigen zugute kommt? In den letzten Jahren ist überall in den Kommunen die Frage aufgetaucht, warum staatlich subventioniert werden soll, was doch Unterhaltung und Freizeit, also Privatvergnügen ist. Es werden ja auch Bowlingbahnen nicht von der Allgemeinheit bezahlt.