Leipzig war für die Katz, befand Edvard Grieg. Zu früh, noch als Teenager, eingeschult am dortigen Konservatorium, in fünf Jahren zu wenig gelernt, hernach "fast ebenso dumm" wie zuvor. Eine Jugendsinfonie zog er in lakonischer Einsicht zurück, und für die Konzertouvertüre Im Herbst gab ihm der erfahrene dänische Kollege Niels Gade eins auf die steife akademische Mütze: "ein Haufen Unsinn". Damals, 1866, hockte der Norweger Edvard Grieg in Rom, wo nur ein Landsmann ihn retten konnte: der Dramatiker Henrik Ibsen. Es sollten acht Jahre vergehen, bis Ibsen sich des jungen Komponisten erinnerte.

Der war als Stimme Norwegens mittlerweile erwachsen geworden und selbstbewusst unterwegs, "eine nationale Kunst zu schaffen". Für Ibsens Peer Gynt komponierte Grieg 1874 eine fulminante Schauspielmusik, doch weil zwei Landsleute nicht zwingend Freunde werden müssen, fand der kühne Grieg später nichts dabei, sich der autoritären Fessel Ibsens zu entwinden und aus der Theatermusik die beiden Peer-Gynt-Suiten zu schälen, welche die innere Dramaturgie der Vorlage auf den Kopf stellen. Grieg sprang aktweise vor oder zurück und brachte acht Einzelsätze in clevere zyklische Form. Als Grieg später als Dirigent durch Europa reiste, musste er zu seiner Verwunderung feststellen, dass die beiden Suiten an seinem Image klebten wie hartnäckige Trolle. Das kommt davon, wenn man mit der Morgenstimmung, mit der Halle des Bergkönigs oder mit Solveigs Lied den Typ des sinfonischen Evergreens erfindet.

Für immer jung - ein schöner Traum, wenn man das kitschverseuchte Eigenleben der beiden Suiten im 20. Jahrhundert bedenkt. Insoweit ist die Aufnahme mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter seinem neuen Chefdirigenten Sakari Oramo (Erato 8573-82917-2, Vertrieb: Warner) ein reinigendes Unternehmen: Sie stellt sich mit höchstem Raffinement naiv und ignoriert ein ganzes Jahrhundert aus klebriger Süße und Flechtenmuffigkeit. Sie erfindet die Musik gleichsam neu. Aus dem vorzüglichen Spiel des englischen Orchesters, das Simon Rattles finnischem Nachfolger spürbar von Herzen folgt, zuckt Griegs Wetterleuchten, als lande Wagners Holländer ein zweites Mal. Das dunkle Chroma der Melodien verliert sich in betörend weicher Einsamkeit, die furiosen Aufschwünge rauschen, ohne martialisch zu klirren. Und plötzlich ist ausgerechnet das karge Norwegen ein Land der blühenden Landschaften.

Edvard Grieg wurde in Bergen geboren, Sakari Oramo in Helsinki. Was sagt der Atlas? Die beiden Vaterstädte liegen auf demselben Breitengrad. Wie segensreich: Geografie verbindet.