Da ja der Berlin-Tatort nicht so richtig in die Gänge kommen will, ist man dem ZDF doppelt dankbar, dass es den Sperling aufbietet - hier hat man einen Verbecherjäger mit Spürsinn, Herz und Leibesfülle, und die Hauptstadt gibt ausdrucksstark die Kulisse. Spitzenregisseure wirkten an dieser Reihe mit, jetzt zeigt Sibylle Tafel, was sie kann und dass der von Dieter Pfaff verkörperte Hauptkommissar nach zwei Jahren Pause nichts von seiner melancholischen Präsenz eingebüßt hat.

Im Grunde ist Sperling eine ganz und gar poetische Figur. Seit Humphrey Bogart liebt das Publikum den abgeklärten Wahrheitssucher, der nicht so viel redet und im entscheidenden Moment alles riskiert, um der verfolgten Unschuld beizuspringen. Und seit Fitz hat niemand was dagegen, wenn diese poetische Figur dick ist. Dieter Pfaff bringt außer Umfang und Charakter noch ein Drittes mit, das ihn unwiderstehlich macht: seine Stimme. Wenn dieser Mann nein oder hm oder Ich glaube, dass man sich an die Gesetze halten muss, sonst funktioniert's nicht sagt - augenblicklich weckt sein geheimnisvolles heiseres Organ die Aufmerksamkeit, die so ein Cop mit Charisma braucht, um einen Film zu tragen.

Diesmal gerät er an einen Einbrecherring, der von der Schusswaffe Gebrauch macht - und einen Wachmann trifft. Es gibt eine Zeugin. Sie ist jung, schön, einsam, schutzbedürftig, und sie wird verfolgt - logisch, dass Sperling auf sie anspringt. Wird sein Spürsinn ihn rechtzeitig warnen? Oder werden die großen Augen der Zeugin (Floriane Daniel) sein Frühwarnsystem außer Kraft setzen? Das erste Viertel des Films ist ein furioses Verwirrspiel, in dem die Figuren, die Zuschauer und scheinbar auch die Regie den Boden unter den Füßen verlieren. Aber dann klärt sich allmählich die Lage, man beginnt mitzuknobeln. Dabei steht man unverbrüchlich aufseiten des Kommissars und seiner unkonventionellen Methoden. Als höhere Gewalt ihn zwingt, sein Ehrenwort zu brechen, möchte man mit ihm alles hinschmeißen. Doch Sperling findet einen Ausweg.

Sibylle Tafel erzählt seinen neuesten Fall in präzise ausgemessenen Sprüngen, die anfangs gewöhnungsbedürftig, später auf erfreuliche Weise herausfordernd sind. Auch die Nebenfiguren, Gangster ebenso wie Ermittler, bestechen durch ihre Menschlichkeit. Allein die unsympathische Staatsanwältin in ihrer schneidenden Art ist eine Charge, die in diesem Film mit feinster Figurenzeichnung empfindlich stört. Und sie bringt der Kritikerin zu Bewusstsein, dass im zeitgenössischen Krimi viel zu viele unsympathische Staatsanwältinnen rumwimmeln, die allesamt nur dazu da sind, die Heldenhaftigkeit des trotz solcher Vorgesetzten sich behauptenden Bullen umso heller erstrahlen zu lassen. So entstehen Klischees, die hinterher niemand gewollt hat und die man nur schwer wieder loswird.

Sperling und das große Ehrenwort Sa., 16.12., ZDF, 20.15 Uhr