Brüssel

Der Held von Nizza heiße Guy Verhofstadt, erklärte Finnlands Regierungschef Paavo Lipponen. Die Europäische Union verdanke den Vertrag von Nizza dem belgischen Premierminister, stimmte begeistert Irlands Außenminister zu. Ob man mit den Unterhändlern Portugals oder Schwedens, Irlands oder Finnlands sprach oder Kommissionspräsident Romano Prodi zuhörte, stets hieß es bewundernd: Dieser Verhofstadt habe nicht nur für sich gekämpft, sondern für alle Kleinen in der Union und am Ende gar für die Rechte Litauens und Rumäniens.

Hat er das wirklich? Mit Veto und Abbruch der Verhandlungen hatte Belgien zunächst gedroht - und erst in letzter Minute eingelenkt. Denn Guy Verhofstadt war mit dem eisernen Willen an die C'te d'Azur gereist, sich die bisherige Gleichstellung von seinem Land mit den um 15 Millionen Einwohner größeren Niederlanden nicht abhandeln zu lassen. Zu Hause war das Koalitionsbeschluss, dort wird der Premier sich jetzt rechtfertigen müssen: Mittlerweile seien seine Wahlchancen in Rumänien wohl besser als in seiner Heimat, witzelte der Vielgelobte.

Belgien, nicht Europa hieß also die Vorgabe. Auf jene Stimmengleichheit wollte Belgien nur verzichten, wenn auch zwischen großen Staaten, namentlich zwischen Deutschland und Frankreich, der Gleichstand enden würde. Doch am Ende gab der Flame nach. Die Niederlande haben künftig 13, Belgien bleiben nur 12 Stimmen im Rat der Europäischen Union

Deutschland aber zählt weiterhin so viel wie Frankreich, jetzt 29 Stimmen.

Hellwach nach vier Tagen und Nächten im Gipfelmarathon, erläuterte ein jungenhafter Verhofstadt sein Nachgeben in Nizza. Immerzu habe er am Verhandlungstisch dieselbe Leier gehört: "Und für mich? Und für mich? Und für mich?" Nie habe da einer dazwischengerufen: "Und für Europa? Für Europa? Was gibt es für Europa?" Die Antwort gab Verhofstadt schließlich selbst: Mehr und nicht weniger Europa sei Belgiens Interesse.

Dafür wird der Kommissionspräsident künftig von den Regierungschefs mit qualifizierter Mehrheit und nicht mehr einstimmig gekürt - eine belgische und luxemburgische Forderung. Die drei Beneluxländer bringen nun mit 29 Voten zusammen so viele Stimmen wie ein großes Land auf die Waage - ein Symbol nur, gewiss. Aber ihnen lag daran, auf diese Weise an die frühen Jahre der EWG zu erinnern, als unter den sechs Gründungsmitgliedern die Kleinen sich noch von den Großen respektiert fühlten. Wer Europa wolle, dürfe nicht den Großen, dem "Direktorium", freie Hand lassen, mahnte Verhofstadt. Belgien hat sich mit diesem Prinzip durchgesetzt