Am kommenden Freitag wird der letzte Block des Kernkraftwerks Tschernobyl außer Betrieb gesetzt. Ein historisches Datum, ein Sieg der Vernunft - könnte man meinen. Doch in Wahrheit ist die westliche Strategie zusammengebrochen, mit der sich Europa vor einem GAU in den maroden Meilern des Ostens schützen wollte: Bis heute stehen in Ost- und Mitteleuropa über 60 Kraftwerksblöcke, und in fast allen gibt es Sicherheitsprobleme. Hinzu kommen die russischen Kraftwerke, einige davon wahre Zeitbomben.

Die Strategie des Westens wurde vor zehn Jahren formuliert - "aus dem Bauch", mokiert sich ein Experte der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS): "Man teilte die Reaktoren provisorisch in bestimmte Risikoklassen ein, ohne die Anlagen genau zu kennen." Die riskantesten Reaktoren sollten so bald wie möglich stillgelegt und der Rest mit westlicher Hilfe auf, wie es offiziell heißt, "akzeptables Niveau" nachgerüstet werden. Doch diese Nachrüstung geht nur schleppend voran, und "vom vorzeitigen Abschalten ist im Osten nicht mehr ernsthaft die Rede", kritisiert der GRS-Insider. "Die überlegen eher, wie sie die Lebensdauer ihrer Altreaktoren noch verlängern können, was ja auch weltweit der Trend ist."

Der Osten hat Gründe, an der Kernkraft festzuhalten. Ihr Anteil an der Stromproduktion ist hoch, überdies richtet sich die Region auf eine Periode kräftigen Wirtschaftswachstums ein und damit auf steigenden Strombedarf

man will ihn verständlicherweise decken, ohne von russischem Erdgas abhängig zu werden. Gewiss, die Länder könnten fleißig Strom sparen und dafür auf den einen oder anderen Reaktor verzichten, das aber setzte weitaus mehr reformerische Entschlossenheit voraus, als derzeit vorhanden ist. Einige Staaten wie Litauen und Tschechien möchten sogar Atomstrom exportieren, außerdem hoffen sie auf die segensreichen Wirkungen des Klimaschutzes à la Kyoto: Kernkraft spart CO2, und wer seinen Strom mit wenig Kohlendioxid-Ausstoß gewinnt, darf so genannte Emissionsrechte an andere Staaten verkaufen.

Die Westeuropäer können ihren Nachbarn diesen Kurs nicht verbieten. Leider haben sie ihn noch nicht einmal nennenswert beeinflusst. Krass sind insbesondere die Versäumnisse im Fall Tschernobyl. Während die Experten über die technisch beste Lösung zur Sicherung der Atomruine streiten, droht das Dach des Unglücksreaktors einzustürzen

es kommt zu Bränden, eindringendes Wasser könnte sogar nukleare Kettenreaktionen in Gang setzen. Unterdessen benutzte die Ukraine den Weiterbetrieb der anderen drei Reaktorblöcke als Druckmittel, um Kredite für die Fertigstellung weiterer Kernkraftwerke zu erlangen - mit Erfolg, wie man seit wenigen Tagen weiß. Am vergangenen Donnerstag genehmigte die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung einen Kredit von 215 Millionen Dollar, dem weitere Kredite von mehr als einer Milliarde Dollar folgen werden. Bei beiden Kraftwerken handelt es sich um russische Typen, die bestenfalls so umgerüstet werden können, dass sie mit knapper Not ein Sicherheitsniveau erreichen, das in manchen westlichen Ländern als Minimum akzeptiert wird. Freilich nicht in Deutschland

hier hätte man die umgerüsteten Meiler allenfalls noch zu Beginn der siebziger Jahre genehmigt.