Ein Bahnhofsvorstand muss ein inniges Verhältnis zur Metaphysik haben.

Einerseits williger Vollstrecker irdischer Fahrpläne, folgt er andererseits in seinem Tun und Lassen ja vielleicht einem himmlischen Plan. Eine unterlassene Signalgebung, ein Zugunglück mit vielen Toten und Verletzten - mit welchem höheren Recht will die irdische Gerichtsbarkeit den Säumigen eigentlich belangen?

Derartige Gedankenspiele beschäftigten den Dramatiker Ödön von Horváth, als er im Jahr 1936, von Nazideutschland seiner "zersetzenden" Gesellschaftsstücke wegen verfemt, in Henndorf bei Salzburg saß, der letzten dauerhafteren Zwischenstation vor der allerletzten: Paris.

Neben den Romanen Ein Kind unserer Zeit und Jugend ohne Gott, beides Ergründungen des totalitären Unheils mit neuen, gottsucherischen Tönen, entstand dort auch Der jüngste Tag, das verkappte Mysterienspiel um die Wandlung des Bahnhofsvorstands Thomas Hudetz.

Ein prekärer Fall, vom Autor vor dem Tod verworfen und später selten gespielt, gerade deshalb offenbar reizvoll für die Regisseurin Andrea Breth, der apokalyptische Szenarien schon des öftern behagten - zuletzt am Wiener Akademietheater die Kleinstadtgroteske Die See von Edward Bond. Jetzt also hat sie am Burgtheater mit großem Aufwand den Jüngsten Tag riskiert.

Vom Frust abseits der großen Verkehrswege

Wäre Ödön von Horváth am Ende, analog dem späten Hugo von Hofmannsthal, etwa ein christlicher Dramatiker geworden? Nein, das Befremdliche ist die Melange aus Sozialkritik, Sexualpathologie und Metaphysik, die er hier anrührte. Sein Held Thomas Hudetz, Bahnhofsvorstand eines an der großen Strecke liegenden Provinzkaffs, ist durch Stellenabbau überlastet, noch mehr drückt ihn indes der sexuelle Frust in der Ehe mit einer 13 Jahre älteren hysterischen Frau.