Ein paar versteinerte Arm- und Oberschenkelknochen, Zähne und Kieferteile sind die letzten Zeugen der fünf Wesen - vielleicht eine Urzeitfamilie. Ein Greis, drei jüngere Erwachsene, alle schimpansengroß, dazu ein Kind, müssen sich am Ufer eines vorzeitlichen Sees von Früchten und Wurzeln ernährt haben.

Anscheinend lebte die Gruppe, vorerst auf den Namen "Millennium Man" getauft, bereits vor sechs Millionen Jahren, und zwar auf zwei Beinen.

Der spektakuläre Fund des Grabungsteams von Martin Pickford und Brigitte Senut ist eine Jahrhundertsensation. Die Geschichte unserer Herkunft muss nur deshalb nicht neu geschrieben werden, weil aus dieser Zeit, vom Beginn der Menschwerdung, schlicht nichts bekannt war. Nie zuvor ist die Paläoanthropologie so weit bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren der Menschen und der Menschenaffen vorgedrungen. Die neuen Funde aus dem Baringo-Distrikt in Zentralkenia werfen endlich Licht auf die Wurzel des menschlichen Stammbaums.

Erst aus genetischen Vergleichsuntersuchungen an heute lebenden Primaten ließ sich einigermaßen sicher abschätzen, in welchem Zeitraum sich die Evolution von Menschen und Menschenaffen abspielte. Inzwischen wird fast allgemein vermutet, dass sich die Entwicklungslinien der heutigen Menschenaffen und heutigen Menschen irgendwann vor fünf bis sieben Millionen Jahren trennten.

Nur gab es aus dieser Zeit bislang kaum Funde. Das ist erstaunlich, denn Hunderte von Vor-, Früh- und Urmenschen-Resten aus jüngeren Zeiten sind in Afrika ausgegraben worden.

Die Fundlücke führte zu manchen Spekulationen. Eine ist die Hypothese des Physiologen Alister Hardy: Er erklärte das Fehlen von fünf oder sechs Millionen Jahre alten Fossilien mit einer Entwicklungsphase des Vormenschen im Wasser. Doch nun zeigen die neuen Funde ziemlich klar: Die Wasserhypothese hat - für viele bedauerlich - verloren. Die Menschwerdung begann mit dem aufrechten Gang. Und er entwickelte sich damals parallel zum Rückzug des afrikanischen Regenwaldes: als eine sinnvolle Fortbewegung am Boden in dessen lichten Randgebieten. Die Entdeckung des französisch-kenianischen Expertenteams bestätigt also wieder einmal eine alte Paläontologen-Weisheit: Nichts zu finden heißt nicht, dass dort nichts gelebt hat. Schlechte Fossilisationsbedingungen können der Grund ebenso sein wie das Pech eines Ausgräbers, der 10 Zentimeter am Hominidenfossil vorbeigräbt.

Das Glück ist indessen auch in der Paläoanthropologie mit dem Tüchtigen. Das gilt für Martin Pickford und sein Team ganz besonders. Die Reste des Millennium-Menschen wurden nach jahrelangen Geländearbeiten am 25. November 2000 in fossilhaltigen Schichten der Tugen-Berge 250 Kilometer nordwestlich von Nairobi entdeckt. Die Ausbeute darf als ein Highlight in der Paläoanthropologie Afrikas gelten. Die Funde sind durchaus vergleichbar mit der Entdeckung des Taung-Babys in Südafrika 1924 oder den berühmten 3,6 Millionen Jahre alten Fußspuren von Laetoli 1974 in Tansania.