Von Venedig über Stockholm bis Hongkong und quer durch den amerikanischen Kontinent ist On Kawara zwischen Mai 1968 und September 1979 gereist. Für einen international bekannten Künstler ist das nicht ungewöhnlich, liest sich doch manche Künstlerbiografie wie ein Katalog aus dem Reisebüro. Aber bei On Kawara geht es nicht nur um biografische Daten, sondern darum, das eigene Leben über eine genaue Definition von Zeit und Raum im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Das Leben wird zum Konzept der Kunst. So markiert er in der Werkgruppe I WENT den tagsüber zurückgelegten Weg mit rotem Kugelschreiber auf der Kopie des Stadtplans seines Aufenthaltsortes. Im Laufe von elf Jahren hat sich ein Kompendium von 23 Ordnern angesammelt. Neben diesem streng abstrahierten Tagebuch, in dem der Künstler vor sich selbst Rechenschaft ablegt, meldet er sich auch bei seinen Freunden und Bekannten, indem er täglich zwei Postkarten versendet, auf denen "I Got UP", Datum, Uhrzeit und die genaue Anschrift aufgestempelt sind. Nicht alle Adressaten haben begriffen, dass sie mit dieser Zusendung an einem Kunstwerk teilhatten, und die Postkarten weggeworfen. Aber es sind noch genug übrig, sodass die Ausstellung ON KAWARA - Horizontality/Verticality im Kunstbau des Lenbachhauses in München (bis 14. Januar 2001, Katalog 58,- DM) nicht an Materialmangel leidet. Über hundert Meter reiht sich in Tischvitrinen Postkarte an Postkarte und die Wände entlang Stadtplan an Stadtplan.

Nirgendwo ist eines jener berühmten Täfelchen zu sehen, auf denen nur das Datum des Tages gemalt ist. Eine On-Kawara-Ausstellung ohne seine Date Paintings ist so ungewöhnlich wie die Installation überhaupt, die erlaufen werden muss. Spannung stellt sich nämlich erst ein, wenn man zu vergleichen beginnt, und da siegen dann oft genug die schwarz-weißen Stadtpläne mit den roten Markierungen über die bunten Bilder.