Catherine David ist wieder da. Drei Jahre nach der documenta X versucht sich die Kuratorin an ihrer ersten größeren Ausstellung. In den Kunst-Werken Berlin präsentiert sie den Stand der Dinge (Teil 1) und schlägt wieder den ernsten, fordernden und strengen Ton an, mit dem sie bereits in Kassel auf sich aufmerksam machte (bis 4. Februar 2001, das Begleitheft mit "working texts" kostet 5,- DM). Unbekannte Künstler sollen gezeigt werden, im Vordergrund steht der experimentelle Charakter. Keine Verkaufsausstellung, sondern eine Versuchsanordnung. Man sucht auch keine Skandale, wie David im Hinblick auf die Londoner Apocalypse-Ausstellung betont. Vielmehr interessieren sie die "komplexen Verhältnisse, in denen wir leben". Gefragt wird nach den Möglichkeiten der Kunst, soziale und politische Realitäten zu thematisieren.

Ein ambitioniertes Vorhaben, die Erwartungen sind hoch gesteckt. In gewisser Weise können sie nur enttäuscht werden - was nicht unbedingt gegen die Ausstellung spricht. Auffällig ist, dass zurzeit fast nur Künstler aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika den Ansprüchen Davids entgegenzukommen scheinen: Künstler aus den Krisenregionen, den Randbezirken unserer globalisierten Gesellschaft. Video und Fotografie dominieren, die Arbeitsweise ist zumeist dokumentarisch. In der Videoinstallation This is not Egypt zeigen Mauricio Dias und Walter Riedweg auf drei nebeneinander hängenden Leinwänden sorgfältig arrangierte Filmsequenzen. Auf den Bildern sind nur die aus Reiseprospekten oder dem Fernsehen einschlägig bekannten Bilder zu sehen. So also ist Ägypten nicht, eine Negation.

War das schon alles? Man geht geradewegs darauf zu, sobald man die Räumlichkeiten der Kunst-Werke betritt: Eine Negation als Auftakt - und Motto - der Ausstellung. Soll aber die Verweigerung einzig für die "Authentizität" zeitgenössischer Kunst bürgen? Walid Ra'ads Arbeit Already Been in a Lake of Fire zeigt die Seiten eines großformatigen Notizbuches, das neben schriftlichen Eintragungen auch die ausgeschnittenen Fotografien von Autos enthält. Ein Kommentar unterhalb dieses Tableaux verrät uns, dass jedes der abgebildeten Autos "exakt" mit der Marke, dem Modell und der Farbe derjenigen Autos korrespondiert, die zwischen 1975 und 1990 im libanesischen Bürgerkrieg als Autobombe verwendet wurden. Aus dem liebevoll beklebten und fröhlich bunten Tagebuch wird somit - freilich kontextabhängig - eine politische Provokation.

So wandert man durch die Berliner Ausstellung und erfährt eine leichte Irritation. Sie ist unaufdringlich, nicht belehrend. Erst allmählich ahnt man etwas von den Grenzen der Darstellbarkeit, immer dann nämlich, wenn das Artefakt von der Gewalt zeugt, aus der es entstanden ist. Durchaus ein Politikum. Es bedarf nicht der Direktheit, wie sie Alejandra Rieras engagierte Installation zeigt: In Fotos, Videofilmen und einer Art Büchertisch dokumentiert sie das erschreckende Schicksal von Leyla Zana, der ersten kurdischen Abgeordneten im türkischen Parlament, die seit 1994 im Gefängnis sitzt. Fast schon so wie an einem Informationsstand von amnesty international.