Am Tag seines Abschieds redete Bert Hauser Klartext. Der 59-jährige Regionalreporter, der von einer durch die Senderfusion ermöglichten Vorruhestandsregelung profitierte, sprach über den Südwestrundfunk im Jahre 2: "Viele fühlen sich fremdbestimmt, müssen Dinge tun, von denen sie nicht überzeugt sind." Die rund 100 Kollegen, die sich im Redaktionssaal der Sendung Ländersache versammelt hatten, trauten ihren Ohren nicht, als Hauser nach dem Grund für Apathie und Eskapismus der Mitarbeiter fragte: "Wer oder was gibt diesem Haus Vorgaben, die aus Journalisten Aussteiger oder Beamte machen?" Als Antwort beschrieb er folgende Szene: "Wenn ein Ministerpräsident nach der Unterschrift unter den unsäglichen Staatsvertrag über den SWR - das Ergebnis eines politischen Kuhhandels der Parteien, das uns seit zwei Jahren lähmt - genüsslich sagt: ,So, jetzt noch die richtigen Leute an die richtige Stelle', wenn dann die richtigen Leute aus dem Medienbeirat seiner Partei oder direkt aus seiner Staatskanzlei kommen, dann drängt sich doch die Frage auf, ob dies ein Beitrag zur Unabhängigkeit e iner Rundfunkanstalt sein kann."

Hauser resümierte: Der politische Druck sei es, der "die Arbeit in unserem Haus an vielen Stellen blockiert und den Fatalismus provoziert".

Bert Hausers Abschiedsrede, die ihm aus den Händen gerissen und sofort vervielfältigt wurde, steht am Beginn einer erhitzten Debatte, die nun nicht nur im Funkhaus Stuttgart, sondern ebenso in Mainz, Baden-Baden und zunehmend auch in anderen ARD-Anstalten tobt. Denn sie berührt nicht allein die für die Öffentlich-Rechtlichen immer prekäre Frage nach dem Einfluss der Parteien, sondern, grundlegender, die Frage nach der inneren Meinungsfreiheit der Medien. Wo ist die Grenze zu ziehen zwischen einer Verletzung der Loyalität "zum Haus" und den Intendanten, die in den Sendern herrschen wie einst der Paterfamilias über seine Sippe, und notwendiger, offener Kritik?

Üblicherweise findet die Öffentlichkeit in öffentlich-rechtlichen Funkhäusern auf drei Ebenen statt: auf dem oft undurchsichtigen, bis ins Absurde überbürokratisierten Dienstweg, über die parteipolitischen Kanäle, die von den Spitzen der Sender bis in die entlegensten Winkel der Verwaltung reichen, und schließlich als Flurfunk und als gezielte Indiskretion gegenüber Kollegen von anderen Medien. Die offene Auseinandersetzung über strittige Fragen, etwa der offen ausgetragene Krach mit Vorgesetzten, ist die absolute Ausnahme, fast ein Tabubruch.

Daher ist der Fortgang der Affäre Hauser in den letzten Wochen etwas ganz Besonderes: Landessenderdirektor Willi Steul und Intendant Peter Voß haben auf die Rede geantwortet und ihre mehrseitigen Briefe mitsamt der Rede im SWR-Intranet publizieren lassen. Formal versprechen sie so etwas wie Transparenz, im Ton allerdings bleiben sie, ganz anstaltsmäßig, schneidend scharf. Am 24. November schreibt Voß an Bert Hauser: "Wenn es keine Abschiedsrede wäre, könnte man Ihre ebenso wehleidigen wie selbstverliebten Äußerungen ja wenigstens für mutig halten." Natürlich weist er alle Thesen Hausers zurück, fordert ihn auf, seine Behauptungen zu beweisen, und schließt: "Sehr geehrter Herr Hauser, ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Tätigkeit als Journalist auch so mit an Rufmord grenzenden Unterstellungen gearbeitet haben wie in Ihrer Abschiedsrede. Falls ja, wäre in der Tat Ihnen gegenüber jedes Mißtrauen gerechtfertigt gewesen und Ihr Ausscheiden aus dem SWR leider kein Verlust."

Noch deutlicher wurde Willi Steul: "Würden Sie das Haus nicht verlassen, erhielten Sie für Ihr ungeheuerliches, in höchstem Maße illoyales Verhalten und wegen der durch nichts zu belegenden Unterstellungen einer politischen Einflussnahme in ,skandalöser Form' eine Abmahnung."

Nicht alle beurteilen die Zustände so finster wie Hauser