Die Hypertrichose ist eine seltene, aber auch heute durchaus noch vorkommende, schwer behandelbare Krankheit: Sie führt schon wenige Monate nach der Geburt zu einer starken Behaarung von Gesicht und Körper, und zwar bei beiden Geschlechtern. Die pelzigen Menschen mit ihren Haarbüscheln im Gesicht und an den Gliedern wurden im alten Europa gern als Schaustücke auf Jahrmärkten und im Zirkus ausgestellt. In der Sammlung des Mediziners Rudolf Virchow findet sich die Fotografie einer solchen abnorm behaarten Familie aus Birma, die um 1870 entstanden ist. Mit furchtsamen, unglücklichen Knopfaugen starren die armen Wesen aus ihren zotteligen Antlitzen.

Wenn man sich daran erinnert, dass noch 1896 auf der Treptower Gewerbeausstellung afrikanische Neger mit ihrer kompletten Lebensform ausgestellt wurden - unter den neugierigen Blicken Berliner Lorgnon-Damen kochten, backten und wuschen sie im überglasten Ausstellungspalast -, dann hat man die Koordinaten für das Virchowsche Sammlerstück: Zwischen Zirkus und kolonialistischer Ethnografie nimmt die Wissenschaft ihren Platz, die das Erschreckende und Bizarre natürlicher Ausnahmeformen klassifiziert, erklärt und entzaubert. Doch auch sie kann den ästhetischen Eindruck einer am Naturrand angesiedelten Humanität nicht aufheben: Wir haben zweifellos menschliche Gesichter vor Augen, Brüder von uns selbst, aber in tierischer Verkleidung.

Virchows Interesse war dabei ganz aufklärerisch. Er näherte sich den Monstrositäten, um sie natürlich zu erklären und ihnen den Schrecken zu nehmen. Bei ihm zu Gast war ein amerikanischer Riese (226 Zentimeter), zu dem das ganze Seminar aufblickte. Offenbar hatte ein Hufschlag auf den Kopf dem Mann die Wachstumssteuerung durcheinander gebracht. Mit gleicher Furchtlosigkeit präparierte Virchow die Skelette und Föten von siamesischen Zwillingen. Seine Neugierde war menschenfreundlich, hell, unerschrocken, sie passt zu dem liberalen Bürger, der außer seiner Forschung auch Politik im Reichstag machte.

Man kann eigentlich über jedes der vielen Hunderte von Schaustücken der Berliner Ausstellung Theatrum Naturae et Artis so ins Staunen und Grübeln geraten. Sie zeigt einen winzigen Ausschnitt der annähernd 30 Millionen Objekte der Berliner Universitätssammlungen, die seit 1990 aus dem Schiffbruch von Krieg und Teilung gerettet, zusammengeführt und geordnet werden. Die Zahl ist unvorstellbar, allerdings nehmen allein die naturgeschichtlichen Kollektionen 25 Millionen davon ein, und sie enthalten vom mikroskopischen Präparat über die Termite bis zum Skelett des letzten Reitpferds von Friedrich dem Großen Stücke aller möglichen Größenordnungen.

Aber auch der Rest von 5 Millionen, der sich auf alle anderen Disziplinen, Archäologie, Meereskunde, Urkundenforschung bis hin zu einem Tonarchiv mit Lautdokumenten aller deutschen Dialekte verteilt, ist überwältigend reichhaltig. Über 100 Sammlungen besitzen die Institute der Humboldt-Universität, und in einer bisher lautlosen, aber, wie man sieht, denkbar erfolgreichen Kollektivanstrengung wurden sie jetzt erschlossen und geborgen.

Die Präsentation dieses gewaltigen Schatzes haben der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Mathematiker Jochen Brüning unter den Begriff des Theaters beziehungsweise der Wunderkammer gestellt. Sie zitieren damit die frühneuzeitliche Phase der Wissenschaft, in der das Staunenerregende, noch Unerklärte, erst zu Erklärende der Welt einer oft wundergläubigen Schaulust zugänglich gemacht wurde, auf halbem Weg zwischen Zirkus und Kunstsammlung.

Der lateinische Titel der Ausstellung ist vom jungen Leibniz übernommen, der im späten 17. Jahrhundert solche Schaustellungen mit theatralischen Komponenten entwarf: "Außergewöhnliche Konzerte. Seltene Musikinstrumente.