Kennt ihr die Leute, die an Aids erkrankt sind?" - "Jaaaaaaa!!!", schallt es aus 300 Kinderkehlen. Zwei Baracken, zugige Klassenzimmer, sperrmüllreifes Mobiliar - die Lulama-Schule in Soweto. Auf dem Pausenhof läuft gerade ein Puppenspiel. Abangani heißt das Stück, zu deutsch: Freunde. Es geht um HIV und Aids. Thabo, der Held, klärt auf, bricht Tabus, sprengt Vorurteile. Die Kinder sind begeistert und zugleich bedrückt. Denn natürlich kennt hier, im größten Township Südafrikas, jeder jemanden, den das Virus befallen hat.

"Unsere Zukunft stirbt weg", sagt Frau Makhukhula, die Schulleiterin. Die jüngsten Zahlen der Gesundheitsministerin belegen es: Zehn Prozent der Bevölkerung - 4,2 Millionen Südafrikaner - sind HIV-positiv. Tag für Tag kommen 1600 hinzu - das entspricht aufs Jahr gerechnet der Einwohnerschaft von Essen ...

Doch der Präsident bezweifelt weiterhin den kausalen Zusammenhang von HIV und Aids. Thabo Mbeki lügt zwar nicht, wie mancher naive oder boshafte Kommentar unterstellt, aber er glaubt felsenfest, die Pandemie sei durch Armut mitverursacht. Ein fatales Fehlurteil, abgeleitet aus abstrusen Hypothesen so genannter Aids-Dissidenten. Auf Nachfragen reagiert Mbeki unwirsch.

Warum kann der mächtigste Mann Afrikas seinen Irrtum nicht eingestehen? So fragten sich auch die 15 Leser der ZEIT, die unlängst gemeinsam durch Südafrika reisten. Der Starrsinn des Präsidenten hat im Ausland den Eindruck erweckt, er würde die Seuche verharmlosen. Das Gegenteil ist der Fall: Mbeki selbst leugnet zwar weiterhin die Zusammenhänge, aber seine Regierung hat vor kurzem einen Fünfjahresplan sowie einen detaillierten Leitfaden zur Bekämpfung der Seuche vorgelegt. Kein Land, in dem so intensiv aufgeklärt wird, kein Staatschef, der eindringlicher warnt: "HIV/Aids ist die größtmögliche Bedrohung für diesen Kontinent." Da werde einer schlau.

"Mbeki, na ja ...", meint Nyanga Tshabalala, der Regisseur des Puppentheaters.

"Aber es stimmt nicht, dass wir Afrikaner die Katastrophe untätig hinnehmen."

Er will seine Marionetten in jede Schule schicken. Damit wenigstens die Kinder Südafrikas jenes Tabu überwinden, das auf höchster Ebene noch immer wirksam ist. Vor wenigen Wochen starb Parks Mankahlana, der Sprecher des Präsidenten. Die Regierung verschwieg die Todesursache: Aids.