Es gibt Personen, Ereignisse und Texte, die uns aus der Vergangenheit immer wieder unbegreiflich nah ansehen. Zum Beispiel die Französische Revolution. Zum Beispiel der Marquis de Sade, in ihr, neben ihr, gegen sie.

Er hinterließ Texte, die so frei und so manisch, so klar und so verrückt sind, dass sie fortwirken müssen als Stachel im Fleisch der sexuellen Ökonomie des Bürgertums. "Sades Verdienst", schrieb Simone de Beauvoir, "ist es nicht nur, mit lauter Stimme verkündet zu haben, was jeder Mensch sich verschämt eingesteht, sondern auch, sich nicht damit abgefunden zu haben. Um gegen die Gleichgültigkeit anzukämpfen, hat er sich für die Grausamkeit entschieden." Doch wo sich die Grausamkeit mit der Gleichgültigkeit verbrüdert hat, wäre ein neuer Sade ebenso erlösend wie unvorstellbar. So müssen wir uns mit dem alten begnügen, den wir von Zeit zu Zeit gern wiedersehen. Zum Beispiel im Kino.

Marquis de Sade ist ein Aufklärer im Namen des Lebens

Am 27. März des Jahres 1794 fand Alphonse Donatien Marquis de Sade, einst Parteigänger der Revolution, später skeptischer Beobachter, Aufnahme in das "Hospital" von Picpus. Vermutlich durch Fürsprache der loyalen Madame Quesnet, genannt "La Sensible", entging er dort dem Tod auf der Guillotine.

In diese vergleichsweise milde, gleichwohl gefährliche Gefangenschaft verlegt Benoît Jacquot die karge Handlung seines Filmes Sade. Er zeigt mit Daniel Auteuil einen eleganten, sarkastischen Sade, der schon äußerlich wenig mit dem zu dieser Zeit bereits auffällig korpulenten und asthmatischen Mann aufweist. Auteil, Glücksfall und Problem dieses Films zugleich, ist ein großartiger, aber alles andere als exzessiver Schauspieler. Er scheint jener "Don Quichotte der Autonomie" zu sein, von dem Ludwig Marcuse spricht, und sein eigener Beobachter. Man glaubt ihm den sanften Intellektuellen, auch einen Verführer, der Inszenierung und Experiment liebt, aber keinen Menschen, der der Welt nur seine verzweifelte Lust entgegensetzt. Jacquot entwickelt aus einem Skandal eine sehr französische Geschichte vom Philosophen und vom Mädchen, dem er in gewisser Weise seine Freiheit übertragen will. Eine Abschiedsgeschichte.

Nur für einen Augenblick sind wir dem "Monster" ganz nahe: Langsam öffnet, im bläulich-fauligen Licht eines verkommenen Gemäuers, Marquis de Sade die Augen, bis er uns direkt ansieht, bevor sein Blick wieder in eine innere Ferne weicht. Aus dem Off ertönt seine Stimme, die vom Mut der Vergangenheit, der Erregung der Gegenwart und der Angst der Zukunft spricht. Die Intensität dieser (kurzen) Einstellung wird uns nicht mehr verlassen, auch wenn der Film dann einen fast gemächlichen Erzählton annimmt, die Blicke des Marquis sich nun den Mitspielern in einem Drama zuwenden, das das Verhältnis von Gefangenschaft und Freiheit vor allem in Form rhetorischer Duelle behandelt.

Während seine Gegner ebenso grausam, dumm wie lustfeindlich erscheinen, ist dieser Sade ein sarkastischer Aufklärer, der seine Grausamkeit allenfalls "taktisch" einsetzt.