V O R  5 0  J A H R E N Vor 50 Jahren. Die berufstätige Frau im öffentlichen Leben

"Zeit"-Diskussion um die Bonner Parlamentarierinnen – Weiblicher Einfluß in der Politik – Zwischen Aktivität und Mütterlichkeit Aus DIE ZEIT Nr. 51 vom 21. Dezember 1950, S.9

Es geht um die Frage: Was gilt die Frau als aktive Beteiligte in der Politik und im Berufsleben? - Anlaß bot eine Plauderei, die Walter Henkels der "Zeit" über die Bonner Parlamentarierinnen zur Verfügung gestellt hatte (Nr. 45). "Ein lockerer rheinischer Vogel, der von der Zuschauerbank des Bundestages quinkelierte", wie eine Leserin aus München schrieb. Andere, die der "Zeit" zum gleichen Thema Briefe sandte, waren nicht so höflich. "War es rheinischer Humor, der den parlamentarischen Frauen zugedacht war, so war es jedenfalls nicht einer von jener Sorte, der nicht verletzt", schrieb ein - Mann. Ein anderer forderte, die "Zeit" möge bald einen wirklichen Bericht über die Parlamentarierinnen bringen. Henkel hatte zwar festgestellt, der törichte und gelegentlich mitleidige Spruch, daß "Frauen nichts von Politik verstehen", sei von der Parlamentarierinnen in Bonn schon bei manchen Anlässen widerlegt worden. Es lag aber im Stil seiner Plauderei, daß hier Probleme schwerelos angedeutet wurden, die - mit Recht - von den Frauen sehr ernst genommen werden, vor allem von jenen, die eine Beruf haben oder gar im öffentlichen Leben stehen. Ihr Einspruch und ihre Erwiderungen machen das ursprünglich leicht angeschlagene Thema bedeutsam. - Die meisten weiblichen Abgeordneten in Bonn, so hatte Henkels angedeutet, seien nicht gerade große Rednerinnen; ihr Naturell verriete Schlichtheit, Nüchternheit, Pflichtstrenge; sie seien nicht das "Salz" des Bundestages; sie seien sehr in der Minderheit. Darauf erwiderte das Mitglied des Deutschen Bundestages, Frau Margot Kalinke, in gelassener, entschiedener und - so meinen wir - wohl auch entscheidenderweise, wie folgt …

Ich kann aus Überzeugung sagen, daß sehr viele dieser weiblichen Abgeordneten in den Ausschüssen eine sehr ernsthafte und sehr positive Arbeit leisten und daß es Gott sei Dank nicht nur darauf ankommt, im Plenum des Bundestages eine große oder überzeugende Rede mit mehr oder weniger rhetorischer Begabung zu halten, sondern daß nach meiner Auffassung die entscheidende und wirkungsvolle Mitarbeit der Frau darin besteht, daß gerade in den Ausschüssen die Stimme der Frau zur Geltung kommt. Gesetze werden in den Ausschüssen gemacht, und es hab schon eine ganze Reihe von Fragen gegeben, in denen die wertvolle Mitarbeit der Frau auch von den männlichen Kollegen nicht entbehrt werden möchte. Ich vertrete im Gegensatz zu vielen meiner Kolleginnen die Meinung, daß es auch nicht nur die Angelegenheiten der Fürsorge und der Karitas sind, die uns Frauen beschäftigen, sondern daß bei der großen Zahl von sozialpolitischen Problemen, bei der soziologischen Umgestaltung unseres gesamten öffentlichen Lebens nach zwei Kriegen, es undenkbar ist, daß etwa der Rat und die Stimme der erfahrenen berufstätigen Frau hier nicht gehört werden sollte.

Und was nun die Masse angeht, so glaube ich, daß die Frauen, wenn es nach ihrer Zahl ginge, eine größere Massenwirkung darstellen würden, als je eine Partei oder Organisation dargestellt hat, wenn man diese Zahl organisatorisch zusammenfassen würde. Aber ist es nicht glücklich, daß gerade die Frauen trotz aller kämpferischen Tendenzen, die man ihnen unterstellt, niemals aus Machtbedürfnis, sondern immer nur aus Verantwortung, auch auf der politischen Bühne ringen? Und ist es nicht wertvoll, daß gerade diese Fragen im öffentlichen Leben beweisen können, daß es in der echten Wirksamkeit nicht darauf ankommt, wie hoch der Prozentsatz der Frauen im Bundestag ist, auch nicht wie hoch der Prozentsatz der aktiven Frauen in politischen Parteien und Organisationen ist, sondern nur, daß es sich um echte Persönlichkeiten handelt?… Denn hat nicht eine Frau immer so viel mütterliches Gefühl, daß sie niemals den schwachen Mann angreifen wird? Und ist es nicht gleichzeitig tausendmal beweisen, daß es die schwachen Frauen sind, die so manchem starken Mann nicht nur den Weg bereitet haben, sondern ihn auch mit ihrem Rat und mit ihrem vernünftigen Abwägen der Dinge, aus einer Erkenntnis des Verstandes, aber auch aus dem Einsatz aller Herzenskräfte, für seine öffentliche Arbeit gedient haben?

* Soweit die Bundestagsabgeordnete Margot Kalinke in ihrer Entgegnung. Sie hatte es offenbar nicht übelgenommen, daß Walter Henkels, der ihre dem Parlament bekannte Schlagfertigkeit gerühmt hatte, folgende Schilderung von ihr gegeben: "Die Abgeordnete steht dann oben - mit kühnem Haarschnitt und mächtiger Hornbrille - wie ein Kommunard, über dem der Stern ‚Frauenemanzipation' leuchtet." *

"Wo kamen wir hin", so schreib eine Frau, die einen Prokuristenposten ausfüllt, "wo kämen wir hin, hätten wir in Bonn nicht Parlamentarierinnen, die den Mund auftun, wenn es Zeit ist! Hätte man auf die Frauen mehr gehört - gleichviel, ob in der Politik oder im Arbeitsleben - so wäre, weiß Gott, manche männliche Dummheit verhindert worden! Und da wir gerade davon reden -: Es gibt also Männer in Bonn, denen es auffällt, daß die Politikerinnen zu wenig Make up tragen? Ja, denen es sogar auffällt, daß kaum eine unter den weiblichen Abgeordneten ist, die nicht schon (welch feinsinnig-poetischer Ausdruck!) einen Silberfaden ins Haar gewirkt hätten? Mir fiel auf, daß zugleich berichtet wurde, dem Bundestag gehörten 372 Männer, aber nur 30 Frauen an; det fiel mir uff…

Thea Fischer, Berlin

Wollten wir Frauen es umgekehrt tun, nämlich dem "vielen Mannsvolk" den Spiegel vorhalten, das Urteil würde nicht viel anders ausfallen. Leider hat der Verfasser nur allzu recht, wenn er sagt, daß der Einfluß der Frauen im Bundestag - und in der deutschen Politik überhaupt - ungewöhnlich gering ist. Braucht man zu sagen, woran es liegt? Schon der Optik wegen ist es bedauerlich, daß in der Regierung keine einzige Frau an sichtbarer Stelle sitzt.

Dr. Hilde Bogner, Bonn

Frauen repräsentieren 7,2 v. H. der Abgeordneten im Bundestag. Selbst wenn jede einzelne von ihnen ein parlamentarisches Genie wäre, könnte sie die Kinderkrankheiten des deutschen Parlamentarismus nicht kurieren. Sie machen also zwangsläufig diese Kinderkrankheiten mit. Sie haben ein gewisses Suffragettentum und schlichte Mütterlichkeit, Zuhören und Aktivwerden noch nicht zu einem neuen Typus politischer Frauen verarbeitet, ebenso wie die männlichen Abgeordneten noch nicht ihre Balance zwischen überaktiven Autokraten und sachlich ungeschulten Gefolgsmännern gefunden haben. Zum echten politischen Takt gehört es nun, diesen Feststellungen eine menschlich warme Objektivität zu geben, um zu helfen, diese Kinderkrankheiten zu bewältigen. Die Parlamentarierinnen verdienen überdies auch etwas mehr menschlichen Takt… Dazu sollten schon die Silberhaare verpflichten, die menschlichen Leistungen all dieser Frauen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Es ist nicht der Fehler dieser Frauen, daß in Deutschland keine geschulte jüngere Generation da ist, die diese Aufgabe übernehmen könnte. Es ist aber ihr Verdienst, daß sie Wurzeln in der Vergangenheit haben, zu der wir die Brücken notwendig brauchen. Wir haben ihnen zu danken, daß sie mit all ihren Müdigkeiten, den Mühseligkeiten ihres privaten Lebens noch einmal für eine fehlende Generation einspringen und tapfer Platz halten, bis ein sachlich geschulter und spannkräftiger Nachwuchs sie ablöst.

Maria May
Erste Vorsitzende des "Clubs
der berufstätigen Frauen", Hamburg

Betrachten wir Frauen die deutschen Parlamentarier auf Sitz und Farbe ihrer Krawatten oder Westen hin oder belächeln sie, weil sie nicht alle aussehen wie Mr. Eden oder Dean Acheson? Wir glauben, auch den Älteren unter ihnen mit Bäuchlein und Glatze, den Geist zutrauen zu dürfen, der für ihrer Arbeit nötig ist, und erwarten daher, daß auch unsere Parlamentarierinnen von dieser Warte aus gesehen und beurteilt werden.

Annemarie Kaulen, Mönchen-Gladbach

Parlamentarierinnen haben ebenso wenig die Verpflichtung "Pin up girls" zu sein wie Parlamentarier "Sonny boys".

Frau B. von Treskow, Hochfeld

Es handelt sich um das Charakterbild der modernen berufstätigen Frau; Prototyp: die Politikerin, die Parlamentarierin. Sie steht erst so kurze Zeit im Blickpunkt der Öffentlichkeit, die sie selbst vertritt, daß es nur allzu natürlich ist, wenn sie gelegentlich schüchtern, hilflos wirkt. Die Parlamentarierin hat ihre Geste, ihre Pose, ihre Phrase noch nicht gefunden - Gott sei Dank! Einige von ihnen fürchten, wie es scheint, das Plenum? Um so mehr wirken sie dann - ich weiß es - in kleinerem Kreis, dort, wo die eigentliche Arbeit getan wird: in den Ausschüssen. Sollte man dann nicht die kluge, feine, mütterliche Frau Politikerin in der Stille der Ausschüsse wirken lassen und den anderen Typ, die Rhetorin, "nach vorn" auf die Rednertribüne des Parlaments schicken? Wie falsch! Die dreißig Frauen im Bundestag sind ja kein "Frauen-Kollektiv". Sie gehören verschiedenen Parteien, verschiedenen Berufen an (auch Hausfrau und Mutter sein ist ein Beruf, und nicht der leichteste unter den Frauenberufen), sie haben nur das gemeinsam: daß sie Frauen sind. Gibt es im Bundestag ein "Männer-Kollektiv"? Nein! Soweit man also ein Gemeinsames darin findet, daß die Parlamentarierinnen die politischen Vertreterinnen der deutschen Frauen sind, genau so weit muß man auch das Unterschiedliche ihrer Parteigebundenheit, ihrer Weltanschauung, ihrer politischen und - menschlichen Erfahrung sehen. Satt dessen scheint man stillschweigend vorauszusetzen, daß nur Frauen diese Frauen gewählt haben. Mag dies in vielen Fällen vorläufig auch zutreffen, so trifft es doch nicht in allen Fällen zu. Und ich könnte mir denken, daß die stärksten Persönlichkeiten unter unseren Parlamentarierinnen allein um ihres sachlichen Könnens und ihrer politischen Einsicht willen gewählt wurden, dies sowohl von Männern als von Frauen. Politik geht alle an, sie ist ebenso Sache der Frauen wie der Männer. Und nebenbei: daß beispielsweise ein Sozialbetreuer mehr leistet als eine Sozialbetreuerin oder ein Kinderarzt mehr als eine Kinderärztin - dies zu denken, ist doch wohl eine längst überholte Anschauung, an die kein ernsthafter Mensch mehr glaubt. Warum also sollte einer Frau, die politische oder diplomatische Fähigkeiten, gar Genie genug dazu hat, ein Minister- oder Konsulposten vorenthalten bleiben? Nicht einzusehen warum! Nehmen wir an, es würde ein weiblicher Konsul ins Ausland gesandt, niemand draußen würde denken, sie käme als Vertreterin allein der Frauen: Sie vertritt ihr Land. Und hat sie Erfolg, so werden alle es ihr danken müssen, die Frauen und die Männer. Warum soll einer Parlamentarierin, ja, einer Frau, die auf gleichwelchem Posten im öffentlichen Leben steht, diese Selbstverständlichkeit des allgemeinen Zutrauens und der Erwartung nicht zugebilligt werden?

Ich weiß -: Die Frauen-Verbände, die so empfindlich werden, sobald eine "Repräsentantin der Frauenwelt" angegriffen, bespöttelt oder nur "ohne den schuldigen Respekt" betrachtet wird! Ich weiß -: Diese oft so prononciert zur Schau gestellte Tüchtigkeit der Frau, dieser Ehrgeiz, "es den Männern gleichzutun", der dann so oft gerade bei intellektuellen Frauen jenen Typ zustande bringt, den Spötter und - Psychologen als da "männliche Weib" entlarvt haben! Bedenkt man dies alles, so bleibt immer noch wahr, daß beispielsweise der Versuch, eine Überfüllung einzelner Berufssparten dadurch zu steuern, daß man erst einmal alle verheirateten Arbeitskolleginnen entläßt, ein typisch männlicher Versuch ist. Solange diese und ähnliche Ideen noch möglich sind, darf man Frauen - ob einzeln oder organisiert - nicht übelnehmen, daß sie zu Zeiten empfindlich reagieren. Von den deutschen Frauen ist seit Beginn und seit Ende des Krieges viel gefordert worden. Vorab von den Parlamentarierinnen wird gerade heute viel verlangt: Herz und Verstand, Sachlichkeit und womöglich Charme. Daß der Arbeitstag nicht nur des Parlamentariers, sondern auch der Parlamentarierin länger als acht Stunden dauert, viel, viel länger, das vergiß man leicht. Daß ihre Arbeit nicht endet, das haben sie mit allen Frauen gemeinsam…

Vera Grothe, Düsseldorf

 
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