Jeder kennt ihn, jeder macht ihn, nicht nur das Schwein. Aber was genau ist Dreck? Das Unappetitliche hat viele Gesichter. Und lässt sich nicht so leicht definieren.

Erstens: Nach Else Kling. Ex negativo. Für die Hausmeisterin der Lindenstraße steht von vornherein fest, was die Saubande, die dreckate wieder angerichtet hat. Schweine allesamt. Haben Dreck am Stecken. Den macht die Kling weg. Unerbittlich. Für Else Kling ist alles Dreck, was nicht in den Kram passt. Die Methode Kling hat einen entscheidenden Nachteil: Was sich nicht wegputzen lässt, ist nicht automatisch rein. Immer bleibt ein metaphysischer Rest.

Zweitens: Nach Joseph Beuys. Am 20. Juli 1964 betritt der Kunstprofessor aus Düsseldorf die Bühne des Auditorium maximum der Technischen Hochschule Aachen, um ein Klavier mit Waschpulver der Marke Omo zu füllen. Beuys hebt den Deckel, kippt das Pulver hinein, schlägt ein paar Tasten an und ist mit dem Klang noch nicht recht zufrieden. Sein Blick fällt auf einen Papierkorb, er fügt dessen Inhalt hinzu, die Töne scheinen ihm jetzt schon mehr Freude zu bereiten. Der Künstler nimmt eine Bohrmaschine und bohrt Löcher in das Klavier. Als er schließlich einen Kocher aufstellt, um größere Klumpen Fett zu schmelzen, stürmen aufgebrachte Studenten die Bühne. Es kommt zu blutigen Nasen. Das Ziel der Aktion, sagt Beuys, sei eine heilsame Amorphisierung gewesen. Das Publikum allerdings hält seine Kunst für Dreck. Beifall finden zwei Putzfrauen, die eine Badewanne schrubben, in der Joseph Beuys als Kind (viele argwöhnen: zu heiß) gebadet wurde.

Drittens: Nach Martin Heidegger. Begrifflich muss der Dreck geschieden werden von Abfall und Müll. Abfall ist zu voluminös. Müll zu gegenständlich. Leere Flaschen und Altpapier sind genauso wenig Dreck wie ein kaputter Kühlschrank.

Dreck zählt eher schon zu den Heideggerschen Seinscharakteren des Daseins, die sich nicht in Kategorien fassen lassen, allenfalls als Existenzialien. In diesem Sinne west der Dreck ins Abstrakte, gleichwohl Ubiquitäre. Dreck ist wie das Schwarze unter dem Fingernagel: Materie am falschen Ort. Trotzdem schwer zu vertreiben.

Viertens: Nach dem Lehrbuch der speziellen Zoologie. In jeder Sekunde seines Lebens verliert der Mensch einige tausend Hautschuppen. Das addiert sich pro Tag auf 1,5 Gramm und im Laufe eines Lebens zu 40 Kilogramm. Die rieseln zu Boden, sammeln sich in Matratzen, Bodenritzen, hinter Fußleisten und im Teppich. Dort wiederum lebt ein Heer von Milben, das nichts anderes tut, als Hautschuppen zu fressen. Nichts anderes stimmt nicht ganz - alle paar Tage nämlich häutet sich die Milbe und schreitet wenig später zur Paarung.

Außerdem defäkiert sie, etwa zwanzigmal am Tag, mikroskopisch kleine Häufchen, die bald auf und davon fliegen. Sodass man sagen kann: Rund die Hälfte des gemeinen Hausstaubs besteht aus Schuppen, Milben und Kötteln.